Ich hatte einmal mit einem Assistenten zusammen das kleine Unglück, daß uns ein stark gefärbtes chemisches Präparat beim Platzen eines Preßsackes ins Gesicht flog und die Augen nicht allein ganz verschmierte, sondern auch reizte. Wir hatten nichts Eiligeres zu tun, als die Universitätsklinik aufzusuchen. Freund Michel hat uns sofort sorgfältig gesäubert. Als aber die Harmlosigkeit der Sache festgestellt war, machte es ihm ein besonderes Vergnügen, in dem Buch der Poliklinik ein ausführliches Protokoll über diesen seltenen Fall niederzuschreiben, wobei er durch eine ganze Reihe von langen chemischen Namen seine wissenschaftliche Bedeutung zu illustrieren wußte. Ich habe später in Berlin, wohin er etwa 10 Jahre nach mir berufen wurde, seine Hilfe nochmals in Anspruch nehmen müssen, ebenfalls mit bestem Erfolg. Ich wurde damals von leichtem, aber anhaltendem Kopfschmerz geplagt, der sich bis zur Übelkeit steigern konnte, und die Ärzte, die ich frug, stellten ganz besorgte Diagnosen auf Zirkulationsstörungen und dergl. Da ich aber die Beobachtung machte, daß der Zustand am schlimmsten war, wenn ich tags zuvor stundenlang gelesen hatte, so kam ich schließlich auf die Vermutung, daß das von mir benutzte Augenglas, das ich mir einstmals selbst beim Optiker ausgesucht und dann länger als 20 Jahre unverändert getragen hatte, Schuld daran haben könne. Ich ging deshalb zum Freund Michel, und nachdem er die Augen sowie das Glas untersucht hatte, faßte er sein Urteil in folgende Worte zusammen: »Die Kopfschmerzen hätten Sie längst verdient, man sagt doch, Sie seien sonst nicht so dumm.« Er verschrieb mir dann die richtige Brille, und die Kopfschmerzen, die mich viele Wochen geplagt hatten, waren wie weggeblasen. Niemals ist bei mir eine Kur von so glänzendem und raschem Erfolge begleitet gewesen.
Von den Juristen sind mir außer dem schon erwähnten Verwaltungsdirektor Risch der Pandektist Burkhardt und der Nationalökonom Schanz im Gedächtnis geblieben. Auch an einige Theologen erinnere ich mich gerne. Es waren katholische Herren, aber keineswegs vom Kaliber der sogen. Hetzkapläne, sondern zum Teil sehr gebildete, feinfühlige und joviale Herren. Mit dem Senior der Fakultät, den sie den Bischofsmacher nannten, bin ich öfters auf dem alten Glacis der Stadt, das so hübsche Spaziergänge bot, zusammengetroffen, und wir haben uns stundenlang in freiester Weise über Kirche, Staat und Gesellschaft unterhalten. Er war im Collegium Germanicum in Rom erzogen, hatte ein lesenswertes Buch über Kirche und Staat geschrieben, und ich habe von ihm vieles über die Institutionen der katholischen Kirche, besonders über die praktische Seelsorge gehört, was mich in höchstem Grade interessieren mußte. Ob dieser Verkehr mir in den katholischen Kreisen trotz meiner protestantischen Abstammung Vertrauen verschaffte, kann ich nicht sagen, aber ich erlebte doch eines Tages die Überraschung, daß etwa 25 katholische Theologen als eingeschriebene Hörer meine Vorlesung über anorganische Chemie besuchten. Auf meine Frage, wie die Herren dazu kämen, wurde mir die Antwort, der Bischof von Speyer habe es befohlen. Wahrscheinlich hatte dieser kirchliche Würdenträger den Wunsch, daß der in seiner Diözese tätige Klerus gewisse chemische Kenntnisse besitze, um besser mit den Arbeitern der zahlreichen chemischen Fabriken in der dortigen Gegend sich verständigen zu können. Auch der Religionslehrer des katholischen Gymnasiums war mein Zuhörer, und er erklärte mir eines Tages, er könne die Lehren der modernen Chemie in dem Religionsunterricht vortrefflich verwerten. Ich habe daraus den Schluß gezogen, daß Naturwissenschaft und Religion keine grundsätzlichen Gegner zu sein brauchen.
In Würzburg bestehen zwei wissenschaftliche Gesellschaften, an deren Arbeiten ich mich gerne beteiligt habe. Die ältere und allgemeinere führte den Namen physikalisch-medizinische Gesellschaft; ihre Mitglieder waren meistens Professoren und Dozenten. Die jüngere chemische Gesellschaft war erst von J. Wislicenus gegründet worden. Zu ihr gehörten selbstverständlich die Professoren und Assistenten der beiden chemischen Institute, aber die Mehrzahl der Mitglieder waren doch ältere Studenten. Auch hier wurden Originalvorträge, jedoch häufiger große Referate über fremde Arbeiten gegeben und daneben spielte die Geselligkeit eine Hauptrolle. Den Höhepunkt erreichte diese bei den alljährlichen Stiftungsfesten, zu denen viel frühere Mitglieder von auswärts und auch zahlreiche Professoren der philosophischen und medizinischen Fakultät erschienen. Gewöhnlich gab es dabei außer witzigen Tischreden und Vorträgen auch ein Festspiel. Mir sind zwei in Erinnerung geblieben. In dem einen wurde das Doktorexamen eines Chemikers auf die Bühne gebracht mit sehr komischen und drastischen Ausfällen gegen die bekannte Prüfungsweise einzelner Professoren, so daß der Dekan der Fakultät, ein Philologe, unwillig den Saal verließ, während das übrige Publikum sich köstlich unterhielt. Die zweite Aufführung war eine Operette »Der Chemikado« mit den Melodien des Mikado und einem sehr witzigen Text von Dr. Reitzenstein. Die Kostüme und die Haartrachten hatte das Stadttheater geliehen. Der Mikado war mein früher erwähnter, lieber Neffe Alfred Mauritz, der damals in Würzburg Chemie studierte, und von dem ich in späteren Jahren noch viel Freundschaft erfahren habe. Er trug meinen Laboratoriumsanzug und Hut, sprach den niederrheinischen Dialekt und trat als einziger Europäer in der japanischen Gesellschaft um so mehr hervor. Ich besitze eine Photographie der Schauspieler, deren Anblick mich noch jetzt zum Lachen bringt.
Die chemische Gesellschaft hat auch nach meiner Zeit ihre Tradition zu wahren gewußt und von Dr. Reitzenstein ist noch manches hübsche Festspiel verfaßt worden. Wegen Zeitmangel habe ich leider an den Stiftungsfesten von Berlin aus nicht teilnehmen können, aber beim 25-jährigen Jubiläum hielt ich mich für verpflichtet, meine Absage in gereimte Form zu kleiden, und da es eins der wenigen Gedichte ist, die ich verfaßt habe, so will ich das Telegramm hier anführen.
Chemische Gesellschaft Würzburg.
»Zum fröhlichen Feste
Glückwünsch ich das Beste.
Blüh' immer so weiter
Und bleib auch stets heiter,
Grüß' alle Bekannte