Und chemisch Verwandte
Vom alten Giftmischer
Aemilius Fischer.«
Als Antwort der Gesellschaft traf prompt ein liebenswürdiger Vers von Dr. Reitzenstein ein.
Daß in Würzburg Fröhlichkeit und Humor blühten, war kein Wunder. Die freundliche Stadt mit dem prächtigen Schlosse, dem lieblichen Flusse, den schönen Glacis-Anlagen und den rebenbekränzten Bergen, die behagliche unterfränkische Bevölkerung und die alte Tradition des Krummstabes waren wohl geeignet, die an und für sich schon heitere Stimmung der akademischen Gesellschaft zu verstärken. Der Verkehr der Professoren untereinander und auch mit den Studenten war leicht und gemütlich und nahm nur zeitweise, z. B. bei den Prüfungen eine ernstere Form an. Trotzdem herrschte unter der Studentenschaft ein guter Geist; denn es wurde im allgemeinen in Würzburg ziemlich viel gearbeitet und in dem chemischen Laboratorium konnte man sich über Mangel an Fleiß nicht beklagen. Der größere Teil der Studentenschaft bestand aus Norddeutschen. Dasselbe galt von den Professoren, und von dem Partikularismus, der der bayerischen Regierung öfters bei Berufung der Professoren vorgeworfen wurde, war in Würzburg nichts zu merken. Hatte man doch an die Universität der alten Bischofsstadt, die nur eine katholisch-theologische Fakultät besaß, als Lehrer des Kirchenrechts einen Protestanten berufen! Eine Einmischung in Berufsgeschäfte ist allerdings von der ultramontanen Kammermehrheit öfters versucht, aber vom damaligen Kultusminister Dr. Lutz meist erfolgreich zurückgewiesen worden. Auch der Familienverkehr wurde in Würzburg in anmutiger Form zwischen den verschiedenen Fakultäten gepflegt und im ersten Winter war die Erlanger Kompagnie, d.h. die Ehepaare Leube und Knorr sowie meine Wenigkeit, bei den üblichen Abendessen das Objekt einer feierlichen Begrüßung. Die Antwort darauf haben wir abwechselnd gegeben, und diese erste Tischrede ist nicht selten für die akademische Gesellschaft der kritische Maßstab, den sie an neue Mitglieder anlegt. Ich mußte bei Kohlrauschs reden und hatte mir einen launigen Toast überlegt. In ihm spielte zum Schluß die Elektrizität eine Rolle, indem ich die einzelnen Damen den damals frisch erfundenen Glühlampen verglich und für die Hausfrau die Bogenlampe reservierte. Nun glaubte alle Welt, daß ich mich in diesem Bilde wie in einem Spinnetz verwickeln und höchstens durch einen brutalen Riß wieder befreien könnte. Aber glücklicherweise fiel mir ein, daß von der Bogenlampe zur Sonne rhetorisch nur ein kurzer Sprung nötig sei, und damit hatte ich das poetische Bild gewonnen, um die Hausfrau würdig zu preisen und die Zustimmung der Tischgesellschaft zu einem Hoch zu gewinnen.
Dauernden Familienverkehr habe ich aber nur bei Knorrs und ganz besonders bei dem lieben Ehepaar Leube gehabt. Die Woche mindestens einmal sind wir dort zusammengekommen. Gewöhnlich waren Michel und noch einige andere Freunde mit dabei, und wir haben bei einfachem Abendmahl überaus lustige Stunden verlebt. Leube war ein prächtiger Gesellschafter, klug, wissenschaftlich gut unterrichtet und mit den reichen Erfahrungen des erfolgreichen Arztes versehen. Er kannte eine große Anzahl von Menschen, die seinen ärztlichen Rat in Anspruch nahmen, hielt schöne Reden und machte allerliebste Gelegenheitsgedichte.
Seine liebe Frau Natalie fühlte sich mir chemisch verwandt; denn sie war, wie ich schon früher erwähnte, die Tochter von Adolf Strecker, der als Professor der Chemie in Würzburg starb. Sie selbst hatte sich in dem chemischen Institut als 18-jähriges Fräulein mit ihrem Wilhelm verlobt. Dazu kam, daß ich zufälligerweise bei mehreren chemischen Arbeiten, z. B. bei den Hydrazinen und dem Coffein der wissenschaftliche Erbe von Strecker geworden war. Kurz nach meiner Verheiratung hat das Ehepaar Leube mir die Duzfreundschaft angeboten, und wir stehen noch jetzt, wo Leubes in Stuttgart ein behagliches Alter verleben, in freundschaftlichem Briefwechsel. Die älteste Tochter Lilly hat den Gynäkologen Bumm, der jetzt ebenfalls an der Berliner Universität tätig ist, geheiratet. Die drei anderen Töchter sind die Frauen von Offizieren geworden. Leube hat mir auch in Krankheitsfällen wertvolle Dienste geleistet und meinen ältesten Sohn Hermann in frühester Jugend bei einem schweren Darmkatarrh geradezu vor dem Tode bewahrt.
Frau Leube hatte schon in Erlangen die gute Absicht, mir eine Frau zu verschaffen und glaubte das geeignete Mädchen dafür in Fräulein Agnes Gerlach in Erlangen gefunden zu haben. Aber meine Gleichgültigkeit in Sachen der Liebe und die Überhäufung mit wissenschaftlichen Problemen waren ihren Plänen nicht günstig gewesen, und schließlich trat noch als zweites Hindernis meine Erkrankung und die Befürchtung eines Rückfalles dazwischen. Aber Frauen geben so leicht ihre Lieblingsideen nicht auf, und so wußte sie das durch Liebreiz ausgezeichnete Fräulein wiederholt zu Besuchen in Würzburg zu veranlassen. Sie wurde dabei auf das kräftigste unterstützt von Frau Dr. Knorr, die sich ebenfalls mit Fräulein Gerlach angefreundet hatte. Bei einem dieser Besuche ist es dann auch wirklich zur Verlobung zwischen dem Fräulein und mir gekommen. Es war am 1. Dezember 1887, wo ich selbst 35 Jahre und meine Braut 26 Jahre alt war. Die Hochzeit fand statt in Erlangen am Sonnabend den 22. Februar 1888, kurz vor Karneval, so daß ich 4 Tage Ferien hatte, um mich in den neuen Zustand hineinzugewöhnen. Wir mußten noch einige Wochen in Würzburg bleiben und haben dann Mitte März bei Beginn der Osterferien eine vierwöchentliche Reise nach Italien gemacht. Über diese Dinge will ich aber nicht Näheres berichten, weil die Schließung des Ehebundes eine zu intime Sache ist. Ich kann nur sagen, daß meine liebe Frau ein durch körperliche Schönheit, Reinheit der Seele und Sanftmut ausgezeichnetes Wesen war. Ihre Eltern hatten sie auf den Händen getragen und dadurch vielleicht zu sehr verwöhnt; denn die Pflichten der Ehe und die Führung eines großen Haushaltes haben ihr namentlich in Berlin den ruhigen Lebensgenuß stark verkürzt und eine gewisse Gleichgültigkeit gegen ihre eigene Wohlfahrt erzeugt, die bei ihrer letzten Krankheit einen unglückseligen Einfluß ausübte und vielleicht mit an ihrem Tode schuld gewesen ist. Sie starb am 12. November 1895 in Berlin an einer Meningitis infolge einer Mittelohrentzündung, wahrscheinlich weil die rettende Operation wegen des Widerstandes der Patientin zu spät ausgeführt wurde. In Würzburg hat sie mir zwei Söhne geschenkt.
Der älteste Hermann Otto Lorenz wurde geboren am 16. Dezember 1888 und war von Anfang an ein kräftiges gesundes Kind. Dem entsprach auch seine spätere Entwicklung. Er hat nur eine gefährliche Krankheit mit zwei Jahren durchgemacht, einen Magen- und Darmkatarrh, da der Hausarzt törichterweise von vornherein ein Stopfmittel gab und dadurch einen hartnäckigen, gefährlichen Darmverschluß herbeiführte. Das Kind wäre sicher gestorben und zwar an Verdurstung, wenn wir ihm nicht auf Rat von Leube zuguterletzt per anum eine große Menge Wasser hätten zuführen können.
Die Geburt des zweiten Knaben, die am 5. Juli 1891 stattfand, war verfrüht und das Kind infolgedessen schwach. Es hat sich zwar später ziemlich rasch erholt. Aber als wir nach Berlin übersiedelten, hatte der jetzt ganz kräftige Knabe unter der schlechten Milch der Großstadt zu leiden. Er bekam infolgedessen im Juni 93 einen anhaltenden Darmkatarrh und im Herbst desselben Jahres das Scharlachfieber, gefolgt von einem sehr häßlichen Bronchialkatarrh. Diese Umstände haben vielleicht ungünstig auf das Nervensystem des Kindes gewirkt. Trotzdem entwickelte er sich zu einem großen, starken und geistig regsamen Jüngling, der mit Leichtigkeit die Schule absolvierte und mit 18 Jahren die Universität bezog. Ohne sich eine Erholungspause nach dem Gymnasium zu gönnen, stürzte er sich mit Feuereifer auf das Studium der Medizin. Alles sprach bei ihm für eine hoffnungsvolle Zukunft, als der Sommer 1910 eine jähe Schädigung der Gesundheit brachte. Er hatte hartnäckig auf der Absicht bestanden, in dem Sommer als Mediziner das vorgeschriebene halbe Jahr mit der Waffe zu dienen und geriet zu seinem Unglück in ein Infanterieregiment zu Jena. Durch den forcierten Militärdienst des Sommers ist der noch nicht genug entwickelte, ungewöhnlich große junge Mann überanstrengt worden. Er bekam Herzbeschwerden und wurde vom Militär entlassen. Die Krankheit war an und für sich wohl nicht schlimm, aber sie übte auf das Gemüt des jungen Mannes einen verderblichen Einfluß aus, denn er sah, wie es bei jungen Medizinern nicht selten ist, die Krankheit in einem besonders düstern Bilde. Er setzte zwar seine Studien fort und bestand im Frühjahr 1912 in Heidelberg mit Auszeichnung die ärztliche Vorprüfung, studierte dann zwei Semester in Würzburg und kam wegen militärischer Dinge im Sommer 1913 wieder nach Berlin. Aber hier brach er nervös zusammen. Seine Arbeitskraft war erschöpft. Er glaubte immer kränker zu werden, ließ sich im Herbst nach Nauheim, später nach Meran schicken und verfiel in eine tiefe Melancholie. Weder ich noch die behandelnden Ärzte haben seinen Zustand richtig erkannt, sonst hätte man vielleicht der fortschreitenden geistigen Erkrankung vorbeugen können. So aber kam es im November in Meran zum offenkundigen Ausbruch der Geisteskrankheit. Durch einen mehrmonatlichen Aufenthalt bei Binswanger in Jena gelang eine zeitweise Heilung. Er blieb noch den Sommer als Studierender in Jena. Obschon aus dem Militärverhältnis entlassen, hatte er sich auf eine Anfrage der Militärmedizinalbehörde verpflichtet, im Kriegsfalle ärztlichen Hilfsdienst zu leisten. Dementsprechend wurde er im September 1914 als Unterarzt an ein Lazarett zu Erfurt kommandiert. Diese Tätigkeit hat ihm anfangs zugesagt und gutgetan, aber nach 5 Monaten kam er in Streit mit dem Vorgesetzten und im Anschluß daran erfolgte ein neuer Ausbruch seiner Krankheit. Er ist dann wiederholt bei Binswanger gewesen, ohne aber seine Arbeitskraft wiederzugewinnen. Manchmal schien es, als sei die Krankheit ganz gehoben, so ruhig und vernünftig wußte er sich zu geben. Als ich im August 1916 mit ihm einen mehrwöchigen Aufenthalt in St. Blasien genommen hatte, war ich voller Hoffnung, daß die Heilung anhalte. Aber plötzlich kam ein Rückfall, schlimmer als die vorhergehenden. Wir kehrten nach Wannsee zurück, und er ging dann bald wieder zu seinem Freund Binswanger. Hier verschlimmerte sich der Zustand, er mußte in eine geschlossene Anstalt aufgenommen werden und das Bewußtsein, nun aller Wahrscheinlichkeit nach ein verlorener Mensch zu sein, hat ihn im Zustand tiefer Depression zu dem Entschluß geführt, freiwillig in den Tod zu gehen. Er ist am 4. November 1916 im Alter von 25 Jahren gestorben und ruht auf dem kleinen Friedhof zu Wannsee. Ein lieber, guter Sohn, ein talentvoller und strebsamer junger Mann ist mit ihm dahingegangen.