Mein dritter Sohn Alfred Leonhard Joseph wurde geboren am 3. Oktober 1894 zu Ambach am Starnberger See. Ich war damals bereits in Berlin und meine Frau wollte nur für einige Wochen ihre Eltern in Ambach besuchen. Da sie in hoffnungsvollem Zustand war und schon früher einmal Unglück gehabt hatte, so hielt ich die Reise für zu gewagt. Aber mit Rücksicht auf das hohe Alter ihres Vaters ließ sie sich nicht abhalten. Die Folge war, daß sie sich in Ambach gleich zu Bett legen und 5 Monate bis zur Geburt des Knaben liegen mußte. Auch dieser kam sehr zart auf die Welt. Er wurde später ebenfalls ein kräftiger Mann, hatte aber eine sehr empfindliche Haut und litt von Zeit zu Zeit an nervösen Kopfschmerzen. In frühester Jugend hatte er im Sommer in Wannsee zweimal hintereinander einen malariaartigen Zustand durchgemacht, bis wir unseren Wohnsitz dort auf die Höhe verlegten. Auch er war begabt, fleißig und ein guter Schüler, verließ mit 18 Jahren das Gymnasium und wollte wie der älteste Bruder Chemiker werden. Ich riet ihm aber davon ab wegen der großen Empfindlichkeit seiner Haut und seiner Kopfnerven. Er studierte deshalb zunächst Physik, verließ diese aber schon nach zwei Semestern und wurde Mediziner. Während er in Heidelberg studierte, brach der Krieg aus. Er meldete sich zunächst freiwillig, wurde aber zurückgestellt. Im Januar 15 trat er bei einem Artillerieregiment in Berlin ein. Nach erfolgter Ausbildung ging er im September desselben Jahres ins Feld und fand bei der Munitionskolonne, bei der sein Bruder Hermann Leutnant war, als Sanitätsgefreiter Verwendung. Hier wurde er bald zum Unteroffizier befördert. Im Juli 1916 hat er während seines letzten Urlaubs in Heidelberg die ärztliche Vorprüfung mit Auszeichnung bestanden. Im August desselben Jahres wurde er mit der Munitionskolonne nach Rumänien geschickt, und die beiden Brüder haben damals den Vormarsch in der Dobrudscha mitgemacht. Hier wurde er zum Feldunterarzt befördert. Während der ältere Bruder nach einer 6-wöchentlichen Ausbildung in Berlin Gasschutzoffizier wurde und dann als solcher den Vormarsch der deutschen Armee in Rumänien im Hauptquartier von Falkenhayn mitmachte, kam Alfred in verschiedene Spitäler und zuletzt zu seinem Unglück in ein Seuchenlazarett zu Bukarest, wo die sanitären Verhältnisse nach seiner eigenen Schilderung recht schlecht waren. Hier hat er sich an fleckfieberkranken Türken infiziert und ist nach 14-tägiger Krankheit am 29. März 1917 gestorben. Er wurde auf dem Ehrenfriedhof zu Bukarest beerdigt, und sein Bruder Hermann, der damals in Focsani stand, konnte ihm mit kurzem Urlaub die letzte Ehre erweisen. Er war ebenfalls ein sehr lieber, verständiger und begabter Mensch von vornehmer Gesinnung und sehr geschickt im Verkehr mit dem Volke. Wahrscheinlich wäre er ein ausgezeichneter Arzt, vielleicht auch ein erfolgreicher Forscher geworden.

Im Sommer 1888 war der hochbetagte Robert Bunsen vom Lehramt zurückgetreten. Die Professur wurde zunächst Victor Meyer angeboten, der aber nach einigem Zögern ablehnte und in Göttingen bleiben wollte. Darauf erhielt ich den Ruf und der betreffende Referent des badischen Ministeriums kam zur Unterhandlung mit mir nach Würzburg. Die Bedingungen waren im allgemeinen recht günstig und obschon ich gerne in Würzburg war, hatte Heidelberg doch für mich und noch mehr für meine Frau eine gewisse Anziehungskraft. Wir sind deshalb zusammen im Frühjahr 89 nach Heidelberg gefahren, um uns über alle Einzelheiten zu unterrichten. Im Hotel trafen wir bereits Exzellenz Bunsen, der seine Dienstwohnung aufgegeben und einstweilen Quartier im Gasthaus genommen hatte. Der verehrungswürdige alte Herr empfing uns mit großer Höflichkeit und suchte uns die Vorzüge der Heidelberger Stelle möglichst klar zu machen.

Als ich nach der ersten Unterredung meine Frau frug, welchen Eindruck sie von dem großen Chemiker empfangen hatte, erwiderte sie lachend: »Erst möchte ich ihn waschen und dann küssen; denn er ist ein gar lieber Mann.«

Am nächsten Morgen zeigte uns Bunsen das von ihm erbaute und so lange benutzte Laboratorium am Wredeplatze. Er war ganz verliebt in das alte Haus, das allerdings die Weihe einer großen Tradition und gewaltigen wissenschaftlichen Arbeit trug. Aber die Hilfsmittel waren doch im Vergleich zur Neuzeit recht bescheiden. Die Ventilation wurde noch wie in den alten Alchemistenküchen durch einen großen Rauchfang besorgt und auf meine Frage, ob das genüge, erklärte der alte Herr: »Wir haben hier die reine Gartenluft.« Im Gegensatz dazu meinte dann der Assistent, an den ich mich noch vertraulich wandte, daß der Gestank meist unausstehlich sei.

Als wir zum Schluß auch die Dienstwohnung besichtigen wollten, führte uns zwar Bunsen bis zur Eingangstür, zog dann aber einen riesigen Schlüsselbund hervor und prüfte jeden einzelnen Schlüssel, ob er zum Schloß passe. Der Versuch fiel negativ aus und das Resultat wurde bei mehrmaliger Wiederholung nicht besser, so daß ich schließlich den alten Herrn bitten mußte, seine Bemühungen einzustellen. Hinterher habe ich erfahren, daß die Operation mit dem Schlüssel eine Komödie war. Bunsen wollte uns einfach die Wohnung nicht zeigen, weil er fürchtete, sie würde meiner Frau ebenso wie Frau Meyer mißfallen und einen Grund zur Ablehnung des Rufes bilden. Darin hatte er sich allerdings geirrt. Nicht die Wohnung, sondern die Maßregeln, die man zur Erweiterung des Instituts getroffen hatte, und die nach meiner Ansicht nur eine Flickerei bedeuteten, waren für mich bestimmend, in Würzburg zu bleiben, nachdem man mir dort einen Neubau des Instituts in Aussicht gestellt hatte. Inzwischen war bei Meyer ein gründlicher Stimmungswechsel eingetreten, er bedauerte außerordentlich, nicht nach Heidelberg gegangen zu sein und besuchte mich umgehend in Würzburg, um mich darüber aufzuklären. Wir wurden rasch einig; denn mir war es lieb, absagen zu können, ohne daß der alte Bunsen und die Heidelberger Fakultät sich über mangelnde Schätzung der dortigen Professur zu beklagen hätten. Mit dem Ministerium zu Karlsruhe wurde die Angelegenheit telegraphisch erledigt und Meyer ist dann, wie bekannt, nach Heidelberg gegangen. Das alte Bunsen'sche Laboratorium blieb im Betrieb, wurde aber durch einen Neubau für die organische Abteilung ergänzt. Ich habe mir später das vergrößerte Laboratorium angesehen und die Überzeugung gewonnen, daß meine ursprüngliche Ansicht richtig war. Man hätte mit demselben Gelde einen sehr viel größeren und zweckmäßigeren Neubau 10 Minuten vor der Stadt errichten können.

Die Universitätsverwaltung zu Würzburg und das Kultusministerium zu München gaben ihren Dank für mein Bleiben sofort zu erkennen; denn sie beantragten den Neubau des chemischen Instituts, wofür die Stadt einen prächtigen Bauplatz am Pleichering für die Überlassung des alten Gebäudes in der Maxstraße zur Verfügung stellte. Außerdem wurde für mich eine Gehaltszulage von 1000 Mk. in Aussicht gestellt, ohne daß ich in diesem Punkt eine Forderung gestellt hatte. Aber beide Positionen bedurften der Genehmigung durch den bayerischen Landtag. Sie wurden von der ultramontanen Mehrheit in schroffer Weise abgelehnt und die Gehaltszulage sogar zum zweiten Male, als die Kammer der Reichsräte die kleine Summe in den Etat wieder eingestellt hatte. Der Grund dieser schlechten Behandlung ist mir erst einige Jahre später bekannt geworden. Zum Trost dafür wurde mir zunächst ein bayerischer Orden verliehen und bald nachher auch die Gehaltszulage gewährt, nachdem die Mittel dafür durch einen Sterbefall frei geworden waren. Die Forderung für den Neubau mit 650000 M. mußte allerdings um 2 Jahre, d. h. bis zur nächsten Haushaltsperiode verschoben werden. Die Sache nahm dann einen sehr lustigen und für bayerische Verhältnisse so charakteristischen Verlauf, daß ich sie hier in den Einzelheiten mitteilen will.

Um die von der Regierung betonte Notwendigkeit eines Neubaues für das chemische Institut an Ort und Stelle zu prüfen, erschien eine Kommission des Landtages in Würzburg. Sie bestand aus dem Ministerialbeamten Dr. Bumm, dem Vertreter der ultramontanen Mehrheit Dr. Daller und dem Vertreter der liberalen Minderheit Dr. Schauß. Letzterer hatte die Freundlichkeit, mich vor der offiziellen Besichtigung im Institut aufzusuchen, da er mich von der Münchener Zeit her persönlich kannte. Er eröffnete die Unterredung mit der Frage: »Wie kommen Sie als gut katholischer Mann dazu, Ihre Kinder protestantisch taufen zu lassen?« Auf meine Erklärung, daß ich stets protestantisch gewesen sei, erwiderte er: »Herrgott, dann ist Ihnen ja vor zwei Jahren schweres Unrecht geschehen«, wobei er die schlechte Behandlung von seiten des bayerischen Landtages im Auge hatte. Als ich aber dann zufügte, daß meine Frau katholisch sei, erklärte er lachend: »Nun, das ist noch viel schlimmer, dann haben Sie also die Strafe von damals redlich verdient.«

Bald nachher hatten wir die Ehre, die Kommission zu empfangen. Damit das in würdiger Weise geschehe, waren nach Verabredung mit den Assistenten und Studenten Vorbereitungen getroffen, nicht mit Blumen oder weißgekleideten Jungfrauen, sondern auf viel wirksamere Weise mit den stärksten Riechstoffen der Chemie. Brom, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, Mercaptan, Skatol, Isonitril, Kakodyl hatten dazu gedient, die verschiedenen Räume des Instituts mit einer infernalischen Atmosphäre zu erfüllen, um den Mitgliedern der Kommission die ungenügende Größe und schlechte Ventilation überzeugend ad nasum zu demonstrieren. Ich sehe noch die erstaunten Gesichter der Herren, die sich tapfer durch die Gerüche durcharbeiteten, und als wir schließlich im Keller angelangt waren, atmete die ganze Gesellschaft auf und erklärte, daß hier die Luft bei weitem am besten sei.

Meine Aufgabe war es selbstverständlich, Herrn Dr. Daller für den Neubau zu gewinnen, und ich bot dafür alle mir zu Gebote stehende Beredsamkeit auf. Als kluger Mann hielt er sich für verpflichtet, auch billigere Möglichkeiten, z. B. einen Umbau des alten Instituts, zu erwägen.

Als ich diesen Gedanken zurückwies, weil das Haus in der Grundlage verfehlt sei, stellte er die überraschende, aber gewiß nicht unberechtigte Frage: »Wer garantiert uns denn dafür, daß solche Eselei nicht wieder passiert?« Ich war selbstbewußt genug, für meine Person die Eselei entschieden abzulehnen und hatte den Eindruck, daß sowohl Dr. Daller, wie die beiden anderen Herren von meinen Darlegungen befriedigt seien. In der Tat wurde mehrere Wochen später die Summe für den Neubau von dem Landtag ohne jeden Abstrich bewilligt, und ich war auf diesen scheinbaren Erfolg meiner Bemühungen ziemlich stolz.