Als ich aber ein halb Jahr später Adolf von Baeyer in München besuchte und ihm den Verlauf der Verhandlungen über den Neubau des Würzburger Instituts erzählte, erfuhr ich mit einem gewissen Gefühl der Enttäuschung, daß der Gesinnungswechsel bei Dr. Daller nicht durch meine Beredsamkeit und sonstige Veranstaltungen herbeigeführt worden wäre, sondern durch den Eingriff eines meiner alten Schüler aus der Münchener Periode, Dr. Brandl, durch den ich die früher erwähnte kleine Arbeit über die Bestimmung des Fluors in Silicaten hatte ausführen lassen. Dieser Herr war mit Dr. Daller engbefreundet und hatte ihm ernste Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung gemacht, die mir von Seiten des bayerischen Landtages zwei Jahre vorher zuteil geworden war. Das war der Grund, warum Dr. Daller nunmehr für den Neubau des Instituts eintrat und die ungekürzte Bewilligung der Bausumme befürwortete.

Für die Begründung der Forderung an den Landtag hatten der Universitätsbaumeister von Horstig und ich einen provisorischen Bauplan entworfen und erhielten nun von der Regierung in München plötzlich den überraschenden Auftrag, diesen mit der vom Landtag bewilligten Summe auszuführen. Ich erklärte darauf kurzweg der Universitätsverwaltung, daß der Plan durchaus unreif sei und erst durch ein neues, nach jeder Richtung hin durchdachtes Projekt ersetzt werden müsse. Aber dazu hatte der Universitätsbaumeister keine rechte Lust, weil ihm inzwischen auch die Aufgabe zugefallen war, ein neues Haus für die gesamte Universität zu bauen. Es mußte also für das Institut ein besonderer Baumeister gesucht werden. Diese Aufgabe fiel wieder mir zu, und durch fleißige Erkundigungen bei Sachverständigen gelang es mir auch, einen im bayerischen Staatsdienst stehenden, jungen tüchtigen Baumeister zu ermitteln. Mit meinem Vorschlag, diesem Herrn unter günstigen Bedingungen den Institutsbau in Würzburg anzuvertrauen, fand ich beim Kultusministerium in München größtes Entgegenkommen. Aber die Bauverwaltung glaubte sich durch mein Vorgehen in ihren Rechten beeinträchtigt und schlug meine Bitte rundweg ab. Infolgedessen wandte ich mich im Einverständnis mit der Universitätsverwaltung in Würzburg an den hervorragenden Architekten Professor Hase in Hannover, mit dem ich vorher in einem Briefwechsel über seinen Sohn, der in Würzburg Chemie studierte, gestanden hatte. Er empfahl uns einen tüchtigen jungen Baumeister aus dem Kreise seiner Schüler, und es kam mit dem Herrn ein Vertrag zustande. Als dieser aber zur Genehmigung den Behörden in München vorgelegt wurde, entstand dort eine große Aufregung über die Wahl eines preußischen Baumeisters und über das eigenmächtige Vorgehen von Professor Fischer. Der Vertrag wurde annulliert und die Münchener Baubehörde sandte, da sie selbst keinen geeigneten Mann zur Verfügung hatte, einen jungen schwäbischen Baumeister nach Würzburg, der sich aber hinterher als unfähig erwies. Der ganze Streit mit der Baubehörde zu München hatte aber das Gute, daß auf ihre ernsten Vorstellungen hin sich nun der tüchtige Universitätsbaumeister von Horstig noch bereit erklärte, auch den Neubau des chemischen Instituts zu übernehmen. Mit ihm zusammen habe ich dann einen neuen Plan ausgearbeitet, der nach meinem Gefühl gründlich durchdacht war und sowohl in den Raumverhältnissen, wie in den technischen Einrichtungen dem Bedürfnis der Universität Würzburg entsprach. Mit kleinen Abänderungen ist er auch wirklich ausgeführt worden, allerdings erst nach meinem Weggange von Würzburg, und ich glaube, daß auch heute noch das Würzburger Institut zu den besteingerichteten Laboratorien Deutschlands gehört.

Nach alter Gewohnheit habe ich in Würzburg die Ferien regelmäßig zu kürzeren oder längeren Reisen benutzt. Ostern ging es meistens nach dem Süden. Die Reise nach Corsica 1886, wo der Skatolgeruch mich begleitete, ist früher schon erwähnt. Nach 14-tägigem Aufenthalt in Ajaccio erhielt ich den Besuch von W. Königs und R. von Pechmann, die von Nizza kamen und nach einer stürmischen Nacht in ziemlich erschütterter Verfassung auf der Insel landeten. Einige Tage später sind wir zusammen auf einem Privatwagen von Ajaccio quer durch die Insel über Corte nach Bastia gefahren. Es ist eine Strecke von etwa 120 km, und die Fahrt dauerte zwei Tage. Es war für die beiden kleinen corsischen Pferde eine achtungswerte Leistung; denn die schöne Straße führte über eine beträchtliche Paßhöhe von mehr als 1000 m. Eisenbahnverbindungen gab es damals noch nicht auf der Insel.

Wegen der Armut des Landes kamen wir etwas verhungert in Bastia an, von wo es noch in der gleichen Nacht weiter nach Livorno ging. Hier sind wir für die kleinen Entbehrungen der sonst genußreichen Landfahrt entschädigt worden durch ein opulentes Mahl, das Pechmann zusammen mit dem Chef de cuisine des Hotels zusammengestellt hatte; denn er war nicht allein ein guter Chemiker, sondern auch in der Kochkunst wohl unterrichtet. Ich bin später noch einige Male mit diesem verdienten Fachgenossen auf Reisen zusammengetroffen. Königs hat ihm einen trefflichen Nekrolog gewidmet. Ich kann hier nur bestätigen, daß er ein sehr angenehmer Reisegesellschafter war, der gerne das Amt des Reisemarschalls übernahm und dessen Anordnungen man ruhig vertrauen konnte, wenn man nicht aufs Sparen angewiesen war.

Im nächsten Jahre verbrachte ich die Osterferien zu Bordighera an der Riviera di Ponente in Gesellschaft von Baeyer und später bin ich dort wiederholt mit Baeyer und einmal auch mit Victor Meyer zusammengetroffen. Zu unserm Kreise gesellte sich auch der Dichter Ludwig Fulda, der uns bei Tisch mit allerlei Späßen und Schnurren trefflich unterhielt. Der Tag diente dann regelmäßig für Spaziergänge und Ausflüge in die prächtige Umgebung, und die Abende verbrachten wir ebenso regelmäßig in der Bierstube des Hotels mit Glücksspiel, wobei der höchste Einsatz allerdings auf 2 Soldi normiert war. Baeyer galt als der Sachverständigste, da er in jungen Jahren einmal einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in Monaco gehabt und dort mit den Croupiers der Spielbank verkehrt hatte. Er war deshalb der Bankhalter, und es machte ihm großen Spaß als solcher an manchen Abenden einen Gewinn von 4 bis 5 Frs. einzustreichen. Ich bin selbst immer ein Feind des Spiels gewesen, weil es von meinem Vater als eines der schlimmsten Laster so oft gerügt worden war. Aber an die Spielabende in Bordighera, bei denen allerdings die Leidenschaft nicht allzu sehr erregt wurde, denke ich doch mit Vergnügen zurück.

Für manche Leute ist freilich ein solches Spiel mit dem Spiele ein gefährliches Ding. So hat unser Freund Pechmann schwer darunter gelitten; denn der größere Teil seines Vermögens war der Spielbank zu Monte Carlo zum Opfer gefallen, und auch in späteren Jahren, wenn er in die Gegend der Bank kam, bedurfte es sorgfältiger Überwachung durch seine Freunde, wenn die Reisekasse nicht gefährdet sein sollte. Auch unter meinen späteren Berliner Kollegen habe ich solche Spielfreunde kennen gelernt, die im übrigen sehr kluge und vernünftige Leute waren. Denn die Leidenschaften sind von dem Verstande ziemlich unabhängig.

Selbstverständlich fehlte es auch bei dem Zusammenleben an der Riviera, besonders auf den Spaziergängen, nicht an wissenschaftlichen Gesprächen, und es gab wohl kaum ein wichtiges Problem der Chemie, das wir nicht behandelt hätten.

In besonderer Erinnerung ist mir eine stereochemische Frage geblieben. Im voraufgegangenen Winter 1890/91 hatte ich mich mit der Aufgabe beschäftigt, die Konfiguration der Zucker aufzuklären, ohne ganz zum Ziele zu gelangen. Da kam mir in Bordighera der Gedanke, die Entscheidung über die Konfiguration der Pentosen durch ihre Beziehungen zu den Trioxyglutarsäuren zu treffen. Leider konnte ich wegen Mangel eines Modells nicht feststellen, wieviel solcher Säuren nach der Theorie möglich seien, und ich legte deshalb die Frage Baeyer vor. Er griff solche Dinge mit großer Wärme auf und konstruierte gleich aus Zahnstochern und Brotkügelchen Kohlenstoffatommodelle. Aber nach langem Probieren gab auch er die Sache auf, angeblich, weil es ihm zu schwer wurde. Es ist mir erst später in Würzburg durch lange Betrachtung von guten Modellen gelungen, die endgültige Lösung zu finden.

Später bin ich mit Baeyer in den Osterferien wiederholt an den Genfer See, nach Territet bei Montreux gegangen, wo wir einigemale auch mit Carl Graebe, der damals Professor in Genf war, zusammentrafen. Bei Sonnenschein war der Aufenthalt am Genfer See außerordentlich erfrischend und die herrliche Umgebung gab reichlich Gelegenheit zu schönen Spaziergängen und größeren Ausflügen. Graebe war ein belebendes Element in unserem Kreise, und wenn an der langen Tafel des Grand Hotels sein helles, lautes Lachen ertönte, so wurde die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft dadurch geweckt. Durch sein heiteres Wesen, seine gefälligen Umgangsformen, das kluge Urteil in wissenschaftlichen und auch rein menschlichen Dingen hat er mir so gut gefallen, daß ich mich gerne um seine Freundschaft bewarb und mit ihm wiederholt noch in späteren Jahren während der Herbstferien im Schwarzwald zusammengetroffen bin.

Mit 65 Jahren verließ er Genf, wo er mehr als ein Vierteljahrhundert als Professor der Chemie gewirkt hatte, und zog sich nach seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. zurück, wo er jetzt noch hochbetagt, aber in körperlicher und geistiger Frische weilt. Seine großen wissenschaftlichen Arbeiten gehören der Geschichte an. Aber auch jetzt noch ist er schriftstellerisch tätig, und im vergangenen Herbst erfuhr ich zu meiner großen Freude in Baden-Baden von ihm, daß er eine Geschichte der organischen Chemie geschrieben habe, welche sicherlich das gleichartige vortreffliche Buch von Ed. v. Hjelt in glücklicher Weise ergänzen wird und von der ich hoffe, daß der Druck durch die Kriegszeit nicht verhindert wird.