Im Anschluß an einen Aufenthalt in Territet haben Baeyer und ich 1892 an dem internationalen Kongreß der Chemiker zur Reform der Nomenklatur der Kohlenstoffverbindungen in Genf teilgenommen. Er unterschied sich in vorteilhafter Weise von den lärmenden und verwirrenden internationalen Zusammenkünften wissenschaftlicher oder technischer Art, die in den letzten 20 Jahren stattfanden und die ich, wenn irgend möglich, vermieden habe. Der in Genf versammelte bestand aus etwa 60 Personen, die alle im gleichen Hotel untergebracht waren und die wie eine große Familie mehrere Tage zusammen verlebten. Auch mehrere Damen, u. a. auch meine eigene Frau nahmen an den bescheidenen, aber behaglichen, geselligen Veranstaltungen teil.
An der Spitze des Kongresses stand Charles Friedel aus Paris, ein geborener Elsässer und ein sehr sympathischer Mann; ich kannte ihn schon von einem früheren Besuch in Paris. Er begrüßte mich mit der ruhigen Freundlichkeit, die seinem Wesen eigen war. Wir haben uns lange unterhalten, weil ich ihm viel von seiner Vaterstadt Straßburg erzählen konnte, wobei er bis zu Tränen gerührt die Abtrennung seiner Heimat von Frankreich beklagte.
Auch die meisten anderen europäischen Länder waren vertreten. Eine Hauptrolle bei den Verhandlungen spielte Adolf Baeyer, der ebenfalls sich mit Nomenklaturfragen schon vielfach beschäftigt hatte und durchweg mit seinen Vorschlägen durchdrang. Über die Einzelheiten zu berichten, habe ich um so weniger Veranlassung, als die Verhandlungen ziemlich ausführlich in den chemischen Zeitschriften geschildert sind.
Von dem Ergebnis des chemischen Kongresses ist manches geblieben und wohl dauerndes Eigentum der chemischen Sprache geworden. Aber die konsequente Durchführung einer rationellen Nomenklatur nach der chemischen Konstitution hat sich doch als unmöglich erwiesen, da sie schließlich zu Namen führte, die wegen ihrer Länge unbrauchbar sind. Auch das, was man vorzugsweise ins Auge gefaßt hatte, die Registrierung der Kohlenstoffverbindungen mit Hilfe solcher Namen, ist, wie man weiß, inzwischen abgelöst worden durch die praktische einfachere Registrierung nach der empirischen Formel, wie sie von M. M. Richter zuerst angewandt wurde. Aber auch hier wächst die Zahl der unter gleicher Formel aufgeführten Isomeren mit erschreckender Schnelligkeit, und schon muß man daran denken, neben der empirischen Formel noch ein zweites Registrierungsmittel zu finden, um die Aufsuchung der einzelnen Stoffe zu erleichtern.
Die Tage des Genfer Kongresses werden trotzdem allen Teilnehmern in bester Erinnerung geblieben sein; denn er war in seinem harmonischen Verlauf und dem behaglichen Verkehr seiner Mitglieder ein würdiges Abbild der gemeinsamen Interessen, welche die Vertreter der Wissenschaft in allen Ländern miteinander verbinden sollte. Nach den traurigen Erfahrungen des Weltkrieges rufe ich mir diese besseren Zeiten gerne ins Gedächtnis zurück und hoffe, daß mit der Rückkehr des Friedens auch die Vernunft und das Gefühl der Solidarität bei den Gelehrten und ganz besonders bei den Naturforschern zurückkehren wird.
Während der Würzburger Periode bin ich in den Herbstferien meist nach einem Seebad in Belgien oder Holland und später nach Norderney gegangen. An einer solchen Badereise nach Scheveningen 1889 nahm auch meine Frau teil, und wir haben dort mit Arthur Dilthey und seiner Frau mehrere vergnügte Wochen zugebracht und hinterher die größeren holländischen Städte besucht. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch meiner Frau Euskirchen und Umgebung gezeigt und sie unserer zahlreichen Familie am Niederrhein vorgestellt. Gewöhnlich aber ging sie in den Herbstferien mit den Kindern nach Ambach am Starnberger See zu ihren Eltern.
Zu der Jagd in Euskirchen, der ich früher so viel Erfrischung verdankte, bin ich seit meiner Erkrankung in Erlangen nicht mehr gekommen, weil ich mich nicht neuen Erkältungen aussetzen wollte. Statt dessen habe ich im September wiederholt die Naturforscherversammlung besucht, während der Würzburger Zeit diejenige zu Berlin 1886 und Heidelberg 1889. Letztere stand im Zeichen der Physik und Chemie; denn Heinrich Hertz und Victor Meyer hielten die beiden Hauptvorträge, der erste über seine große Entdeckung der elektrischen Wellen und der andere über allgemeine Probleme der Chemie.
Auch H. von Helmholtz und Werner von Siemens kamen in Gesellschaft von Edison, der gerade den Phonographen erfunden hatte und dieses merkwürdige Instrument durch einen Gehilfen vorführen ließ. Ferner habe ich hier den Physiker Bolzmann aus Wien zuerst sprechen hören. Er hatte die merkwürdige Gewohnheit, jeden Satz in der höchsten Stimmlage zu beginnen und im tiefsten Bariton zu beenden. Das war so anstrengend, daß ihm schon nach einigen Minuten der Schweiß über das Gesicht rann, und wir Zuhörer hatten trotz der großen Achtung vor dem Redner Mühe, unsere Heiterkeit zu verbergen.
Bunsen war nicht anwesend. Wahrscheinlich hatte er noch genug von den Strapazen der 500-jährigen Jubelfeier der Universität Heidelberg, die einige Jahre zuvor im August 1886 stattgefunden und an der ich auch teilgenommen hatte.
In Gesellschaft von Baeyer machte ich damals meinen ersten Besuch bei Bunsen, der uns sehr freundlich und mit Bergen von Zigarren empfing, aber in der Unterhaltung wohl wegen seiner Schwerhörigkeit zurückhaltend war. Wir trafen dort Sir Henry Roscoe, der von England herübergeeilt war, um seinem alten Lehrer und Freunde Bunsen die Repräsentation während dieser Festtage zu erleichtern. Roscoe war ein sehr liebenswürdiger Mann, der sich uns jungen Fachgenossen schnell anzupassen wußte und uns durch die Erzählung von Schnurren aus seiner Heidelberger Studienzeit oder von seinen Erlebnissen in England viel Spaß machte. Ich habe ihn noch mehrmals in England selbst wiedergesehen und er hat mir auch einige sehr freundlich gehaltene Briefe geschickt.