Natürlich fehlte es damals in Heidelberg nicht an den üblichen Festen auf dem alten Schloß, an einem gewaltigen Kommers, dem der Großherzog in eigener Person präsidierte, und ähnlichen akademischen Veranstaltungen.

Die Naturforscherversammlung in Berlin vom Jahre 1886, die erste in der neuen Reichshauptstadt, war außerordentlich stark besucht. Sie trug einen anderen Charakter wie in Heidelberg, verlief aber für uns Chemiker auch sehr interessant; denn die Verhandlungen in unserer Sektion waren reich an wissenschaftlichem Inhalt und die einheimischen Mitglieder der chemischen Gesellschaft gaben sich alle Mühe, durch behaglichen geselligen Verkehr und Veranstaltungen von lustigen Festen, z. B. einem Bierabend der durstigen chemischen Gesellschaft unter dem Vorsitz von C. Scheibler, den auswärtigen Fachgenossen den Aufenthalt in Berlin zu verschönern. Hier habe ich A. W. von Hofmann von neuem kennen gelernt und seine große Gewandtheit in geschäftlichen und repräsentativen Dingen bewundert.

Die chemische Gesellschaft hatte bei dieser Gelegenheit eine Ausstellung von wissenschaftlichen Präparaten veranstaltet, zu der ich neben anderen Dingen die frisch bereiteten synthetischen Indole beisteuerte. Darunter befand sich eine stattliche Menge von ganz reinem Skatol, und der Entdecker dieses Stoffes, Professor Brieger, war sehr befriedigt, daß auch mein Präparat den von ihm geschilderten üblen Geruch besaß; denn A. von Baeyer hatte einige Zeit vorher mitgeteilt, daß reines Skatol nicht unangenehm rieche. Er war offenbar der nicht seltenen Täuschung zum Opfer gefallen, die durch die ganz verschiedene Wirkung von Riechstoffen in konzentrierter oder verdünnter Form auf das Geruchsorgan entstehen kann.

Im Anfang des Jahres 1890 konnte ich in den Berichten der chemischen Gesellschaft die Synthese der Mannose und Lävulose mitteilen. Die Folge davon war eine Einladung des Vorstandes, einen zusammenfassenden Vortrag über die Kohlenhydrate in Berlin zu halten. Dieser fand statt am 23. Juli 1890, und ich konnte, unterstützt von meinem Mitarbeiter Dr. J. Tafel, die wichtigsten Phasen der Untersuchung durch Experimente illustrieren. Es war das erste Mal, daß ich in der chemischen Gesellschaft sprach, und als Dank dafür erntete ich von Seiten des Vorsitzenden, Herrn A. W. von Hofmann, einige sehr freundliche Worte der Anerkennung. Hinterher fand dann, wie es Sitte war und auch geblieben ist, ein in einfachen Formen gehaltenes Abendessen zu Ehren des Vortragenden statt.

Als ich nach Würzburg zurückkehrte und meine Frau, die neugierig auf den Verlauf des Vortrages war, mich danach fragte, habe ich mir eine kleine Neckerei erlaubt und ihr gesagt, die Leute hätten bei den Hauptstellen der Rede »Au« gerufen. Darauf gewaltige Entrüstung und Vorwürfe gegen die unhöflichen Preußen, wozu sie sich als Bayerin völlig berechtigt fühlte; denn auch mich selbst hat sie zuweilen im Zorn als Preußen tituliert. Ich habe sie allerdings hinterher über den Scherz aufgeklärt, aber die gute Laune war doch verdorben.

Die erste Synthese der natürlichen Zucker hat mir auch die erste öffentliche Anerkennung von Seiten des Auslandes eingetragen; denn ich erhielt bald nachher von der Chemical Society zu London die Davy-Medaille und wurde von der wissenschaftlichen Gesellschaft zu Upsala zum korrespondierenden Mitglied gewählt.

Obschon Würzburg nicht an gerade der großen Heerstraße lag, so ist mir doch mancher liebe Besuch von Fachgenossen dort zuteil geworden; so kam Eduard Hjelt eines Tages als früherer Studierender der Universität, später Victor Meyer, dann Otto N. Witt, H. W. Perkin jun. und mancher andere. Am meisten überraschte mich Ernst Haeckel aus Jena, der früh morgens mit der Reisetasche und in aller Eile erschien, um sich nach Ludwig Knorr zu erkundigen. Aus der kurzen, aber sehr lebhaften Unterhaltung ist mir ein Ausspruch Haeckels im Gedächtnis geblieben: »Wenn Ihr Chemiker synthetisch das richtige Eiweiß macht, dann krabbelt's.« Knorr erhielt einige Monate später in der Tat einen Ruf nach Jena und ist im Herbst 1889 dahin übergesiedelt. Es sind jetzt nahezu 30 Jahre, daß er ein angesehenes Mitglied der Thüringer Hochschule bildet.

Die sonderbarsten Besuche erhielt ich aus Amerika. Eines Tages erschien ein Professor der Physiologie, der von einem reichen Mann Geld erhalten hatte, um eine Universität in Worcester U. S. A. zu gründen. Er hatte die romantische Idee, ein ganzes Schiff mit europäischen Professoren, Assistenten, Instrumenten, Präparaten und ähnlichen Dingen zu beladen und mit diesem Apparat dann seine Universität auszustatten. Die Unterhaltung mit mir eröffnete er mit der Frage: »Wollen Sie mit mir als Professor nach Amerika gehen?«, worüber ich so überrascht war, daß ich das Ganze für einen Scherz hielt, bis er sein ausführliches Programm entwickelte. Er war übrigens ein gebildeter und weitgereister Mann, der viel Interessantes zu erzählen wußte.

Bald nachher erschien eine amerikanische Dame, die sich als Miss Helene Abott und Fachgenossin vorstellte. Zu ihrem besonderen Schutze hatte sie sich ein zweites weibliches Wesen mitgebracht, das sich bei näherer Besichtigung als eine Negerin entpuppte. Sie erklärte in Würzburg wissenschaftlich arbeiten zu wollen und war erstaunt, daß Frauen noch nicht zu den Vorlesungen zugelassen seien. Ich habe ihr dann das Laboratorium gezeigt und sie den jüngeren Herren, Knorr, Wislicenus, Tafel vorgestellt. Sie machte ganz verständige Bemerkungen und zeigte, daß sie keine schlechten theoretischen Kenntnisse besaß. Nach ihrem Weggang wurde Kriegsrat gehalten, ob wir ihr vom Senat der Universität den Zutritt in das Laboratorium erwirken sollten. Einzelne waren mit Begeisterung dafür, aber die bedächtigen Elemente konnten die Befürchtung nicht unterdrücken, daß sie in dem bis dahin so gut harmonierenden Kreise leicht Verwirrung anrichten könne. Entsprechend dem Majoritätsbeschluß habe ich ihr dann abgeschrieben und erhielt darauf von ihr eine zwar höfliche, aber ziemlich energisch gehaltene Antwort, worin sie die Rückständigkeit Deutschlands in bezug auf das Frauenstudium rügte. Sie ist später die Gattin von Arthur Michael geworden, aber sie sind, soweit ich unterrichtet bin, nach einiger Zeit wieder auseinander gegangen.

Im Frühjahr 1892 mußte ich wegen eines Anfalls von Influenza einige Tage zu Bett liegen und meine Frau las mir gerade aus den eben erschienenen Berichten der chemischen Gesellschaft den Nekrolog von Peter Gries vor, von dem ich selbst den wissenschaftlichen Teil geschrieben hatte. Aber viel interessanter war der persönliche Teil von A. W. von Hofmann verfaßt und mit köstlichem Humor gewürzt. Wir haben darüber gerade herzlich gelacht, als ein Telegramm von Tiemann einlief, das den plötzlichen Tod von Hofmann meldete. Ich konnte wegen meiner Krankheit nicht zur Beerdigung hingehen, was ich um so mehr bedauerte, da ich dem Vorstand der chemischen Gesellschaft angehörte und von Hofmann bei meinem letzten Besuch in Berlin so freundlich empfangen worden war.