Mein Gesundheitszustand war damals nicht befriedigend. Wie sich hinterher herausstellte, war ich das Opfer einer chronischen Vergiftung durch Phenylhydrazin geworden. Während manche meiner Mitarbeiter und auch einige Diener sehr empfindlich gegen die Base waren, und darauf mit nervösen Beschwerden oder mit starken Anschwellungen von Hand und Arm reagierten, schien ich sehr widerstandsfähig gegen das Gift zu sein; denn seine schädliche Wirkung hatte sich bis 1891 auf ein Ekzem der Finger und inneren Handflächen beschränkt. Um so schlimmer gestaltete sich die chronische Vergiftung, die im Herbst 1891 auftrat und in sehr lästigen Störungen der Darmtätigkeit, namentlich in nächtlichen Koliken und Durchfällen sich äußerte. Die Krankheit erreichte im Winter 1891/92 ihren Höhepunkt und spottete aller normalen ärztlichen Behandlung. Erst die Anwendung von Prießnitzumschlägen brachte mir Erleichterung und den lang entbehrten Schlaf zurück. Die Vergiftung ist zum Teil durch Dämpfe, aber wie ich später feststellen konnte, noch viel mehr durch die Haut, d. h. von den Händen aus, zustande gekommen. Ich habe darunter viele Jahre gelitten und schließlich hat sich eine Idiosynkrasie gegen Phenylhydrazin und ähnliche Stoffe herausgebildet. Es war die zweite Schädigung, die von meinem Beruf kam, und ich wäre ihr wahrscheinlich erlegen, wenn nicht die Ursache erkannt worden wäre und ich dann die Berührung mit der schädlichen Base möglichst vermieden hätte. Die Vergiftung hatte natürlich auch recht schlecht auf mein Nervensystem eingewirkt und der Aufenthalt in der Dienstwohnung des Würzburger Instituts, die fortwährend mit der Laboratoriumsatmosphäre erfüllt und außerdem ungewöhnlich heiß war, wurde mir im Sommer 1892 so unangenehm, daß ich meinen Haushalt in ein gemietetes Landhaus vor der Stadt mit großem Garten verlegte.
Hier erschien an einem schönen Junitag plötzlich Geheimrat Friedrich Althoff vom Kultusministerium in Berlin. In scheinbar ganz naiver Form erzählte er mir, er habe einen zufälligen Aufenthalt in Würzburg nur benutzen wollen, unsere Bekanntschaft von der Berliner Naturforscherversammlung zu erneuern. Er sprach sich sehr erfreut über die einfache süddeutsche Lebensweise aus, über die Bescheidenheit der Professoren hierzulande, kam dann auf die Berliner Verhältnisse, das dortige chemische Institut und die Absicht des Kultusministers, für die Pflege der Chemie in Preußen möglichst viel zu tun. Es würde ihn interessieren, auch meine Ansicht darüber zu hören, worauf ich ihm freimütig erklärte, daß das von Hofmann erbaute Institut den Bedürfnissen der Gegenwart keineswegs mehr genüge. Erst zum Schluß stellte er an mich die Frage, ob ich den nötigen Neubau als Nachfolger von Hofmann nicht selbst besorgen wolle. Die Fakultät habe mich neben Kékulé und Baeyer vorgeschlagen, aber den Wunsch ausgesprochen, daß mit Rücksicht auf das hohe Alter der beiden Erstgenannten ich tatsächlich berufen würde. Über das Angebot, das an und für sich ja recht ehrenvoll war und auch in so entgegenkommender Form gemacht wurde, war ich selbst keineswegs erfreut; denn nun stand ich vor der Notwendigkeit, zwischen Würzburg, wo ich mich so glücklich fühlte, und Berlin, wovor mir graute, zu entscheiden.
Mein Entschluß wäre rasch gefaßt gewesen und zugunsten von Würzburg ausgefallen, wenn ich allein gestanden hätte und nur meinem Gefühl gefolgt wäre. Aber meine Frau war ehrgeiziger und ich mußte Althoff wenigstens das Versprechen geben, nach Berlin zu kommen, um die Verhältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Das geschah auch 8 Tage später. Im Ministerium zu Berlin war man in jeder Beziehung entgegenkommend. Der Minister Exzellenz Bosse empfing mich wegen Zeitmangel Sonntags morgens um 8 Uhr, um mir zu versichern, daß er alles tun würde, meine Bedingungen, insbesondere auch den Neubau des Instituts zu erfüllen. Auch die Berliner Fachgenossen haben mir stark zugeredet, den Ruf anzunehmen. Dazu noch keineswegs entschlossen, fuhr ich nach München, wohin mich der dortige Minister eingeladen hatte. Ich war erstaunt über die wenig geschickte Art, in der er mich zur Ablehnung des Berliner Rufes bereden wollte. Zunächst mußte ich 1½ Tage warten, bevor er mich überhaupt empfing und dann behauptete er, ich wäre durch die Bewilligung des Neubaues in Würzburg verpflichtet, dort zu bleiben. Ich antwortete ihm, daß der Bau doch nicht mir persönlich bewilligt sei, wenn das aber zuträfe, so könne man ihn ja aufgeben, da er noch garnicht begonnen sei. Kurzum ich kam von München etwas verstimmt nach Würzburg zurück. Inzwischen war dort mein alter Vater eingetroffen, der von dem Berliner Ruf gehört und sich sofort aufgemacht hatte, um mir zuzureden, ein so gutes Geschäft nicht leichtfertigerweise auszuschlagen. Zum zweiten Mal würde mir die Stelle in Berlin nicht mehr angeboten. Andererseits könne ich ja, wenn es mir dort nicht gefiele, jederzeit wieder wechseln.
Die Vorzüge Berlins konnte auch ich mir nicht verhehlen. Das rege wissenschaftliche Leben der Reichshauptstadt und die in Aussicht gestellten großen Mittel, die Möglichkeit, einen größeren Kreis von Schülern um mich zu versammeln, hatte in der Tat für einen Mann in meinem Lebensalter (ich war noch nicht 40 Jahre alt) viel Verlockendes. So kam ich denn nach 8-tägigem Schwanken zu dem Entschluß, meine persönliche Neigung beiseite zu setzen und den Ruf anzunehmen. Ich bin dann zum zweiten Mal und zwar in Begleitung meiner Frau nach Berlin gefahren, um eine Wohnung zu mieten, da die Dienstwohnung von Frau von Hofmann noch bis zum Mai 1893 besetzt war, und um im Institut eine Reihe von kleinen baulichen Änderungen zu vereinbaren, die in den Herbstferien getroffen werden sollten.
Nachdem ich nunmehr fest gebunden war, redeten schon einige Kollegen offener über die Berliner Zustände, und mein alter Lehrer Kundt überraschte mich mit der Bemerkung: »Na Fischer, Sie werden sich wundern über den Pack Arbeit, den man hier einem Professor aufladet.« Als ich darauf etwas erschrocken an ihn die Frage richtete, warum er mir das nicht vor 14 Tagen gesagt hätte, als ich ihn im Vertrauen auf die alte Freundschaft um Aufklärung über die Berliner Zustände gebeten hatte, erwiderte er lachend: »Ja, dann wären Sie nicht gekommen.«
Bei diesem letzten Aufenthalt genoß ich auch die erste Probe von dem geselligen Verkehr im Berliner Gelehrtenkreise; denn Frau von Helmholtz hatte Kunde von unserem beabsichtigten Besuch in Berlin erhalten und telegraphisch meine Frau und mich zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Diese fand statt in der prächtigen Dienstwohnung der physikalisch-technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg, und wir trafen dort einen interessanten Kreis von Leuten, darunter auch den alten Werner von Siemens, mit dem ich mich lange über technisch-elektrochemische Probleme unterhielt, und der hinterher meine Frau durch besondere Liebenswürdigkeit auszeichnete. Hier mußte ich meine erste Berliner Tischrede halten als Antwort auf einige Worte der Begrüßung, die Helmholtz an meine Frau und mich richtete. Ausgehend von dem Keppler'schen Gesetz der Planetenbewegung und ihrem Einfluß auf die Entwicklung der Physik konnte ich ein astronomisches Abbild der Gesellschaft entwickeln, in dessen Mittelpunkt Frau von Helmholtz als Sonne kam. Scheinbar habe ich dadurch ihre Gunst gewonnen; denn sie ist mir später immer in sehr freundlicher Weise entgegengekommen.
Bei der Abreise von Berlin war ich in sehr gedrückter Stimmung, hervorgerufen durch den schlechten Zustand des chemischen Instituts und durch manche überraschende Auskunft über die Verpflichtungen, die den Nachfolger von Hofmann erwarteten. Wenn ich mich nicht geschämt hätte, mein Wort zu brechen, so würde ich auf dieser Rückfahrt telegraphisch bei dem Kultusministerium in Berlin meine Zusage widerrufen haben. Aber dazu war es jetzt zu spät, besonders auch, weil ich das Gefühl hatte, daß man im Ministerium zu München über meine Annahme des Berliner Rufes verschnupft war.
Mein Vater war inzwischen von Würzburg wieder abgereist, ganz befriedigt von dem Erfolge seiner Überredungskunst. Für ihn selbst war eine Veränderung des Wohnsitzes eine Kleinigkeit; denn er hatte sich ja gerade zu der Zeit entschlossen, Euskirchen nach 56-jährigem Aufenthalt zu verlassen und nach Straßburg i. Els. überzusiedeln.
Für mich begann nun eine unbehagliche Zeit, die Vorbereitungen des Umzuges nach Berlin; denn ein Professor der Chemie wandert nicht nur mit seiner Gelehrsamkeit und den Büchern, sondern auch mit Präparaten, Apparaten und Assistenten. Als letztere folgten mir Dr. Oscar Piloty, der früher erwähnte Däne Dr. Fogh und Dr. Lorenz Ach. Wislicenus war inzwischen außerordentlicher Professor geworden und als solcher in Würzburg gebunden. Auch für Julius Tafel, den ich gerne mitgenommen hätte, konnte in Berlin keine passende Stellung geschaffen werden. Dagegen war es mir lieb, den Diener J. Wetzel, der sich später durch einige zweckmäßige Glasapparate bekannt gemacht hat, als Präparator nach Berlin verpflanzen zu können. Mit dem Umzug des Haushalts hatte ich nichts zu tun, weil meine Frau ihn als ihr Recht und ihre Pflicht in Anspruch nahm.
Der Abschied von der lieben Stadt Würzburg, den Kollegen und Studenten war herzlich aber kurz. Die beiden Kinder kamen zu den Großeltern an den Starnberger See und ich selbst zog mit meiner Frau und einer Köchin in ein kleines, allerliebstes Holzhaus, 10 Minuten von Berchtesgaden am Untersberg in prächtiger Umgebung gelegen. Hier haben wir wie auf der Hochzeitsreise ganz für uns gelebt und bei herrlichem Wetter 6 Wochen zugebracht. Es war die richtige Vorbereitung für die kommende Berliner Periode. Zwar hatte mir die deutsche chemische Gesellschaft für die Feier ihres 25-jährigen Bestehens im November d. J. die Gedächtnisrede auf A. W. von Hofmann übertragen. Aber es kam mir bald zum Bewußtsein, daß F. Tiemann als Freund und Schüler des Verstorbenen viel mehr für diese Aufgabe berufen und auch gerne bereit sei, sie zu übernehmen. Nach Vereinbarung mit dem Vorstande der Gesellschaft haben wir deshalb getauscht, und die Entbindung von der Rede war, offen gestanden, für mich eine angenehme Erleichterung.