Für die Ergänzung des Inventars hatte ich ebenfalls eine bescheidene Summe — wenn ich nicht irre, waren es 15000 M. — bei der Berufung ausbedungen. Als ich diese aber in Anspruch nehmen wollte, gab es einen heftigen Zusammenstoß mit Geheimrat Althoff im Kultusministerium. Die Summe schien ihm nachträglich zu hoch, und er verstieg sich sogar zu der Forderung, daß ich diese Anschaffungen aus eigener Tasche machen sollte. Es kam dann zu einer Aussprache, die Herrn Althoff darüber belehrte, daß ich nicht im geringsten gesonnen sei, mich schlecht behandeln zu lassen und auf irgend eine Bedingung der Berufung zu verzichten. Wir haben später noch manche Meinungsdifferenz miteinander gehabt, aber unsere Unterhaltung spielte sich von da ab immer in gemäßigter Form ab. Allmählich gewöhnte er sich auch daran, bei mir in chemischen Dingen Rat zu holen. Er hatte leider die unbequeme Gewohnheit, die Besucher in einem recht unbehaglichen Vorzimmer stundenlang warten zu lassen. Als mir das zum zweiten Mal passierte, bin ich weggegangen und auf seine spätere Anfrage, warum ich das getan, erklärte ich ihm ganz offen, er könne mich wohl warten lassen, wenn ich von ihm etwas erreichen wolle; wenn er aber meine Hilfe beanspruche, so müsse er mich gleich empfangen, denn meine Zeit sei ebenso kostbar und ebenso knapp wie die seine. Das hat er eingesehen, und je länger ich mit ihm in Verkehr stand, umsomehr habe ich ihn schätzen gelernt. Er war ein sehr kluger, ideenreicher Mann, der für jeden noch so verfahrenen Karren ein Mittel der Fortbewegung zu finden wußte. Dazu kam eine außerordentliche Arbeitskraft und Ausdauer in der Verfolgung seiner Pläne. Zudem ließ er sich bei allen wichtigen Entscheidungen nur von sachlichen Rücksichten bestimmen. Mit den äußeren Formen nahm er es nicht genau, und er hat manche Angehörige der preußischen Hochschulen durch sein suburbanes Wesen stark vor den Kopf gestoßen. Trotzdem bin ich der Ansicht, daß seine Tätigkeit für die Blüte der preußischen Hochschulen, insbesondere auch für ihre Ausstattung mit Instituten, Bibliotheken, Seminaren von größter Bedeutung gewesen ist.
Trotz der äußeren rauhen Form war er im Grunde genommen ein gütiger Mann, der überall half, wo er nur konnte. Das bewies seine Fürsorge für Witwen und Waisen, für altersschwache Professoren und Diener und die wenig bekannte Tatsache, daß er einen großen Teil seines Vermögens für solche Zwecke verschenkt hat.
Als meine Frau im jugendlichen Alter starb, hatte er solches Mitleid mit den drei kleinen hinterlassenen Kindern, daß er wohl ein Jahrzehnt hindurch diese alljährlich besuchte und ihnen auch vom Kultusministerium öfter durch Übersendung von hübschen Büchern eine Überraschung bereitete. Die Jungens waren darüber immer hocherfreut, weil sie glaubten, daß der Kultusminister in eigener Person ihnen auf diese Weise seine Anerkennung für gute Leistungen in der Schule aussprechen wollte. In Übereinstimmung mit vielen Kollegen habe ich Althoff damals für die bedeutendste Persönlichkeit im preußischen Kultusministerium gehalten.
Auch mit seiner Frau, einer geb. Ingenohl aus Neuwied, deren Mutter, eine geb. von der Leyen, aus der Gegend von Flamersheim stammte und eine Jugendfreundin meines Vaters war, bin ich genau bekannt geworden, besonders während eines Aufenthaltes in Meran, von dem später noch die Rede sein wird. Sie ist eine liebe, kluge Frau und lebt trotz eines schweren Herzleidens noch jetzt hochbetagt in Steglitz. Das Andenken ihres Mannes hat sie durch eine sehr geschickte Lebensbeschreibung mit vielen interessanten Originalbriefen des Verstorbenen geehrt.
Die Professur der Chemie war schon von meinem Vorgänger her mit vielen Nebenämtern verbunden, die auch mir übertragen wurden. Dahin gehörte zunächst ein Lehrstuhl an der sogen. Pepinière, der jetzigen Kaiser Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen. Sie wird mit einem kleinen Gehalt honoriert und die Studierenden der Akademie besuchen, wie die übrigen Mediziner die regelmäßigen Vorlesungen über Experimentalchemie. Außerdem besteht an der Akademie ein Wissenschaftlicher Senat, in den ich ebenfalls gewählt wurde, und dem ich jetzt noch angehöre. Hier werden unter dem Vorsitz von Exzellenz von Schjerning militärärztliche Fragen verschiedenster Art in akademischer Form besprochen und daran schließt sich ein heiteres, auch von mir stets gerne besuchtes Abendmahl in den prächtigen Kasinoräumen der Akademie.
Das zweite medizinische Nebenamt erhielt ich in der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen, die damals dem Kultusministerium angegliedert war. Die Aufgabe der Deputation war recht mannigfaltig. Sie besorgte die Prüfung der preußischen Kreisärzte und galt für die preußische Zivil- und Gerichtsverwaltung als höchste sachverständige Instanz in allen medizinischen Fragen. Als Mitglieder gehörten ihr an die meisten Kliniker, dann der Hygieniker und der Chemiker der Universität. Für alle medizinischen Fragen war also ein Fachmann vorhanden. Was außerhalb der engeren Medizin lag, fiel dem Chemiker zu, und so habe ich Gutachten der verschiedensten Art erstatten müssen, manchmal über Dinge, die mir recht fern lagen, und für die ich mir erst die richtigen Sachverständigen suchen mußte. Im Gedächtnis geblieben ist mir ein Gutachten über die Königin Louisen-Quelle, den sogen. Gesundbrunnen, der in früherer Zeit weit außerhalb der Stadt lag, und wohin damals die Berliner Bevölkerung bei schönem Wetter in Scharen pilgerte, um das berühmte Wasser zu trinken.
Das Wasser dieser Quelle war um die Mitte der 90er Jahre von einem Apotheker als Tafelwasser unter der Bezeichnung »Natürliches Mineralwasser« auf den Markt gebracht worden. Da er aber dem Wasser Kohlensäure zugeführt hatte, so erfolgte die Anzeige bei der Behörde wegen Betrugs. Der Mann wurde vom Gericht zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt, aber was viel schlimmer war, der Polizeipräsident erließ eine öffentliche Warnung vor dem Tafelwasser, das nichts weiter als gewöhnliches Brunnenwasser sei. Dadurch wurde das Geschäft in kürzester Zeit ruiniert. In seiner Not wandte sich der Besitzer an das Ministerium des Innern. So kam die Sache an die wissenschaftliche Deputation, und ich wurde zum Berichterstatter bestellt. Die Darlegungen des Klägers waren so ungeschickt, daß ich anfänglich glaubte, er sei im Unrecht. Ich entschloß mich aber zu einer lokalen Besichtigung der Quelle und sicherte mir dafür die Hilfe eines Beamten von der geologischen Landesanstalt. Nach langem Suchen fanden wir die ehemals so berühmte Quelle, die einem ganzen Stadtteil Berlins den Namen gegeben hat, die aber sehr wenig Leute noch kannten, in dem Kellergeschoß eines großen Mietshauses. Wir erkannten alsbald, daß es sich hier um eine wirkliche, aus ziemlich großer Tiefe kommende starke Quelle handelte, deren Wasser sehr wohlschmeckend und sicherlich hygienisch ganz unbedenklich war. Auch die Sättigung mit Kohlensäure wurde in sachverständiger und sauberer Weise ausgeführt. Dementsprechend fiel mein Gutachten über die Quelle günstig aus. Der Polizeipräsident mußte sein abfälliges Urteil widerrufen und das Tafelwassergeschäft war gerettet.
Aus diesem Beispiel habe ich ersehen, wie zweckmäßig es ist, sich bei solchen Gutachten nicht auf die Akten zu verlassen, sondern die tatsächlichen Verhältnisse, womöglich durch Augenschein gründlich kennen zu lernen.
In der Regel aber waren meine Gutachten für die Deputation recht langweilig und auf Kleinigkeiten, z. B. Zänkereien zwischen Apothekern und Drogisten beschränkt. Ich zog es deshalb vor, nach Ablauf meiner 5-jährigen Amtszeit aus der Deputation auszutreten. Mein Nachfolger wurde Landolt. Später, als Althoff der Vorsitzende der Deputation geworden war, hat er mich nochmals halb zwangsweise als Mitglied in diese berufen, aber nach einigen Jahren bin ich wieder ausgetreten und die Stelle ist dann dem Pharmakologen aus der medizinischen Fakultät übertragen worden.
Die Einführung in die philosophische Fakultät, die anfangs November 1892 stattfand, vollzog sich in einfachster Form, hatte aber gleich einen Haufen von Geschäften zur Folge; denn die Chemiker werden durch die zahlreichen Promotionsprüfungen besonders stark in Anspruch genommen. Bei der mündlichen Prüfung der Chemiker waren Landolt und ich immer gleichmäßig beteiligt, aber in der schriftlichen Beurteilung der Dissertationen fiel mir meistens das Hauptreferat zu, weil die große Mehrzahl Themata aus der organischen Chemie behandelten.