Von der Schwerfälligkeit der Geschäftsführung war ich in hohem Grade überrascht. Da die Fakultät ungeteilt ist und damals etwa 50, jetzt aber weit mehr als 60 ordentliche Mitglieder hat, so kann man sich denken, welche ausführlichen Debatten entstehen, wenn sogen. prinzipielle Fragen behandelt werden. Dazu kommt noch die Gewohnheit, nicht allein alle kleinen Geschäfte, sondern sogar die Abstimmung über das Resultat jeder einzelnen Doktorprüfung durch die gesamte Korporation vorzunehmen.

Das hängt zusammen mit der Einrichtung der sogen. Sedecim, d. h. mit dem Rechte der 16 ältesten anwesenden Mitglieder, die Promotionsgelder unter sich zu teilen. Für den Eintritt in diesen Kreis der Auserwählten ist aber nicht das Lebensalter, sondern die Zahl der Jahre maßgebend, die der Betreffende als Ordinarius an irgend einer deutschen Universität zugebracht hat. Daß dieser patriarchalische Verteilungsmodus der Billigkeit entspricht, kann niemand behaupten. Ich habe die ganze Einrichtung immer für ein Haupthindernis bei allen Reformvorschlägen in dem Geschäftsgang der Fakultät angesehen. Das Festkleben an Satzungen und Traditionen tritt überhaupt in dieser Körperschaft so stark hervor, daß es häufig an den Zopf erinnert und zuweilen geradezu lächerlich wirkt. Z. B. galten noch bei meinem Eintritt in die Fakultät die deutschen Bundesstaaten als Ausland und dementsprechend konnte ein Angehöriger dieser Staaten ohne Abiturium in Berlin promovieren. Erst ein Jahr später wurde nach einem Antrage des Physikers Kundt dieser Unsinn abgeschafft.

Die Größe der Körperschaft bringt natürlich eine Unmenge von Geschäften mit sich, deren Erledigung viel kostbare Zeit in Anspruch nimmt. Der philosophische Dekan ist deshalb ein viel geplagter Mann, und die Fakultät hält während des Semesters in der Regel jede Woche eine Sitzung ab, die für die Prüfungen 2 Stunden und für die geschäftlichen Dinge ungefähr die gleiche Zeit dauert. Wer vorher an der Sitzung der Akademie der Wissenschaften teilnimmt, und bei den Prüfungen beschäftigt ist, hat das Vergnügen, jeden Donnerstag von 4 bis 10 Uhr sitzen zu müssen. Dazu kamen für mich noch die zahlreichen Prüfungen von Medizinern, Apothekern und Lehramtskandidaten. Ich habe die ersten 12 Jahre meines Berliner Aufenthaltes über nichts so sehr geseufzt, wie über den Verlust an Zeit und Arbeitskraft, der auf diese Weise entstand. Später ist es mir gelungen, von der Mehrzahl dieser lästigen Geschäfte entbunden zu sein.

Wegen der Größe der Fakultät müssen alle wichtigen Angelegenheiten und namentlich die Berufungsgeschäfte besonderen Kommissionen überwiesen werden. Ich habe im Laufe der Zeit vielen angehört und mich immer gefreut über die rein sachliche, von jedem Klickenwesen weit entfernte Art der Verhandlung. Dagegen konnte ich mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, daß die Berufungsgeschäfte nicht mit der sorgfältigen Liebe behandelt werden, wie das an kleinen und mittleren Universitäten geschieht, wo jeder Einzelne an der Person des neuen Kollegen ein direktes Interesse hat. So erklärt sich auch die, nach meiner Auffassung falsche Gewohnheit, nach Berlin Männer zu berufen hauptsächlich nach dem wissenschaftlichen Ansehen, aber in einem Alter, wo man von ihnen keine großen Dienste weder für die Wissenschaft, noch für den Unterricht zu erwarten hat. Das gilt besonders für die Naturforscher, die früher verbraucht sind, als die Vertreter der Geisteswissenschaften, und ich habe mich immer wieder verpflichtet gefühlt, Bedenken gegen die Berufung alter Personen zu erheben.

Im allgemeinen spielen die Naturforscher in der Berliner Fakultät nicht die Rolle, die sie beanspruchen könnten. Die Vertreter der Geisteswissenschaften sind zahlreicher und sicherlich zum Reden mehr geneigt, vielleicht auch in der Form gewandter. Da sie ferner mehr Zeit haben und die Sitzungen regelmäßiger und andauernder besuchen, so führen sie hier das große Wort, und ich habe wiederholt gegen die Verletzung der Interessen der Naturwissenschaften Einspruch erheben müssen. Das hat zuweilen zu ziemlich erregten Debatten geführt und mir wahrscheinlich bei der Gegenpartei einige Antipathie eingetragen.

Die Akademie der Wissenschaften

Die meisten Mitglieder der Akademie sind auch Professoren an der Universität. Zur technischen Hochschule hat die Körperschaft erst persönliche Beziehungen mit der Einrichtung der technischen Abteilung in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse im Jahre 1900 erhalten.

Dazu kommen in der Regel noch einige Männer, die keine Lehrtätigkeit ausüben, da die Akademie in der Wahl von Mitgliedern ganz frei ist. Zu meiner Zeit war die letzte Art von Mitgliedern vertreten durch den großen elektrischen Erfinder Werner von Siemens, den Botaniker Pringsheim, die Astronomen Auwers und Vogel und später durch den Elektriker von Hefner-Alteneck, sowie den Eisenbahnbaumeister Zimmermann.

In der Akademie herrscht noch heute der vornehme Geist ihres Gründers Leibniz, und ich habe mich während nunmehr der 25 Jahre, die ich ihr angehöre, stets über den unparteiischen und unabhängigen Sinn dieser Korporation gefreut. Jeder Versuch tatkräftiger Männer aus der Staatsregierung, die Maßregeln ihrer inneren Verwaltung zu beeinflussen, wurde einmütig abgewiesen. Auf der anderen Seite war man natürlich, sobald materielle Wünsche in Frage kamen, auf die Unterstützung der Staatsorgane angewiesen, und ich kann sagen, daß die Akademie in der mir bekannten Periode von Seiten des vorgeordneten Kultusministeriums dauernd großes Wohlwollen und tatkräftige Unterstützung gefunden hat. Früher war es Althoff im Kultusministerium, der ihre Geschäfte behandelte, und in den letzten 10 Jahren Fr. Schmidt, der heute selbst Kultusminister ist.

Die inneren Geschäfte der Akademie wurden fast ausnahmslos in rein sachlicher Weise und mit vornehmer Ruhe erledigt, die nicht selten einen Anflug von Langeweile zeigt. Zu erregten Debatten kam es nur zuweilen bei der Wahl neuer Mitglieder. Erst mit dem Krieg ist es anders geworden. Er hat in der ersten Zeit auch verwirrend auf die Denkweise mancher Akademiker zurückgewirkt; davon wird später noch die Rede sein.