Obschon von Leibniz gegründet und in den Einzelheiten von Friedrich dem Großen nach dem Muster der Pariser Akademie reorganisiert, verleugnet die Berliner Akademie doch nicht ihren preußischen Charakter. Das zeigt sich in der außerordentlich peinlichen, manchmal pedantischen Form der Geschäfte und noch mehr in der Bestimmung, daß jedes Mitglied alljährlich an einem bestimmten Tage nach der sogen. Lesekarte einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten hat. Es liegt auf der Hand, daß ein solcher Zwang mit dem Wesen der wissenschaftlichen Forschung in Widerspruch steht. Er ist auch von manchem Mitglied der Akademie, wie mir bekannt, recht unbequem empfunden worden. Aber wiederholte Anläufe, ihn abzuschaffen, sind gescheitert. Ebenso überflüssig ist meines Erachtens die Bestimmung, daß Abhandlungen, die in den Schriften der Akademie veröffentlicht sind, von dem Urheber innerhalb der gesetzlichen Frist nur mit der Bewilligung der Akademie anderweitig publiziert werden dürfen. Allerdings wird sie von den Naturforschern wenig mehr beachtet, seit das Sekretariat derartige Verstöße gegen das Statut sehr milde handhabt. Das ist sehr vernünftig, denn der Naturforscher kann heutzutage nach einer Veröffentlichung in der Akademie nicht 1 bis 2 Jahre warten, bevor er seine Resultate auch in einer Fachzeitschrift mitteilt, da die Berichte der Akademie einen zu kleinen Leserkreis besitzen. Diese könnte sich wohl damit begnügen, die Priorität in der Veröffentlichung zu besitzen. Die erschwerten Bedingungen der Publikation haben zur Folge gehabt, daß ich ebenso wie die meisten anderen Berliner Naturforscher in den akademischen Schriften nur einen kleinen Teil meiner Untersuchungen niedergelegt habe, und das ist wohl der Grund, weshalb die Schriften der Akademie als Publikationsorgan nicht die Bedeutung erlangt haben, wie es bei ähnlichen ausländischen Akademieberichten der Fall ist. Im engeren Kreise haben wir öfter die Frage erwogen, ob es zweckmäßig sei, eine Änderung in der Redaktion der Sitzungsberichte eintreten zu lassen in der Weise, daß über alle wichtigen Untersuchungen, die in den von den Mitgliedern der Akademie geleiteten Instituten ausgeführt werden, kurze Mitteilungen in die Sitzungsberichte zu machen wären. Aber die geringe Neigung der Akademie, kurze, manchmal vorläufige Publikationen aufzunehmen, die besonders in der philosophisch-historischen Klasse zutage trat, ist derartigen Abänderungsplänen zu hinderlich gewesen. Dazu kommt die bei solchen Korporationen nicht seltene Macht der Gewohnheit, die alles Neue bekämpft, und die manchmal recht absonderliche Formen annehmen kann. Ein kleines Beispiel mag das illustrieren.

In dem alten Hause unter den Linden, das jetzt durch den Neubau ersetzt ist, waren die Versammlungsräume der Akademie auf viel kleinere Verhältnisse zugeschnitten. Beleuchtung und Heizung befanden sich ungefähr im gleichen Zustand wie vor 100 Jahren, und die Folge war, daß besonders in den öffentlichen Sitzungen in dem überfüllten Saale eine entsetzliche Luft herrschte und manchem Akademiker, ebenso wie der anwesenden Zuhörerschaft die meist zweistündige Dauer der Sitzung zu einer kleinen Plage werden ließ. Man beschloß also eine Änderung eintreten zu lassen, und da ich damals durch die Studien für den Neubau des chemischen Instituts in Fragen der Heizung und Ventilation Kenntnisse erworben hatte, so wurde ich beauftragt, zusammen mit dem Physiker F. Kohlrausch eine solche Einrichtung auch für den akademischen Sitzungssaal zu planen. Mit Hilfe eines geschickten Ingenieurs war diese Aufgabe rasch gelöst. Aber als der Plan zur Begutachtung der gesamten Akademie vorgelegt wurde und sich dabei herausstellte, daß die Luft des Saales während der Sitzung 2 bis 3 Mal in der Stunde erneuert werden sollte, trat eine peinliche Sorge vor Zugluft ein, und als gar ein angesehenes Mitglied der Korporation erklärte, er würde dadurch kalte Füße bekommen, war trotz der Versicherung, daß die eingeführte Luft angewärmt sei und durch das Ausströmen aus zahlreichen kleinen Öffnungen den Charakter des Zugwindes ganz verliere, unser Vorschlag nicht mehr zu retten.

Einen zweiten Mißerfolg ähnlicher Art habe ich als Mitglied einer Kommission für den Neubau des Akademischen Hauses Unter den Linden gehabt. Zwar sind Heizung und Ventilation hier nach unseren Vorschlägen in vernünftiger Weise ausgeführt worden, aber bezüglich der Akustik konnte ich nicht durchdringen. Nach meinen Erfahrungen beim Neubau des chemischen Instituts hatte ich verlangt, daß die Sitzungssäle mit kassetierten Holzdecken und auch mit möglichst viel Holzbekleidung an den Wänden ausgestattet würden, da diese wie Resonanzböden wirken. Obschon die Mitglieder der Akademie diesmal auf meiner Seite waren, ist es mir nicht gelungen, den Eigensinn der Architekten zu überwinden. Sie behaupteten von Akustik sehr viel zu verstehen, haben unseren Rat in den Wind geschlagen und es auch richtig fertig gebracht, daß die Akustik in dem Neubau recht viel zu wünschen übrig läßt.

Im Sommer 1893, bald nach meiner Aufnahme in die Akademie, habe ich in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse meinen ersten Vortrag über die Synthese der Alkylglukoside gehalten, die der Ausgangspunkt für viele andere Arbeiten geworden ist.

In der Leibniz-Sitzung, die im Juli desselben Jahres stattfand, habe ich auch meine Antrittsrede gehalten, die in den Sitzungsberichten veröffentlicht ist und bei der ich nicht allein die Richtung meiner eigenen Untersuchungen kennzeichnete, sondern auch in ganz kurzer Form einen Überblick über die Entwicklung der Chemie während der letzten 50 Jahre gab. Die Antwort darauf erteilte Dubois-Reymond und begrüßte mich als den zweiten Zuckerchemiker, gleichsam als den Erben von S. Marggraff in der Akademie. Ich habe daraus von neuem gesehen, welch populärer Stoff der Zucker ist, und als ich einige Zeit später einen Vortrag über die Stereochemie der Zucker hielt, kam Helmholtz zu mir, um seiner Freude Ausdruck zu geben, daß die Chemie derartige komplizierte Fragen des molekularen Baues behandeln könne. Selbstverständlich war das Urteil eines solchen Mannes für mich und meine Wissenschaft besonders ehrenvoll. Ich habe zwar gleich gemerkt, daß er die Sache nur halb verstanden hatte, weil ihm die Tatsachen, auf denen die Spekulation beruhte, zu fremd waren, aber mit dem Feingefühl des Genies hatte er doch den großen Fortschritt erkannt, den die Lehre von van't Hoff und Le Bel und ihre Spezialanwendung auf so komplizierte Gebilde wie den Zucker der Chemie gebracht haben. Seitdem ist mir, wie allen Mitgliedern der Akademie, alljährlich die Aufgabe zugefallen, an einem bestimmten Tage einen Vortrag abwechselnd vor der mathematisch-physikalischen Klasse und der gesamten Akademie zu halten. Ich habe mich dabei stets bemüht, allgemeine, meinem Arbeitsgebiet naheliegende Probleme in möglichst volkstümlicher Form zu behandeln und in der Regel auch die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft gefunden. Die in den Sitzungsberichten gleichzeitig von mir veröffentlichten Experimentalarbeiten geben davon kein richtiges Bild, da sie nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Vortrag waren.

In jüngerer Zeit, wo auch das Programm der öffentlichen Sitzungen durch wissenschaftliche Vorträge erweitert wurde, habe ich auf Einladung der Akademie als Erster der mathematisch-physikalischen Klasse in der Friedrichsitzung Januar 1907 über die Chemie der Proteine und ihre Bedeutung für die Biologie gesprochen.

Die Geschäfte der Korporation werden nach den Beschlüssen der Gesamtheit größtenteils von vier Sekretären geführt, aber wo fachmännischer Rat nötig ist, treten auch die einzelnen Mitglieder in Aktion, entweder für ihre Person allein, oder als Teile besonderer Kommissionen. Wo chemischer Rat nötig war, hat die Körperschaft nie versäumt, mich zu fragen. Einer meiner ersten Ratschläge hat leider eine peinliche Folge gehabt.

Bei der Verleihung des Ordens pour le merite Friedensklasse an ausländische Gelehrte wird nämlich die Akademie regelmäßig ersucht, Vorschläge zu machen, und als es sich hierbei um die Wahl eines Chemikers handelte, hielt ich mich für verpflichtet, in erster Linie L. Pasteur und außerdem noch Frankland und van't Hoff vorzuschlagen. Akademie und Regierung schlossen sich dem an, und der Orden wurde durch den deutschen Botschafter in Paris zuerst Pasteur angeboten. Dieser lehnte ab, was sein gutes Recht war. Aber er beging gleichzeitig die Taktlosigkeit, seinen Entschluß nicht geheim zu halten. Die Sache kam in die Öffentlichkeit und wurde von der französischen Presse zu einer großen chauvinistischen Kundgebung ausgenutzt. Als ich einige Jahre später Paris besuchte, um die dortigen Laboratorien zu besichtigen und H. Moissan aufsuchte, richtete er an mich sofort die Frage, weshalb die Berliner Akademie keinen Franzosen mehr zum Mitglied wähle. Als ich ihm darauf antwortete, daran sei das Benehmen von Pasteur schuld und die Sorge der Berliner Gelehrten vor weiteren Skandalen, die der Würde der Wissenschaft nur schaden könnten, gab er mir recht und betonte, daß auch die große Mehrheit der französischen Forscher es für falsch halte, nationalistische Tendenzen in der Wissenschaft gelten zu lassen. Seitdem haben eine ganze Reihe von Franzosen, u. a. Marcellin Berthelot, nach Vorschlag unserer Akademie den Orden erhalten und angenommen.

Viel erfreulicher verlief ein anderer Antrag auf Ehrung eines Ausländers, den ich viele Jahre später gemeinsam mit Walter Nernst stellte. Er betraf die Verleihung der goldenen Leibniz-Medaille an Herrn Ernest Solvay in Brüssel und gleichzeitig an Herrn H. von Böttinger als Anerkennung ihrer Verdienste um die Förderung der Wissenschaften durch Zuwendung von reichen materiellen Mitteln. Beide Herren erschienen in der Leibniz-Sitzung an 1. Juli 1909, um diese Medaillen in Empfang zu nehmen, und abends hatten Nernst und ich das Vergnügen, in den Räumen des Automobilklubs zu Ehren der beiden Herren eine gesellige Zusammenkunft mit vielen Mitgliedern der Akademie, mit hervorragenden Chemikern und anderen Personen des wissenschaftlichen Berlins zu veranstalten. Mir fiel die Aufgabe zu, die beiden Herren in einer Tischrede zu begrüßen. Das Fest verlief in harmonischer und heiterer Stimmung, und die dabei gehaltenen Reden sind in einer kleinen Schrift »Festmahl zu Ehren der Herren E. Solvay und H. v. Böttinger am 1. Juli 1909 im Kaiserlichen Automobilklub zu Berlin« zusammengefaßt worden. Als Dank für die Ehrung machte Herr von Böttinger eine Stiftung von 30000 M., die er auf meinen Rat zur Erwerbung von Mesothorium bestimmte. Ich habe den Ankauf des Präparates besorgt und dasselbe verwaltet, bis die Akademie den Neubau Unter den Linden wieder bezog und dadurch die Möglichkeit erhielt, ihren gesamten materiellen Besitz im eigenen Hause aufzuheben. Das Mesothorium ist inzwischen auf meinen Rat von der Akademie mit großem Gewinn wieder verkauft und dafür ein entsprechender Vorrat des viel haltbareren Radiums angeschafft worden.

Außer dem Mesothorium habe ich auch länger als 20 Jahre die akademische Instrumentensammlung, die in meiner Dienstwohnung zuerst in der Dorotheenstraße und später in der Hessischenstraße untergebracht war, verwalten müssen. Die Inventarisierung der einzelnen Objekte war verhältnismäßig einfach, aber der Verkehr mit den Gelehrten, denen die Instrumente überlassen wurden, brachte zuweilen unbequemen Briefwechsel mit sich. Auch diese Verpflichtung bin ich inzwischen los geworden, weil die Instrumentensammlung ebenfalls in das neue Haus der Akademie übergeführt werden konnte, und jetzt von dem Archivar der Korporation verwaltet wird.