Zusammen mit Dr. Dilthey haben diese drei jungen Männer im Privatlaboratorium trotz eifriger und auch erfolgreicher Arbeit ein vergnügtes Leben geführt, das sich zuweilen bis zu ausgelassenen Streichen steigerte. Besonders war das der Fall, als ich im Winter 1903/04 wegen Schlaflosigkeit Berlin für mehrere Monate verließ und mich in den Alpen herumtrieb. Da erwachte bei der Jugend ein starkes Selbständigkeitsgefühl, das sich zuerst in Erfindungen und Patentanmeldungen äußerte, die aber hinterher alle als wertlos erkannt wurden. Daneben kam es zu allem möglichen Schabernack. So wurde dem Dr. Bergell ein ganzer Waschkorb frischer Eier, die er für einen wissenschaftlichen Versuch benutzen wollte, heimlich gekocht und dadurch natürlich ihrem ursprünglichen Zweck entzogen. Ferner gab es eine freundschaftliche Rauferei unter den großen, meist sehr starken Herren, bei der Dr. Bergell einen Teil seines Bartes verlor und Dörpinghaus durch einen Fußtritt ins Gesicht beinahe ein Auge verloren hätte. Man wird daraus den Schluß ziehen, daß es im Privatlaboratorium auch andere Dinge als reine Wissenschaft gab, besonders wenn meine Abwesenheit von Berlin die Gefahr der Überraschung ausschloß. Glücklicherweise war damals das weibliche Element noch nicht bei uns eingedrungen. Sonst hätten schwierige Komplikationen entstehen können.

Gleichzeitig mit den eben genannten Herren waren in der anorganischen Abteilung zwei neue Assistenten ernannt worden, Dr. Blix, ein Schwede, und Dr. Arthur Stähler, ein Berliner. Blix hatte zuvor mit mäßigem Erfolg in Berlin promoviert, aber es wurde ihm experimentelle Geschicklichkeit von dem Leiter der Abteilung nachgerühmt. Dazu kam seine stattliche Persönlichkeit und sein gewinnendes Wesen. Aber spätere Schwierigkeiten mit anderen Assistenten zeigten doch, daß er nicht aus lauter Sanftmut zusammengesetzt war, und er hat die Assistentenstelle vor Ablauf der üblichen zwei Jahre wieder aufgegeben. Er ist dann nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika gegangen und hat dort, wie ich indirekt erfuhr, in der Zuckerindustrie eine glänzende Stellung erworben.

Dr. Stähler ist als Anorganiker bei der Wissenschaft geblieben. Auf meinen Vorschlag wurde er vom Kultusminister 1906 zu Th. W. Richards an die Harvard-University in Cambridge (Mass.) geschickt und hat dort ungefähr ein Jahr an den bekannten Atomgewichtsbestimmungen teilgenommen. Infolgedessen wurde er der vertraute Helfer von Richards, als dieser im Sommer 1907 als Austauschprofessor nach Berlin kam. Aus diesem Verkehr sind verschiedene gemeinsame Publikationen von Richards und Stähler über Atomgewichte hervorgegangen, und Stähler hat die Versuche später allein fortgesetzt, sich außerdem aber mit präparativen Aufgaben der Mineralchemie beschäftigt. Nach Ausbruch des Krieges ist er in die Dienste der Kriegsmetall-Gesellschaft getreten und leitet seit mehreren Jahren ein analytisches Laboratorium in Brüssel und zuletzt in Cöln a. Rh.

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