Armstrong hat später ein hübsches Büchlein über die einfachen Kohlenhydrate geschrieben, das von Dr. Eugen Unna ins Deutsche übersetzt wurde. Er hat ferner in London interessante Versuche über die Spaltung der α- und β-Glucoside mit Enzymen angestellt, mußte aber, weil er früh heiratete, wahrscheinlich aus materiellen Gründen eine Stellung in der Industrie annehmen, was seinen rein wissenschaftlichen Arbeiten natürlich Abbruch tat.

Von den neuen Assistenten des Wintersemesters 1901/02 sind Dr. Georg Röder und Dr. Alfred Dilthey besonders zu nennen. Ersterer hat bei mir die Synthese des Uracils, Thymins und ähnlicher Verbindungen nach neuen Methoden ausgeführt. Er ist ein begabter und auch theoretisch gut unterrichteter Chemiker, der sicherlich sehr hübsche Sachen hätte machen können, wenn er die nötige Ausdauer besessen hätte. Er hat es aber vorgezogen, nach einigen Semestern das Laboratorium zu verlassen und auf Reisen zu gehen. Von Zeit zu Zeit tauchte er wieder in Berlin auf und wußte dann Interessantes über seine Erlebnisse zu berichten. Wenn ich nicht irre, hat er mehrere fremde Kontinente kennen gelernt und zuletzt war er im Laboratorium von Piutty in Neapel als Unterrichtsassistent tätig. Hier wurde er durch den Krieg verscheucht, kehrte nach Berlin zurück und wurde dann bald Soldat. Wie ich höre, hat er durch Vermittlung seiner chemischen Freunde bald bei einem A. O. K. eine Anstellung gefunden, wo er trotz seines niedrigen militärischen Ranges seine vielfachen chemischen und technischen Kenntnisse glücklich verwerten konnte.

Alfred Dilthey war der jüngste Sohn meiner verstorbenen Schwester Mathilde, schon als Knabe bildhübsch und aufgeweckt. Nachdem er ein Semester in Genf studiert hatte, kam er im Herbst 1895 nach Berlin und blieb hier mehrere Jahre. Da er nur das Abiturium von einer Oberrealschule hatte und die Berliner Fakultät in solchen Fällen geneigt war, Schwierigkeiten zu machen, so ging er auf meinen Rat zur Promotion zu Hantzsch nach Würzburg. Dann diente er als Einjährig-Freiwilliger in Düsseldorf in einem Ulanenregiment und kehrte 1901 nach Berlin zurück. Hier nahm er im Privatlaboratorium teil an meinen Arbeiten über die Amidbildung bei alkylierten Malonestern und an den Synthesen von alkylierten Barbitursäuren, von denen das Veronal ein bekanntes Schlafmittel geworden ist. Da er zur wissenschaftlichen Laufbahn keine Lust hatte, so machte er 1902 eine Reise nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und kehrte von dort ¾ Jahre später, leider ziemlich heftig an Malaria erkrankt, zurück.

Er hat lange gebraucht, um sich zu erholen und ließ sich später in Berlin nieder, um ein eigenes Geschäft zu gründen. Meinen Rat, in eine der bestehenden chemischen Fabriken einzutreten oder sich an der blühenden Baumwollspinnerei seines Vaters und Bruders in Rheydt zu beteiligen, lehnte er ab, und bei den eigenen Geschäftsunternehmungen blieb er ohne Erfolg. So ist es gekommen, daß dem talentvollen, klugen und auch fleißigen jungen Mann eine richtige Lebensstellung, die seinen Fähigkeiten und seinen materiellen Mitteln entsprochen hätte, unerreichbar blieb. Er ist in dieser Beziehung, wenn man will, ein Opfer seiner Vorliebe für die Großstadt geworden. Beim Ausbruch des Krieges zog er ins Feld. Hier ist er als Offizierstellvertreter mit seiner Kolonne im Sommer 1915 von Kosaken überfallen und niedergemacht worden. Er ruht in polnischer Erde.

Solange er in Berlin weilte, war er regelmäßig an Sonn- und Festtagen mein Gast und bemühte sich, die jüngeren Vettern, meine Söhne, in allen Künsten männlicher Jugend, wie Kartenspiel, Weintrinken, Sportgeschichten, studentische Angelegenheiten, Tanzfragen, Verkehr mit Damen und dergl. heranzubilden. Die Jungen lauschten, besonders solange sie noch auf der Schule waren, mit Staunen und Hochachtung seinen Lehren und die vier jungen Leute bildeten ein durch Lustigkeit und Eintracht ausgezeichnetes Quartett. Es kam mir manchmal so vor, als wenn Alfred Dilthey mit zu meinen Söhnen gehörte. Von diesen vier prächtigen Menschen ist infolge des unseligen Krieges nur einer übrig geblieben.

Gleichzeitig mit Dilthey waren im Privatlaboratorium drei Herren, die trotz der Verschiedenheit ihres Wesens gute Freundschaft miteinander hielten und auch zu ausgelassenen Streichen sich öfters vereinten. Der unternehmendste davon war Dr. Theodor Dörpinghaus aus Elberfeld, ein schöner, durch körperliche Kraft ausgezeichneter Mann, in mancherlei Sport geübt und zu abenteuerlichem Leben geneigt. In der Chemie zeichnete er sich weniger durch Feinheit der Beobachtung, als durch schnelles, energisches Anfassen der experimentellen Aufgaben aus. Er hat die erste ziemlich mühsame Hydrolyse von Horn und ähnlichen Proteinen durchgeführt. Später ist er auf Reisen gegangen und hat sich nicht allein in Amerika und Asien, sondern auch ziemlich lange in Zentral-Afrika und Marokko aufgehalten. Die Frucht der letzten Reisen war eine Anklageschrift gegen die Verwaltung des belgischen Kongostaates, die einiges Aufsehen erregte. Seit Ausbruch des Krieges habe ich nichts mehr von ihm gehört, vermute aber, daß er tätigen Anteil genommen hat und ohne Schaden davon gekommen ist; denn in Überwindung von Gefahren hat er immer Geschick gezeigt und Glück gehabt. In der letzten Zeit seines Berliner Aufenthaltes war er zusammen mit seinen Freunden Dr. Ernst Königs und Eduard Andreae Besitzer eines alten Segelbootes, auf dem er alle freien Tage des Sommers zubrachte und uns auch zuweilen auf dem Wannsee seine Wasserkünste vorführte.

Dr. Peter Bergell, der Sohn eines mecklenburgischen Landwirten, ist Mediziner. Bevor er zu mir kam, war er Assistent an der Klinik der inneren Medizin zu Breslau. Infolge guter Vorstudien fand er sich rasch in unsere Arbeitsweise und hat bei mir die Isolierung der Aminosäuren als Derivate der β-Naphtalinsulfosäure bearbeitet. Mit Hilfe dieses Reagens gelang uns zum ersten Mal schon 1902 der Nachweis, daß bei gemäßigter Hydrolyse des Seidenfibroins ein Dipeptid, das Glycylalanin, entsteht. Nach dem Verlassen unseres Instituts wurde Bergell zuerst der medizinische Berater einer Fabrik für pharmazeutisch-chemische Präparate in Berlin. Später ist er zur reinen Medizin zurückgekehrt und hat augenblicklich eine umfangreiche Praxis als Spezialist für Stoffwechselkrankheiten. Seine Freunde rühmten ihm große Gewandtheit in geschäftlichen Dingen nach.

Neuerdings ist er unter die Schriftsteller gegangen und hat ein viel gelesenes Buch »Die linke Landgräfin« herausgegeben, in dem er das Problem der Bigamie behandelt.

Ganz anders geartet war Dr. Hermann Leuchs, eine stille Gelehrtennatur, ausgezeichnet durch Schweigsamkeit, Ruhe und Ernst. Er stammt aus einer Fabrikantenfamilie zu Nürnberg, kam anfangs des Jahrhunderts nach Berlin und führte unter meiner Leitung eine Doktorarbeit über die Synthese von Oxyaminosäuren aus. Ihre schönste Frucht war die künstliche Bereitung des Serins und Glucosamins. Die Geschicklichkeit und Sorgfalt, die er dabei bewies, war für mich die Veranlassung, ihn als Privatassistenten bei den schwierigen Arbeiten über Polypeptide zu wählen. Nachdem er hier zwei Jahre lang vortreffliche Dienste geleistet hatte, wurde er Unterrichtsassistent in der organischen Abteilung und schließlich nach dem Weggang von Diels dessen Nachfolger als Abteilungsvorsteher.

Leuchs ist ein grundgescheiter Chemiker und sehr geschickter Experimentator. Das beweisen seine späteren Untersuchungen besonders über den Abbau der Strychnosalkaloide. Ich hoffe, daß sie ihm in nicht allzu langer Zeit eine selbständige Stellung bringen werden.