Im Wintersemester 1899/1900, dem letzten im alten Institut, erhielt noch Otto Diels eine Assistentenstelle. Er hatte zuvor seine Doktorarbeit unter meiner Leitung ausgeführt und wurde Nachfolger von Stock, zunächst als Vorlesungsassistent. Von ihm stammt die neue Fassung des Vorlesungsbuches, die er als gewandter Zeichner mit vielen hübschen Illustrationen geschmückt hat. Er ist der Sohn des klassischen Philologen und jetzigen Sekretärs der Akademie der Wissenschaften, und war ebenso wie seine Brüder von vornherein entschlossen, wenn irgend möglich, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Er ist später Unterrichtsassistent in der organischen Abteilung und nach dem Weggang von Pschorr dessen Nachfolger als Abteilungsvorsteher geworden. Inzwischen hat er sich in der Wissenschaft einen geschätzten Namen durch die Entdeckung und systematische Untersuchung des Kohlensuboxyds gemacht. Während des Krieges wurde er Nachfolger von Harries in Kiel, nachdem W. Traube den zuvor an ihn ergangenen Ruf abgelehnt hatte. Diels ist ein guter Experimentator und auch als Lehrer recht beliebt. Er hat mehrere Jahre für mich die Vorlesung über anorganische Chemie gehalten und auch einen in Berlin viel gebrauchten Grundriß der organischen Chemie geschrieben. Mir war er alle Zeit ein lieber Schüler und Kollege.

Mit der Eröffnung des neuen Instituts in der Hessischen Straße, das ungefähr dreimal so viel Arbeitsplätze hatte, wie das alte Haus und in technischer Beziehung viel vollkommener ausgestattet ist, wuchs natürlich die Zahl der Assistenten und gleichzeitig wurden drei Abteilungsvorsteherstellen geschaffen. Zwei davon fielen den beiden Leitern der analytischen Abteilung zu und die dritte wurde für die organische Chemie bestimmt. Das entsprach der räumlichen Einteilung des Instituts in vier gleich große Unterrichtssäle, von denen einer gleichsam als Abteilung von mir selbst besorgt worden ist.

Die ersten Abteilungsvorsteher waren Gabriel und Harries. Die dritte Stelle wurde provisorisch von Ruff verwaltet, der zu dem Zweck die Stelle eines Oberassistenten erhielt und 1903 zum Abteilungsvorsteher aufstieg. Unter den neuen Assistenten befanden sich auch der früher schon erwähnte R. Pschorr, ferner Dr. Lehmann, der sich namentlich um den Neubau Verdienste erwarb und später in die Farbenfabriken vorm. F. Bayer & Co. zu Elberfeld eintrat, endlich Dr. A. Wolfes und Dr. Poppenberg. Wolfes hat als mein Privatassistent bei den Arbeiten über Aminosäuren und Polypeptide vortreffliche Dienste geleistet. Er nahm auch teil an den Versuchen über Veronal, und das war wohl der Grund, weshalb er im Jahre 1903 von der Firma E. Merck in Darmstadt für das wissenschaftliche Laboratorium angeworben wurde, nachdem er zuvor sein militärisches Dienstjahr abgeleistet hatte. In dieser Stellung hat er sich sehr bewährt und wird von der Firma als treuer und tüchtiger Mitarbeiter ebenso sehr geschätzt, wie das von mir geschehen.

Während des Krieges ist er Leutnant in einem Infanterieregiment geworden und trotz seines anscheinend nicht starken Körpers hat er die großen Strapazen des Feldzuges an der Westfront gut vertragen.

Poppenberg war Unterrichtsassistent in der analytischen Abteilung. Er ist später Lehrer und Professor an der Artillerieschule zu Charlottenburg geworden, hat sich auch wissenschaftlich mit Erfolg auf artilleristischem Gebiet betätigt und während des Krieges mehrere in sein Fach einschlagende Erfindungen gemacht. Leider verlor er in der jetzigen Stellung bei der Ausführung einer Stickstoffanalyse durch einen Tropfen Kalilauge ein Auge.

Im Winter 1900/01 trat auch Dr. Rohmer in die Reihe der Assistenten ein und blieb einige Jahre in der analytischen Abteilung, wo er verschiedene kleine Erfindungen, z. B. Verbesserung der Arsenbestimmung durch Destillation als Arsen-Trichlorid machte. Er ist dann in den Dienst der Höchster Farbwerke getreten und hat hier als technischer Erfinder schöne Erfolge gehabt.

Zur selben Zeit war Dr. Franz, Sohn des Wirten vom Siechenbierhause, mein Vorlesungsassistent.

Ein Mann von besonderem Typ war Dr. Wolf von Loeben, Sprosse einer adeligen Offiziersfamilie in Sachsen. Er hatte sein Doktorexamen bei Behrend in Hannover über die γ-Methylharnsäure ausgeführt und war dann kurze Zeit Mitarbeiter bei den thermochemischen Untersuchungen von Stohmann in Leipzig gewesen. Er hat bei mir zunächst eine kleine Arbeit in der Harnsäuregruppe ausgeführt und wurde dann zunächst Hilfsassistent in der thermochemischen Abteilung, die ich im neuen Institut eingerichtet hatte. Es war mir sehr bequem, daß er hierfür die Erfahrungen aus dem Stohmann'schen Laboratorium mitbrachte. Die Resultate unserer gemeinsamen Versuche sind in einigen Abhandlungen in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie niedergelegt. Loeben war ein behaglicher Sachse, der sich persönlich allgemeiner Beliebtheit erfreute, aber übermäßige Arbeit nicht liebte und deshalb auch vor der chemischen Industrie zurückscheute. Statt dessen bekam er die Stelle eines Assistenten in einer wissenschaftlichen Versuchsanstalt des Reichsschatzamtes, die unter Leitung des Professors K. von Buchka stand. Hier ist er kurz vor dem Kriege infolge einer Pyämie an einer kleinen Wunde gestorben. Trotz seiner persönlichen Gutmütigkeit war er politisch ein ausgesprochener Chauvinist und stellte sich als solcher an die Spitze einer Opposition in der chemischen Gesellschaft, welche die Wahl von Sabatier zum Ehrenmitglied aus politischen Gründen bekämpfte. Ich mußte ihm damals ziemlich scharf entgegentreten, was aber ohne Einfluß auf unser freundschaftliches persönliches Verhältnis geblieben ist.

Neben den ordentlichen Assistenten haben im neuen Hause immer einige Hilfsassistenten, teils besoldet, teils unbesoldet an meinen Arbeiten im Privatlaboratorium teilgenommen. Dahin gehören die Herren Dr. Bethmann und Dr. Hagenbach, ein Sohn des bekannten Professors der Physik an der Universität Basel. Sie sind beide später in die Höchster Farbwerke eingetreten und Dr. Hagenbach hat sich hier durch gute Leistungen eine recht geachtete Stellung geschaffen.

In derselben Eigenschaft war Dr. E. Frankland Armstrong, Sohn des Professors Henry Armstrong in London, mehrere Jahre bei mir tätig, nachdem er zuvor eine Untersuchung in der Puringruppe ausgeführt hatte, und daraufhin von der Berliner Fakultät zum Dr. phil. promoviert worden war. Er ist ein spekulativer und auch experimentell gut veranlagter Chemiker, der bei mir ziemlich schwere Versuche über die Synthese von Disacchariden und die Bereitung von Acetohalogen-Glucose durchgeführt hat. Leider ist die Existenz der isomeren als α- und β-Verbindung bezeichneten Acetochlor-Glucosen durch meine späteren Beobachtungen sehr zweifelhaft geworden und bei der Überführung unserer ursprünglichen Präparate in α-Methylglucosid, die als Beweis für die Struktur des vermeintlichen α-Halogenkörpers gedient hatte, muß entweder ein Irrtum passiert oder eine zufällige Änderung der Konfiguration eingetreten sein.