Ein ähnliches, wenn auch nicht ganz so schweres Schicksal hatte Dr. Giebe, der mehrere Jahre Assistent in der Vorlesung war und mit dem ich eine ziemlich ausgedehnte Untersuchung über die Bildung der Acetale aus Aldehyd und Alkohol bei Gegenwart von Salzsäure ausgeführt habe. Er war damals schon herzkrank, hätte aber mit dem Leiden sicherlich noch sehr lange leben können. Unglücklicherweise besaß er den Ehrgeiz, Soldat zu werden und trat deshalb gegen den Willen der Ärzte als Freiwilliger in ein Jägerbataillon ein. Infolge des anstrengenden Dienstes mußte er aber schon nach mehreren Monaten entlassen werden, und er ist etwa ½ Jahr später fast gleichzeitig mit seinem Vater gestorben. Er war ein sehr tüchtiger, strebsamer und hoffnungsvoller junger Mann, dessen frühzeitiges Ende mir auch sehr leid getan hat.

Viel besser hat sich der Privatassistent Dr. Pinkus gehalten, der anfangs Hilfsassistent, aber von 1897/98 ab ordentlicher Assistent im Privatlaboratorium war. Er hat die Versuche über die verschiedenen isomeren Formen des Acetaldehyd-Phenylhydrazons ausgeführt und war mir eine besonders treffliche Hilfe in der Verwaltung des Instituts. Als ich ihm diese anbot, erklärte er mir, daß er nicht die geringste kaufmännische Erfahrung besitze und niemals ein Buch geführt habe. Ich vertraute aber doch seiner Veranlagung und es zeigte sich in der Tat, daß er all diese Dinge, man könnte sagen, instinktiv vernünftig und zweckmäßig besorgte. Er hat das Laboratorium geradezu vor manchen unnützen Ausgaben geschützt. Später ist er zu Nölting nach Mühlhausen gegangen, um sich in der Farbenchemie umzusehen und dann als Chemiker in die Actiengesellschaft für Anilinfabrikation zu Berlin eingetreten. Er hat diese später wieder verlassen, um sich selbständig zu machen.

Einen sehr tüchtigen Nachfolger für Hunsalz erhielt ich 1897 in Dr. Hübner, gebürtig aus Kreuznach, ein sehr verständiger, ruhiger und gewissenhafter Chemiker. Er hat bei mir die schwierigen Versuche über das freie Purin und seine Methylderivate durchgeführt und mir auch bei der Abfassung der Biographie von A. W. von Hofmann, von der ich den wissenschaftlichen Teil übernommen hatte, in den Herbstferien 1898 während 3 Wochen stenographische Hilfe geleistet. Er bekleidet jetzt bei den Farbwerken zu Höchst eine angesehene Stellung.

Außer den Assistenten fanden immer einige Studierende, die ihre Doktorarbeit ausführten, im Privatlaboratorium Platz. Ich erwähne davon den späteren Direktor einer Schwefelsäurefabrik zu Duisburg Dr. Haenisch, den späteren technischen Direktor der Zellstoffabrik zu Waldhof Dr. Hans Clemm, den späteren Landwirt Dr. Kopisch, den jetzigen Professor der Pharmazie zu London Dr. Crossley.

Als besondere Gäste des Privatlaboratoriums sind zu verzeichnen Dr. Robert Pschorr und Fräulein Hertha von Siemens. Der erste hatte sich schon im Jahre 1892 bei mir in Würzburg als Student angemeldet, änderte aber seinen Entschluß, als er hörte, daß ich im Oktober nach Berlin übersiedle, weil München und Berlin diejenigen Städte seien, die er während der Studienzeit vermeiden müsse. Statt dessen ging er zu Knorr nach Jena und promovierte auch dort. Im Herbst 1895 kam er aber zu mir nach Berlin, und ich konnte ihm einen gerade frei gewordenen Platz im Privatlaboratorium überlassen. Er hat hier nach eigenen Plänen über Synthese von Phenanthrenderivaten gearbeitet, aber von mir doch manchen guten Rat empfangen. Nach 1½jähriger eifriger und erfolgreicher Arbeit kündigte er mir an, daß er jetzt zusammen mit dem jungen Dr. Meister eine Weltreise unternehmen wolle. Ich riet davon ab mit der Begründung, daß man solche langen Reisen wohl zu ernsten Zwecken, aber nicht nur zur Unterhaltung als sogen. Globetrotter unternehmen solle. Da aber alle Vorbereitungen schon getroffen waren, so ließ er sich nicht abhalten und kehrte auch glücklicherweise unbeschädigt an Körper, Geist und Arbeitslust nach etwa ⅔ Jahren zurück, um seine chemischen Untersuchungen zunächst wieder im Privatlaboratorium fortzusetzen. Bald nachher heiratete er ein Fräulein aus Frankfurt a. M. Durch den täglichen und vertrauten Verkehr im Laboratorium habe ich ihn rasch lieb gewonnen; denn er ist ein feiner, gut gebildeter Mann, musikalisch, auch zu hübschen Gelegenheitsgedichten in bayerischer Mundart befähigt und sehr bereit, anderen Leuten Hilfe zu gewähren oder eine Freude zu machen. Bei der Übersiedlung ins neue Institut konnte ich ihm eine Assistentenstelle anbieten, und als Harries nach Kiel berufen wurde, übernahm er die Stelle eines Abteilungsvorstehers, bis er im Frühjahr 1914 als Nachfolger von Liebermann an die technische Hochschule zu Charlottenburg kam. Seit Ausbruch des Krieges steht er im Felde, z. Zt. als Major im bayerischen Heere, und bei der Jubiläumsfeier der chemischen Gesellschaft erhielt er als früherer Redakteur der Berichte auf meinen Antrag den Titel Geheimer Regierungsrat.

Fräulein von Siemens war die erste Frau, die als Praktikantin in das chemische Institut aufgenommen wurde. Sie war mir von Anton Dohrn, dem Schöpfer der zoologischen Station zu Neapel, mit dem sie befreundet war, warm empfohlen. Sie hatte schon verschiedene naturwissenschaftliche Fächer studiert und wollte sich nun in Chemie, besonders dem organischen Teil, unterrichten, um später in Neapel biologische Studien anstellen zu können. Sie war damals schon 29 Jahre alt, und da sie wohl keine Zeit gehabt hatte, die Chemie von Grund aus zu betreiben, so nahm ich sie für ein Wintersemester ins Privatlaboratorium, wo sie organische Präparate und einige Analysen ausführte und der speziellen Fürsorge von Dr. Hübner anvertraut war. Sie nahm die Sache recht ernst, aber natürlich war es auch ihr nicht möglich, im Fluge eine so schwierige Wissenschaft wie die Chemie zu bewältigen, zumal ich sie wegen Platzmangel nicht länger wie ein Semester im Privatlaboratorium behalten konnte. Ihren Dank für den genossenen Unterricht brachte sie dadurch zum Ausdruck, daß sie mehrere jüngere, unverheiratete Assistenten wiederholt in die von ihr und ihrer Mutter bewohnte prächtige Villa zu Charlottenburg einlud. Auf diese Weise machte sie auch die Bekanntschaft von Dr. Harries, der sie im Herbst 1899 heiratete. So ist sie der Chemie dauernd treu geblieben und hat ihr Interesse an unserer Wissenschaft später durch reichliche Gaben insbesondere auch zugunsten des Kaiser Wilhelm-Instituts für Chemie bekundet. Sie ist eine vornehme Frau, die vielleicht Gutes geleistet hätte, wenn sie früher in die Wissenschaft gekommen und dauernd dabei geblieben wäre.

Seitdem sind viele Frauen in unser Institut gekommen und während des Krieges haben sie sogar die Mehrheit unter den Praktikanten erreicht. Genau so wie bei den jungen Männern sind ihre Leistungen außerordentlich verschieden. Es gibt darunter oberflächliche, auch leichtfertige Elemente, die sich mehr zur Schau oder zur Unterhaltung in die Hörsäle und Institute drängen. Aber die Mehrzahl, besonders von den deutschen Frauen denken doch ernster, und unter den Mädchen, die in den letzten Jahren das Institut besuchten, habe ich 2 oder 3 kennen gelernt, die guten Chemikern an Leistungen ganz gleich zu stellen waren. Trotzdem habe ich mich von der Zweckmäßigkeit des Frauenstudiums in der Chemie nicht überzeugen können, weil die Erfahrung lehrt, daß die Mehrzahl der studierten Frauen und gerade die besten später heiraten und dann gewöhnlich nicht mehr imstande sind, ihren Beruf auszuüben. Sobald das eintritt, sind Geld und Arbeit, die für das Studium aufgewandt wurden, verloren, und dasselbe gilt für die große Mühe, welche die Dozenten der Chemie in den Laboratorien für den Unterricht aufwenden müssen. Für die Zeit des Krieges und vielleicht auch noch für einige Jahre des Friedens mag ja wohl die Hilfe der Frau in der Chemie unentbehrlich sein, weil die Männer fehlen. Auch die Gefahr der Verheiratung ist augenblicklich geringer geworden, aber sobald wieder normale Verhältnisse eintreten, wird voraussichtlich meine obige Ansicht von neuem zu Recht kommen. Ich hoffe deshalb, daß in Zukunft das Studium der Frau sich mehr auf die Fächer beschränkt, wo weibliche Gelehrte ein wirkliches Bedürfnis decken können. Das ist der Fall in gewissen Zweigen der Medizin und vor allen Dingen in dem Lehrberuf; denn ich erwarte, daß auch bei uns die Zeit kommen wird, wo man den Unterricht in der Volksschule und Mittelschule, auch für die Knaben bis etwa zum Alter von 11-12 Jahren, vorzugsweise der Frau anvertraut, ohne dabei Gefahr zu laufen, eine zu feminine männliche Jugend heranzuziehen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts traten zwei Männer in die Reihe der Assistenten ein, die sich zu meiner Freude der anorganischen Chemie widmen wollten, und die auch später auf diesem Gebiete die schönsten Erfolge erzielt haben. Sie waren beide in unserem Institut herangebildet. Der eine war der Schwabe Otto Ruff, absolvierter Apotheker, aber im Besitz des Abituriums und bei uns vollständig als Chemiker ausgebildet. Seine Dissertation führte er als Organiker unter Piloty aus, fand dann selbständig einen Abbau der Zucker, der einfacher als das ältere Wohlsche Verfahren ist. Etwas später habe ich mit ihm noch eine kleine Arbeit über die Konfiguration der Xylose und den synthetischen Übergang von der Mannit- zur Dulcitreihe publiziert. Dann hat er sich fast ausschließlich mit anorganischen Aufgaben beschäftigt, wozu ich ihn auch gewissermaßen verpflichtet hatte, als er im Oktober 1897 eine Unterrichtsstelle in der analytischen Abteilung übernahm. Er ist hier 1900 Oberassistent und im Frühjahr 1903 Abteilungsvorsteher geworden. 1½ Jahre später wurde er ordentlicher Professor der anorganischen Chemie an der neugegründeten Hochschule zu Danzig und ist jetzt in gleicher Eigenschaft an der technischen Hochschule zu Breslau tätig. Ruff ist ein begabter, sehr fleißiger und energischer Chemiker, der keine Mühe scheut, schwierige experimentelle Arbeiten zu unternehmen und durchzuführen. Auch als Lehrer genießt er guten Ruf. Von seiner Neigung, für seine Überzeugung zu kämpfen, habe ich einmal im Interesse des Instituts Nutzen gezogen. Bei dem Neubau war nämlich bei Bestellung von kleinen Rollwagen zum Transport von Chemikalien innerhalb des Instituts versäumt worden, einen Kostenanschlag einzufordern. Infolgedessen lieferte die betreffende Firma zwei für uns unbrauchbare Wagen und stellte dafür eine übertrieben hohe Rechnung aus. Dadurch entstand ein Prozeß, den Ruff mit Vergnügen und komischer Tatkraft für das Institut führte und auch glänzend gewann. Seine Freude am Disput hat ihn auch hier und da in Streit mit den Altersgenossen gebracht. Ich selbst habe in ihm aber stets einen verständnisvollen und zu jeder nützlichen Tätigkeit bereiten Mitarbeiter gefunden. In Anerkennung seiner eifrigen experimentellen Forschung hat es mir Freude gemacht, ihm wiederholt Geldunterstützungen für seine Arbeiten von Seiten der Akademie der Wissenschaften oder aus anderen Quellen zu verschaffen.

Der zweite Anorganiker war Alfred Stock, der im Oktober 1898 zunächst Vorlesungsassistent wurde. Auch er hat als Organiker promoviert, was seiner experimentellen Ausbildung nicht schädlich gewesen ist. Stock ist ein Berliner Kind und hatte sich schon im Friedrich Werderschen Gymnasium sehr ausgezeichnet, so daß ihm von dort ein dreijähriges Stipendium für die Studienzeit gewährt wurde. Er war auch als Vorlesungsassistent sehr brauchbar und darauf bedacht, neue Experimente zu finden oder die alten zu verbessern, bezw. zu verschönern. Als seine Neigung zur anorganischen Chemie sicher war, riet ich ihm im Herbst 99, zu Moissan nach Paris zu gehen und verschaffte ihm für diesen Zweck vom Kultusministerium ein Reisestipendium. Er hat auch Moissan so gut gefallen, daß er mich im Frühjahr 1900 ersuchte, Stock ein weiteres halbes Jahr bei ihm zu lassen. Im Spätsommer 1900 kam dann Stock von Paris zurück, dankerfüllt gegen Moissan, der ihn so freundlich aufgenommen und belehrt hatte, auch als Kenner von einzelnen Methoden und Apparaten, die in Frankreich üblich und in Deutschland kaum bekannt waren. Z. B. sind wir so in den Besitz der so bequemen Quecksilberwanne gekommen, die von Berthelot, Moissan und anderen französischen Gelehrten benutzt wurde und wegen ihrer Größe ein recht bequemes Arbeiten mit Gasen gestattet. Leider verlangt sie auch eine ziemlich kostspielige Quecksilberfüllung.

Nach seiner Rückkehr hat sich Stock ausschließlich der anorganischen Chemie gewidmet, durchlief die übliche Stufenleiter im Institut als Unterrichtsassistent und Abteilungsvorsteher und wurde 1909 als ordentlicher Professor der anorganischen Chemie an die technische Hochschule zu Breslau versetzt. Einige Jahre später erhielt er die Ernennung zum ordentlichen Professor und Direktor des chemischen Instituts an der Universität zu Münster. Damit wurde nach langen Jahren zum ersten Mal wieder eine ordentliche Professur der Chemie einem Anorganiker anvertraut und zwar ohne die Verpflichtung, die Elementarvorlesung über organische Chemie mitzulesen. Bevor aber Stock das neue Amt antrat, gab Willstätter seine Stellung am Kaiser Wilhelm-Institut für Chemie auf, um als Nachfolger von Baeyer nach München zu gehen. Stock bewarb sich nun um diese Stelle und wurde von dem Verwaltungsrat unter denselben Bedingungen wie Willstätter ernannt. Inzwischen war der Krieg ausgebrochen und Stock, der noch im wehrpflichtigen Alter stand, übernahm alsbald kriegswissenschaftliche Arbeiten. Auch die Räume im Kaiser Wilhelm-Institut mußte er abtreten, da sie für den Gaskampf in Anspruch genommen wurden, und so kehrte er denn für die Dauer des Krieges in unser Institut zurück. Stock ist ein sehr geschickter Experimentator und im Bau von wissenschaftlichen Apparaten dürfte er die erste Stelle unter den jüngeren Chemikern Deutschlands einnehmen. Den Beweis dafür liefert die glänzende Untersuchung über die Verbindungen des Wasserstoffes mit Silizium und Bor. Zudem ist er ein ausgezeichneter Redner und ich glaube nicht, das irgend ein anderer deutscher Chemiker ihm in der Gestaltung der anorganischen Experimentalvorlesung gleichkommt. Es ist mir deshalb eine große Beruhigung, daß er mich jetzt in dieser Vorlesung vertritt und dadurch den chemischen Unterricht in Berlin vor weiterem Niedergang schützt. Wenn Stock im zukünftigen Frieden so weiter arbeitet wie bisher, so wird er vermutlich einer der hervorragendsten Vertreter der anorganischen Chemie in der Welt werden.