Ein anderer Diener, der älteste im Hause, erwies sich ebenfalls als wenig zuverlässig. Er log in der unverschämtesten Weise, selbst wenn man ihn direkt überführen konnte und stand auch als Verwalter der Glasapparate und Chemikalien in dem Ruf der Unzuverlässigkeit. Ich habe deshalb, als er 65 Jahre alt war, seine Pensionierung beantragt, aber es war recht schwer, ihn los zu werden, obschon die gesetzliche Handhabe durch das Alter gegeben war. Schließlich ist er durch die Verleihung des allgemeinen Ehrenzeichens beruhigt worden, und ich habe an diesem Beispiel gesehen, welche große Macht den Staatsbehörden ganz besonders auch bei den Subaltern-Beamten in der Verleihung von Ehrenzeichen und Orden zur Verfügung steht. Die Minderwertigkeit der alten Diener glaubte ich wenigstens zum Teil in der schlechten Beschaffenheit ihrer im Institut befindlichen Dienstwohnung suchen zu müssen. Ich habe deshalb beim Neubau dafür gesorgt, daß die Wohnungen aller Unterbeamten hygienisch ganz einwandfrei und auch in bezug auf Bequemlichkeit, Beleuchtung, Heizung und dergl. behaglich eingerichtet wurden. Seitdem habe ich so traurige Dinge, wie die eben geschilderten, nicht mehr erlebt, und erst während des Krieges mit seiner demoralisierenden Wirkung sind im Verhalten der Diener wieder einige unbequeme Züge hervorgetreten. Ich stimme deshalb dem Urteil von einsichtigen Volkswirten, daß eine gute Wohnung die Menschen bessere und eine schlechte sie ethisch niederdrücke, gerne zu.

Mit den Assistenten des Instituts, deren Zahl mit den Hilfsassistenten und Privatassistenten allmählich wuchs, bin ich fast ausnahmslos recht gut ausgekommen. Sie waren vom Minister immer nur auf zwei Jahre angestellt, aber diese Anstellung ist bei den Herren, die sich der wissenschaftlichen Laufbahn widmen wollten, auf meinen Antrag beliebig oft erneuert worden. Den Wunsch auf Wiederholung der Anstellung habe ich meines Wissens nur ein einziges Mal direkt abgeschlagen, weil der Betreffende sich ungebührlich gegen den Minister selbst benommen hatte.

An der Spitze der Assistenten stand von Anfang an S. Gabriel, der schon unter Hofmann dem Institut 20 Jahre lang erst als Studierender und dann als Assistent angehört hatte. Er ist mir immer ein lieber Kollege und Freund gewesen. Ich benutze deshalb gerne diese Gelegenheit, ihm herzlichen Dank zu sagen für die stets in freundlicher Weise gewährte Hilfe, die er mir so oft bei Erkrankungen oder anderen Verhinderungen sowohl in den Vorlesungen, wie auch in der Verwaltung des Instituts gewährt hat. Da ich auch von seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit überzeugt war, so hätte ich ihm gerne zu einer selbständigen Tätigkeit verholfen, aber allen Empfehlungen zum Trotz ist es nicht gelungen, ihm einen Ruf an eine andere Hochschule zu verschaffen. Erst mit der Entstehung des neuen Instituts war es möglich, ihm eine dauernde Anstellung als Abteilungsvorsteher zu geben, und ich habe später auch dafür gesorgt, daß seine Verdienste um das Institut und den Unterricht durch Verleihung von Orden, des Titels Geheimer Regierungsrat und die Ernennung zum ordentlichen Honorarprofessor in der philosophischen Fakultät anerkannt wurden. Er ist zwar ein Jahr älter, aber mit Rücksicht auf seine gute Gesundheit gebe ich gerne der Hoffnung Ausdruck, daß er mindestens ebenso lange wie ich seine Tätigkeit im Institut beibehalten wird.

Die zwei anderen Assistenten, die ich aus der Hofmann'schen Zeit übernahm, Dr. Richter und Dr. Pulvermacher, sind nach Ablauf von 1-3 Jahren freiwillig aus dieser Stellung geschieden. Vom ersteren habe ich nie mehr etwas gehört. Der zweite war etwa 10 Jahre später Generalsekretär des internationalen Chemikerkongresses zu Berlin. Viel länger ist Dr. C. Harries geblieben. Er war schon bei Hofmann provisorisch Vorlesungsassistent. In der gleichen Eigenschaft erhielt er bei meinem Amtsantritt eine ordentliche Assistentenstelle, wurde später Unterrichtsassistent und im Jahre 1900 bei Eröffnung des neuen Instituts Abteilungsvorsteher für organische Chemie. Nach dem Rücktritt von Claisen folgte er einem Ruf nach Kiel als ordentlicher Professor und Direktor des dortigen Instituts. Vor 1½ Jahren hat er diese Stellung aufgegeben und sich als Privatgelehrter nach Berlin-Grunewald zurückgezogen. Harries hat seine Doktorarbeit unter Tiemann angefertigt, aber seine selbständigen Versuche begann er zu meiner Zeit, und bei dem dauernden persönlichen und wissenschaftlichen Verkehr, in dem wir jahrelang standen, hat er sicherlich so viel von mir gelernt, daß er wohl auch zu meinen Schülern gezählt werden darf. In der Tat bezog sich auch eine seiner ersten Arbeiten auf das von mir und Besthorn entdeckte sogen. Phenyl-Sulfocarbazin, von dem er nachwies, daß es nicht die von uns vermutete Struktur besitze, sondern den Schwefel im Benzolkern enthalte. Aber die endgültige Erkenntnis seiner Struktur ist ihm auch nicht gelungen. Harries hat im Berliner Institut seine Versuche über die Oxydation von ungesättigten Körpern mit Ozon begonnen, die er später auf den Kautschuk ausdehnte und damit seinen größten wissenschaftlichen Erfolg erzielte.

Die beiden von mir aus Würzburg mitgebrachten Unterrichtsassistenten Dr. Piloty und Dr. Fogh haben verschiedene Schicksale erlebt. Von dem Ersten ist früher schon ausführlich die Rede gewesen. Er hat im Berliner Institut die schönen Versuche über Dioxyaceton, über eine neue Synthese des Glycerins und eine besondere Klasse von Nitrosoverbindungen ausgeführt.

Seine Gattin Eugenie, Tochter von Baeyer, war schon von Würzburg her mit meiner Frau befreundet. Ihr erstes Kind, ein Sohn, wurde in Berlin Weihnachten 1892 geboren, und ich hatte die Ehre, als Pate gewählt zu werden. Er ist leider wie der Vater in dem unseligen Krieg im Westen gefallen.

Dr. Fogh, ein Däne, hat in Berlin wenig Erfolg gehabt. Die in Paris bei Berthelot begonnenen und in Würzburg fortgesetzten thermochemischen Versuche ließ er gänzlich liegen. Nach einigen Semestern wurde er auch noch krank, nahm zuerst Urlaub und da es nicht besser wurde, schied er freiwillig aus seiner Stelle. Er ist nach Kopenhagen zurückgekehrt und außer einer Verlobungsanzeige habe ich keine Nachricht mehr von ihm erhalten.

Viel besseren Erfolg hatte der von Würzburg mitgekommene Privatassistent Dr. Lorenz Ach, der mir bei der Untersuchung über Amidoacetaldehyd und die Alkoholglucoside wertvolle Hilfe leistete. Nach Aufgabe dieser Tätigkeit wurde er Unterrichtsassistent in der organischen Abteilung und ich schlug ihm eine gemeinsame Arbeit über die Verwandlung der 1,3-Dimethylpseudoharnsäure, die ich kurz zuvor von einem Studenten hatte darstellen lassen, in die entsprechende Harnsäure vor. In der Tat gelang die Reaktion zuerst durch Schmelzung mit Oxalsäure, die sich auch für die analoge Synthese der Harnsäure als brauchbar erwies. An diese Versuche hat sich später die erste Synthese des Coffeins angereiht. Zuvor aber war Dr. Ach in die Technik übergetreten und zwar in das wissenschaftliche Laboratorium der Firma C. F. Böhringer und Söhne zu Mannheim-Waldhof, dessen Leitung seinem Bruder, dem früher erwähnten Dr. Fritz Ach, anvertraut war. Nach dem frühzeitigen Tode des Bruders ist Lorenz an die Spitze dieses Laboratoriums getreten und hat hier hübsche Erfolge erzielt.

Durch diese persönlichen Beziehungen bin ich auch veranlaßt worden, derselben Firma die technische Ausarbeitung der Coffein-Synthese anzuvertrauen. Die daraus hervorgegangenen Arbeiten werde ich erst später im Zusammenhang mit den allgemeinen Untersuchungen über Purine besprechen.

Nachfolger von Dr. Ach im Privatlaboratorium wurde Dr. Rehländer, ein ebenfalls sehr tüchtiger, gewissenhafter und fleißiger Chemiker. Er hat nicht allein an der Ausarbeitung der Glucosidsynthese, sondern auch an den umfangreichen Enzymversuchen, welche mit dem charakteristischen Verhalten der α- und β-Glucoside gegen Emulsin begannen, regen Anteil gehabt. Er ist später in die Fabrik von Schering eingetreten. Gleichzeitig mit ihm fungierte Dr. Beensch als Privatassistent und ging dann wie die Brüder Ach zu der Firma Böhringer & Söhne. Er wurde im Privatlaboratorium durch P. Hunsalz abgelöst, der länger als gewöhnlich bei mir blieb und namentlich an den Purinsynthesen in hervorragendem Maße beteiligt gewesen ist. Er war in Memel zuhause, stammte aus bescheidenen Verhältnissen und war körperlich ein unansehnlicher Mann, aber klug und außerordentlich fleißig. Seine Neigung, zu hasten und die Versuche zu überstürzen, habe ich schon bei seiner Doktorarbeit über den Hydrazinoaldehyd energisch und auch erfolgreich bekämpft, denn er war später ein recht geschickter Experimentator, der besonders die Kunst sehr schnellen Arbeitens beherrschte. Er war der erste Privatassistent, dem ich mit Rücksicht auf seine Leistungen einen recht erheblichen Zuschuß zum staatlichen Gehalt gewährte. Schließlich kam er auch in das Laboratorium von Böhringer & Söhne, hat sich aber hier anscheinend wegen des Übergewichts der beiden Brüder Ach nicht wohl gefühlt und ist deshalb nach einigen Jahren zur Firma Schering in Berlin gegangen. Hinterher ist mir dieser Entschluß pathologisch vorgekommen; denn er war in Mannheim-Waldhof gut gestellt. In der Tat hat sich auch nicht lange nachher eine Geisteskrankheit entwickelt, die mit körperlichem Zerfall Hand in Hand ging und ihn schließlich in einen freiwilligen Tod geführt hat. Sein trauriges Schicksal ist mir sehr nahe gegangen, weil ich ihn gern hatte. Er selbst war aber durch die Krankheit so scheu geworden, daß er mich während seiner Anstellung bei Schering niemals mehr besuchte, sondern im Gegenteil jeder Begegnung auswich. Alles das war offenbar der Vorbote der schweren Krankheit.