Mit Ausnahme der beiden Hörsäle und der beiden von Tiemann als Privatlaboratorium benutzten Zimmer lagen alle benutzbaren Räume im ersten Stock. Zwei gut erleuchtete Unterrichtssäle, getrennt durch einen kleineren Raum, gingen nach der Georgenstraße. Die übrigen Unterrichtszimmer mit Nebenräumen lagen in den korridorähnlichen Seitenflügeln und dienten gleichzeitig als Durchgang. Recht hübsch und auch ziemlich zweckmäßig eingerichtet war das aus zwei Räumen bestehende Privatlaboratorium, das durch den Korridor und zwei Bibliothekszimmer direkt mit dem Wohnhaus in der Dorotheenstraße in Verbindung stand. Hier habe ich mich, unterstützt von dem aus Würzburg mitgekommenen Privatassistenten Dr. Lorenz Ach schnell eingerichtet. Drei junge Chemiker, die ihre Doktorarbeit ausführen wollten — es waren die Herren Haenisch, Kopisch und der von Würzburg mitgenommene Engländer Crossley — wurden als Gäste aufgenommen und schon im ersten Jahr hatte ich das Glück, zwei hübsche Reaktionen, die Bereitung des Amido-Acetaldehyds und ähnlicher Stoffe, ferner die Synthese der Alkoholglucoside aus Zucker und Alkoholen in Gegenwart von Salzsäure zu finden. Gleichzeitig leitete ich mehrere Doktorarbeiten in dem zweiten organischen Unterrichtssaal und überwachte zusammen mit dem hier tätigen Assistenten die präparativen Übungen der organischen Anfänger nach der von mir geschriebenen »Anleitung zur Darstellung organischer Präparate«, die sich schon in Erlangen und Würzburg bewährt hatte. Auch um die analytische Abteilung, in der Dr. Piloty und Dr. Fogh tätig waren, habe ich mich damals, so weit es meine Zeit zuließ, gekümmert.

Die großen Experimental-Vorlesungen hielt ich wie Hofmann im Winter über anorganische und im Sommer über organische Chemie. Aber anstelle des dreimal zweistündigen Vortrages zog ich es vor, 5 Mal je eine Stunde in der Woche zu sprechen, weil dadurch die Vorbereitungen der Experimente viel sorgfältiger werden und deshalb auch recht viel Zeit erspart werden kann. In der Tat zeigte sich denn auch, daß ich in den 5 Wochenstunden ein erheblich größeres Pensum mit einer größeren Anzahl von Experimenten ausführen konnte, als früher in drei Doppelstunden geleistet wurde.

Die Zahl der Zuhörer stieg schon im zweiten und dritten Jahre sehr erheblich und dann wurde der Zugang so groß, daß aller verfügbarer Raum von stehenden Personen erfüllt war und meist die Zugangstüren nicht mehr geschlossen werden konnten. Ganz ungenügend war die Kleiderablage, in der häufig am Schluß der Vorlesung große Unordnung herrschte, und leider auch mancher Diebstahl vorkam.

Unter den Zuhörern befanden sich in den letzten Jahren nicht allein Chemiker, Mediziner, Apotheker und Lehramtskandidaten, sondern auch Angehörige der juristischen und sogar der theologischen Fakultät. Das hing wohl damit zusammen, daß ich mich bemühte, gelegentlich die Bedeutung der Chemie für die gesamte menschliche Kultur in philosophischer und wirtschaftlicher Beziehung darzulegen.

Auch das Laboratorium war bald überfüllt, was bei der geringen Anzahl von Arbeitsplätzen (etwa 80) nicht überraschen konnte. Dieser Zudrang war das beste Agitationsmittel für den Neubau des Instituts, und als ich damit drängte, erhielt ich schon im Frühjahr 1893 den Auftrag, ein Programm dafür auszuarbeiten. In freudiger Stimmung habe ich mich dieser Mühe sofort unterzogen, mußte aber zu meiner Enttäuschung bald erkennen, daß der Auftrag nur zum Schein erfolgt und daß es eines viel gröberen Geschützes bedurfte, um das Kultusministerium in dieser allerdings ziemlich schwierigen Frage zu energischer Handlung zu bringen; denn die Entscheidung über alle derartigen Forderungen der Wissenschaft in Preußen, die Geld kosten, hat in letzter Linie der Finanzminister, und wie schwer dessen Zustimmung zu erlangen war, werde ich erst später schildern.

Zuvor war mir vom Kultusministerium ein recht unbequemes Geschäft aufgehalst worden, das mit der Weltausstellung zu Chicago von 1893 zusammenhing. Das Ministerium hatte es übernommen, hier eine Ausstellung des preußischen Unterrichtswesens und der wissenschaftlichen Forschung in Deutschland zu veranstalten. Dabei sollte die chemische Gesellschaft beteiligt sein, und im Auftrage des Kultusministeriums bemühte ich mich, dafür die Zustimmung des Vorstandes zu gewinnen. Gewünscht wurde vor allen Dingen eine Ausstellung von interessanten, in Deutschland entdeckten Präparaten. Im Vorstand herrschte anfangs keine Neigung, auf die Wünsche des Ministeriums einzugehen. Erst als ich den Herren klar machte, daß die langjährige Benutzung von Institutsräumen für Zwecke der Gesellschaft nur im Einverständnis mit dem Minister möglich gewesen sei und auch in Zukunft davon abhänge, entschloß man sich zur positiven Mitwirkung in Chicago durch Veranstaltung einer Sammlung von interessanten Präparaten und Apparaten und die Vorlage eines Albums mit den Bildern deutscher Chemiker. Ich mußte mich aber verpflichten, die Rundschreiben mit der Aufforderung zur Beteiligung an die Mitglieder der Gesellschaft zu entwerfen und zu versenden, sowie die Präparate in Empfang zu nehmen. Diese Arbeit geschah mit Hilfe des Assistenten Dr. Richter in den Räumen des Instituts. Sie hat viele Wochen ärgerlicher Mühe und manche Sorge gebracht. Ein hübscher Ausstellungsschrank wurde von der Firma Chemische Fabrik auf Actien vormals E. Schering in Berlin kostenlos zur Verfügung gestellt, und das Ganze hat später in Chicago offenbar gefallen; denn die beteiligten deutschen Laboratorien wurden mit Ehrendiplomen belohnt, und außerdem trat an uns der Wunsch der Amerikaner heran, die Sammlung behalten zu dürfen. Darauf konnte sich die Gesellschaft aber nicht einlassen, da die Präparate Privateigentum der einzelnen Mitglieder geblieben waren und diese fast alle den Wunsch äußerten, sie zurückzuerhalten. Sie sind dann auch nach Schluß der Chicagoer Ausstellung unversehrt nach Berlin zurückgekehrt und von hier aus an die einzelnen Besitzer verteilt worden. Ich hatte aber von dem ganzen Geschäft so viel Unbequemlichkeiten, daß ich spätere Zumutungen ähnlicher Art von Seiten des Kultusministeriums energisch ablehnte. Infolgedessen ist die Organisation und Beteiligung der wissenschaftlichen Chemie an der Ausstellung zu Philadelphia vom Kultusministerium Herrn C. Harries übertragen worden.

Der erste Winter, den ich in Berlin zubrachte, war ungewöhnlich streng, und da ich damals die Dienstwohnung noch nicht hatte, sondern in der Königin Augustastraße wohnte, so mußte ich den Weg dorthin täglich 4-6 Mal machen, natürlich mit einem Wagen, der aber wegen des hohen Schnees fast ½ Stunde fuhr. Bei der starken Kälte war ich dann am Ende der Fahrt ganz erfroren, bis meine Frau auf den glücklichen Gedanken kam, mir einen großen Pelzsack anzuschaffen, in den ich während der Wagenfahrt bis unter die Arme schlüpfte.

Der Frost hatte auch im Laboratorium sehr unangenehme Folgen; denn die Wasserleitung platzte an verschiedenen Stellen, und es entstand eine große Überschwemmung. Da unglücklicherweise alle Röhren in die Wände gelegt waren und von der Leitung kein Plan mehr existierte, so mußten oft die Bauleute tagelang suchen, bis die verletzten Stellen gefunden waren. Dadurch wurde ich in dem schon früher gefaßten Vorsatz bestärkt, beim Neubau alle Rohrleitungen frei zu legen und leicht zugänglich zu machen. Trotz solcher kleinen und unangenehmen Überraschungen gingen übrigens der Unterricht und die wissenschaftliche Arbeit im Institut ungestört vorwärts.

Nachdem Frau von Hofmann im Mai 1893 die Dienstwohnung in der Dorotheenstraße verlassen und diese dann einer sehr notwendigen Reparatur unterzogen war, konnte ich sie im September desselben Jahres in Benutzung nehmen und war von nun an auch imstande, nicht allein die Experimentalarbeit intensiver zu betreiben, sondern auch die Gesamtaufsicht über das Institut sorgfältiger einzurichten. Das führte alsbald zur Entdeckung von Diebstählen, die von dem verkommenen Pförtner des Instituts begangen oder versucht wurden. Er hatte aus der Instrumentensammlung der Akademie, die sich in einem Dachraum des Wohnhauses befand, eine Reihe von Kupferplatten weggenommen und verkauft. Ich wurde darauf aufmerksam, als ich die Aufsicht über die Instrumentensammlung mit dem Einzug in die Dienstwohnung übernahm. Außerdem hatte er während der herrenlosen Zeit den vermauerten Kupferkessel aus der Waschküche der Dienstwohnung entfernt, um ihn zu verkaufen, war aber dabei von dem Baubeamten überrascht worden. Infolgedessen kündigte ich ihm die Stelle und dann hatte der Mensch die Unverschämtheit, sich in einer Eingabe an das Kultusministerium über die Behandlung zu beklagen, die ihm von dem neuen Direktor des Institutes zuteil werde. Diese wurde mir vom Minister zur Berichterstattung übersandt, und als ich darauf erwiderte, daß der Grund der Entlassung in dem dringenden Verdacht der Diebstähle gelegen habe, kam die prompte Anfrage, weshalb keine Strafanzeige erfolgt sei. Ich hatte auf diese Maßregel verzichtet, weil mir der Missetäter leid tat; denn er war zu der ungeordneten Lebensweise und sittlichen Verkommenheit durch den Mangel an Aufsicht und auch durch die schlechte, feuchte und dunkle Kellerwohnung gekommen. Sein Nachfolger, ein Kupferschmied Prisemuth, der durch das Tragen einer Brille ein ganz gelehrtes Aussehen angenommen hatte, war nicht viel besser. Zuerst hatte ich mit ihm einen unangenehmen Auftritt wegen seiner Frau, mit der er häufig in Zwist lebte. An einem Sonnabend Nachmittag wurde ich nämlich aus der ärztlichen Vorprüfung, die im physiologischen Institut der Universität stattfand, nachhause gerufen, weil mit der Frau des Pförtners ein Unglück passiert sei. Als ich im Institut in der Georgenstraße erschien, war der Pförtner ganz ruhig damit beschäftigt, die Korridore zu säubern, und auf meine erregte Frage, wie es mit seiner Frau stehe, erhielt ich die Antwort: »Dumme Eifersucht, Herr Professor, sie hat mir schon öfter blamiert«. In Wirklichkeit hatte die Frau einen Versuch des Selbstmords durch Trinken starker Salzsäure gemacht und dadurch eine schlimme Ätzung von Mund, Kehlkopf und Speiseröhre davongetragen. Der Herr Gemahl zeigte dafür nicht das geringste Mitgefühl, und als die Frau einige Monate später aus dem Krankenhause zu ihm zurückkehrte, war er scheinbar ganz befriedigt davon, daß sie die Stimme verloren hatte und nur noch wispern konnte. Das war eine interne Familienangelegenheit, die mich zu keiner amtlichen Maßregel berechtigte. Als ich aber 1½ Jahre später erfuhr, daß der Pförtner trotz strengen Verbots Nachschlüssel vom Haupttor des Instituts an Studenten vermietete, blieb mir nichts anderes übrig, als ihn ebenfalls an die Luft zu setzen, obschon er als Handwerker ganz gewandt war. Von Tiemann wurde er als Diener für sein Privatlaboratorium noch geschätzt und gehalten, bis verschiedene Missetaten auch hier seine Entlassung nötig machten.