Ein größeres Festmahl war ihm Tags zuvor von der chemischen Gesellschaft gegeben worden, und ich mußte dabei die Tischrede auf den Gast halten, die ich in eine launige Form kleiden konnte. Sie ist gedruckt worden, und ich habe mir erlaubt, einige Exemplare an hervorragende auswärtige Fachgenossen zu schicken. Die merkwürdigste Wirkung hat sie in München ausgeübt; denn Pettenkofer, dem ich ein Blatt zugeschickt hatte, sandte dieses an W. von Miller, der damals schon schwer krank war und dem er einen kleinen Spaß bereiten wollte. Miller, der an Darmkrebs litt, hatte den Ehrgeiz, die Vorlesung über Chemie an der technischen Hochschule mit Aufgebot aller Energie so lange zu halten, als seine erschöpften Kräfte es irgendwie gestatteten. Er ließ sich zu dem Zweck zuletzt auf einer Bahre in den Hörsaal tragen. Eine seiner letzten Vorlesungen hat er hauptsächlich mit dem Vorlesen meiner Tischreden ausgefüllt, an die er allerdings belehrende Bemerkungen über die Edelgase und ihre Entdeckung knüpfte. Das hat mir verschiedene Zuschriften seiner Zuhörer, die davon sehr belustigt waren, eingebracht.
Weitere bemerkenswerte Vorträge wurden gehalten von Nernst, Wallach, Buchner, Willstätter, Richards, Sabatier, Brunck, Knietsch usw., die alle mit lebhaftem Interesse gehört und für die ich zuweilen als Vorsitzender den Rednern den Dank der Gesellschaft abstatten mußte. Einen Vortrag sonderlicher Art hielt R. Fittig über ungesättigte Säuren, Laktone usw., sehr inhaltreich, aber in der Form so merkwürdig, daß die Jugend sich belustigte und wir Älteren alle Mühe hatten, den Ernst zu bewahren.
Mein erster Vortrag über Kohlenhydrate, der auf diejenigen von Baeyer und Victor Meyer folgte, ist früher schon erwähnt. Einen zweiten habe ich im Januar 1906 über Aminosäuren, Polypeptide und Proteine gehalten. Er erregte einiges Aufsehen unter den Fachgenossen. Etwa 8 Tage nach dem Vortrag wurde durch eine Notiz aus Wien die Aufmerksamkeit der Presse und des großen Publikums darauf gelenkt, und nun erlebte ich etwas sehr Merkwürdiges. Meine vorsichtig gehaltene Rede wurde von der Presse in der phantastischsten Weise ausgeschmückt, die Synthese des Eiweiß als eine fertige Sache dargestellt und mit der Lösung der Nahrungsfrage das goldene Zeitalter proklamiert. Ich habe versucht, dagegen Einspruch zu erheben, aber ohne jeden Erfolg. Wie eine Sturzwelle ging die Flut der Zeitungsartikel über mich und alle Vernunft hinüber, und schließlich erhielt ich aus den Vereinigten Staaten Amerikas Zeitungsartikel, die ganze Seiten bedeckten und durch Bilder illustriert waren, auf denen man die Verwandlung der Kohle in die schönsten Erzeugnisse eines eleganten Speisehauses sehen konnte. Selbstverständlich waren alle diese Bilder von mir selbst, meinem Laboratorium, den Versuchstieren usw. frei erfunden. Ich habe damals vor der fürchterlichen Macht und Zügellosigkeit der Presse einen Schrecken bekommen.
Den dritten zusammenfassenden Vortrag hielt ich im September 1913 in einer Sitzung, die von der chemischen Gesellschaft auf der Naturforscherversammlung zu Wien veranstaltet wurde. Das Thema war die Synthese von Depsiden, Flechtenstoffen und Gerbstoffen. Assistiert wurde ich bei dem Vortrag von meinem Sohn Hermann O. L. Fischer, der an der Synthese der Flechtenstoffe experimentell beteiligt gewesen war. Die Sitzung fand statt in dem Hörsaal des chemischen Instituts der Universität Wien, das damals von Guido Goldschmidt geleitet wurde. Der Saal war derartig überfüllt, daß mir hinter dem Experimentiertisch kaum Raum blieb, um die zahlreichen Tabellen zu erläutern und die Präparate zu demonstrieren. Zudem herrschte eine derartige Hitze, daß ich nach 1½stündigem Vortrag so naß war, als hätte ich die Donau durchschwommen. Es war die erste besondere Sitzung, welche die chemische Gesellschaft auf einer deutschen Naturforscherversammlung abhielt und ist bisher auch die einzige geblieben, weil infolge des Krieges keine Naturforscherversammlung mehr zustande kam.
Als im Jahre 1900 das chemische Institut in den Neubau an der Hessischenstraße verlegt war, wurde die bis dahin bestehende fast tägliche Berührung der chemischen Gesellschaft und mir unterbrochen. Auf meinen Antrag erhielt zwar die Gesellschaft vom Kultusministerium die Erlaubnis, noch ein Jahr in den alten Räumen der Georgenstraße zu bleiben, bis das Hofmann-Haus ganz fertiggestellt war, aber mit der räumlichen Trennung hatte ich das Gefühl, daß ich nicht mehr im gleichen Maße wie bisher für die Schicksale der Gesellschaft verantwortlich sei, sondern daß die Sorge für sie sich jetzt mehr gleichmäßig auf alle Mitglieder des Vorstandes verteilen müsse. Ich habe dementsprechend nur selten mehr die mir angetragene Wahl zum Vorsitzenden angenommen und mich auch an den Sitzungen der Gesellschaft in loserer Form beteiligt, als es früher der Fall war. Nur wenn wichtige Interessen auf dem Spiele standen, habe ich mich nicht gescheut, meinen ganzen Einfluß aufzubieten, um das, was ich für richtig hielt, durchzusetzen.
An dem 50-jährigen Jubiläum der Gesellschaft, das im Mai d. Js. gefeiert wurde, konnte ich mich nicht beteiligen, weil ich damals zur Erholung von einer Lungenentzündung in der Südschweiz weilte. Ich hatte aber vorher beim Kultusminister einen Antrag gestellt, den wissenschaftlichen Beamten der Gesellschaft, an der Spitze Herrn P. Jacobson, durch Verleihung von Titeln eine öffentliche Anerkennung zu erwirken. Das ist auch geschehen, und zu meiner großen Überraschung wurde auch mir bei der Gelegenheit ein hoher preußischer Orden verliehen. Offen gestanden hätte ich es lieber gesehen, daß das nicht geschehen wäre.
Die von mir angeregte und auch ursprünglich übernommene Gedächtnisrede auf A. von Baeyer hatte ich leider wegen Krankheit wieder abgeben müssen. Sie ist dann aber von R. Willstätter in sehr würdiger Weise gehalten worden.
Auch beim 40jährigen Bestehen der Gesellschaft war ein kleines Fest veranstaltet worden, und ich hatte das Vergnügen, bei der Gelegenheit Herrn Professor Henry Armstrong, den Abgesandten der Chemical Society zu London, bei mir zu Gast zu haben. Freundschaftliche Beziehungen zu ihm hatte ich längst, teils durch seinen Sohn, der mehrere Jahre mein Mitarbeiter war, und auch durch meinen eigenen Sohn Hermann, dem er und seine Familie während eines halbjährigen Aufenthaltes in England viele Freundlichkeiten erwiesen hatten.
Das chemische Institut in der Georgenstraße
Mein Einzug in das Institut, die von mir angeregten kleinen baulichen Veränderungen, die Vermehrung der Assistenten und die Verteilung der Arbeit unter die vorhandenen Lehrkräfte sind schon früher geschildert. Alles war von mir nur als Provisorium gedacht, weil ich sicher damit rechnete, daß in wenigen Jahren ein Neubau entstehen werde; denn seine Errichtung war die erste und wichtigste Bedingung, die ich bei der Berufung stellte, und sie war nicht allein von den Räten des Kultusministeriums, sondern auch von dem Minister Dr. Bosse selbst ausdrücklich bewilligt worden. Das Provisorium hat aber schließlich 7½ Jahre gedauert und bildet so einen ziemlich langen Abschnitt in meiner Berliner Tätigkeit.