Inzwischen waren mit Paul Jacobson und dem bisherigen Redakteur des chemischen Zentralblattes Professor R. Arendt in Leipzig Verhandlungen gepflogen worden. Beide traten anfangs 1897 in den Dienst der chemischen Gesellschaft. Arendt blieb in Leipzig und besorgte von dort aus bis zu seinem Tode die Redaktion des chemischen Zentralblattes. Jacobson siedelte nach Berlin über und übernahm nicht allein die Redaktion des Beilstein-Handbuches, sondern löste auch Tiemann ab als Generalsekretär der Gesellschaft in der Redaktion der Berichte und der Erledigung der Sekretariatsgeschäfte. Damit schied Tiemann aus den beiden Ämtern, die er fast 20 Jahre lang unbesoldet verwaltet hatte, und der Vorstand fühlte sich verpflichtet, ihm seinen wärmsten Dank durch die Überreichung einer stattlichen Adresse und durch Veranstaltung eines Festessens auszudrücken.
Diese Neuordnung der Geschäftsführung mit den erweiterten literarischen Aufgaben bezeichnet den Anfang einer neuen Periode in der Entwicklung der chemischen Gesellschaft. Für die Richtigkeit der Veränderung spricht der Erfolg. Zu den 4 Bänden der dritten Auflage des Beilstein-Handbuches hat die Gesellschaft inzwischen die gleiche Anzahl Ergänzungsbände herausgegeben und eine neue Auflage vorbereitet, die ein Wertobjekt von mindestens 1,2 Millionen sein und an Umfang die großen Konversationslexika erreichen wird.
Auch das chemische Zentralblatt hat sich in erfreulicher Weise entwickelt, erst unter der Leitung von Arendt und dann nach dessen Tode unter Führung von Professor A. Hesse. Die Zahl der Abnehmer ist auf mehr als das dreifache gestiegen, der Umfang fortwährend gewachsen und auch die Qualität der einzelnen Referate verbessert. Erst durch den Krieg ist in allen Punkten wieder eine Verminderung eingetreten. Dazu hat die chemische Gesellschaft noch zwei neue Werke übernommen, das Literaturregister der organischen Chemie, gegründet als Lexikon der Kohlenstoffverbindungen von M. M. Richter und jetzt weitergeführt von Professor Stelzner, ferner ein ähnliches Literaturregister der anorganischen Chemie, gegründet und geführt von Dr. M. K. Hoffmann.
Die Bedeutung und Nützlichkeit dieser verschiedenen Unternehmungen wird von keinem deutschen Chemiker geleugnet werden, und die chemische Industrie hat dieser Überzeugung später Ausdruck gegeben durch reiche materielle Unterstützungen. Sie begannen 1909 mit einer Spende der Firma Cassella & Co. in Frankfurt a. M. von 60000 M. Bald nachher folgte eine durch den neuen Schatzmeister Dr. F. Oppenheim eingeleitete Sammlung von 200000 M. als Beilstein-Fond, dazu kamen 2 Sammlungen für das Lexikon der anorganischen Verbindungen und für das Literatur-Register der organischen Chemie im Betrage von 75000 M. und 120000 M. Endlich ist während des Krieges der chemischen Gesellschaft bei ihrem 50jährigen Jubiläum zur Sicherstellung ihrer literarischen Bestrebungen die Riesensumme von 2½ Millionen Mark von der Industrie und einigen Privaten gestiftet worden. Gleichzeitig ist ein ganzer Stab von wissenschaftlichen Beamten hauptsächlich für diese literarischen Dinge gebildet worden. Dadurch hat auch das nach dem Gründer Hofmann benannte Haus der Gesellschaft einen würdigen und ernsten Zweck erhalten. Der Plan seiner Gründung wurde sofort nach Hofmanns Tode gefaßt und fand auch im Kreise der auswärtigen Mitglieder vielfache Unterstützung. Ich selbst war für diesen Plan anfangs recht eingenommen, und habe das auch mit einem für meine damaligen Verhältnisse ziemlich hohen Beitrag (2000 M.) bekundet. Als ich aber nach Berlin kam, und in die Kommission zur Gründung des Hauses gewählt wurde, bin ich erschrocken über die nach meiner Ansicht leichtfertige Weise, in der das Unternehmen finanziert werden sollte. Die Sammlung hatte nur ungefähr 200000 M. ergeben und nun sollte ein Haus errichtet werden, das einschließlich des Bauplatzes auf 800000 bis 1 Million Mark geschätzt wurde. Damit wäre nicht allein das ganze Vermögen der chemischen Gesellschaft verbraucht worden, sondern auch noch eine erhebliche Schuldenlast entstanden. Ich hielt mich für verpflichtet, dagegen energisch Einspruch zu erheben, und habe es auch fertig gebracht, daß im Vorstand die Mehrzahl der Mitglieder zu der Ansicht kamen, das Hofmann-Haus müsse aus anderen Mitteln erbaut und der chemischen Gesellschaft kostenlos überwiesen werden. Dadurch ist der Bau sicherlich verzögert worden, aber das war kein Schaden, da die Gesellschaft in unserem Institut ein zwar bescheidenes, aber doch auskömmliches Heim besaß. Gleichzeitig wurden die Anhänger des luxuriösen Baues genötigt, eine andere Form der Finanzierung zu finden. Das ist auch den Bemühungen der Herren Holtz, Krämer, Martius und Tiemann gelungen, indem sie eine Gesellschaft m. b. H. zur Erbauung des Hauses ins Leben riefen, dessen Mitglieder Anteile von mindestens 5000 M. zu übernehmen hatten. Ursprünglich war dafür eine Verzinsung in Aussicht genommen, aber später haben die Herren es doch fertig gebracht, daß die meisten Besitzer der Anteile auf jede Entschädigung und Rückzahlung der Summe verzichteten. Ich selbst habe an diesem Geschäft keinen Anteil genommen. Auch der Bau des Hofmann-Hauses ist ohne meine spezielle Mitwirkung entstanden, nur bin ich, um einem Wunsch des Herrn Jacobson und der anderen wissenschaftlichen Beamten zu entsprechen, dafür eingetreten, daß in dem Hause ein kleines Laboratorium eingerichtet wurde, dessen Hilfsmittel auch den Experimentalvorträgen im großen Sitzungssaale zustatten kommen. Das Haus wurde 1900 mit einer Festsitzung eröffnet unter dem Vorsitz des Präsidenten J. Volhard, und A. v. Baeyer hielt damals die Hauptrede über die Geschichte des Indigos.
Die Schöpfung des Hofmann-Hauses ist in erster Linie das Verdienst von J. F. Holtz, der mit Tatkraft und Geduld die Sammlung des Geldes betrieb und auch später im Hofmannhaus-Verein die Hauptrolle spielte. Allerdings trug er auch die Schuld dafür, daß der Bau recht kostspielig ausfiel und daß die ursprüngliche Bausumme um etwa 80000 M. überschritten wurde. Die Verzinsung einer Hypothek von 100000 M. und die nicht unerheblichen Unterhaltungskosten fielen natürlich der chemischen Gesellschaft zur Last, so daß ihr das Haus doch jährlich 12 bis 15000 M. Kosten macht. Ich habe keine Bedenken getragen, gegen die im wesentlichen durch das Hofmann-Haus stark gewachsenen Ausgaben der chemischen Gesellschaft Einspruch zu erheben, und es ist dadurch zeitweise zu einer Verstimmung zwischen Holtz und mir gekommen. Da aber die Finanzen der Gesellschaft trotz der vergrößerten literarischen Unternehmungen sich im neuen Jahrhundert günstig gestalteten, und durch die wachsende Zahl der Beamten der Bau immer besser ausgenützt werden konnte, so habe ich mich zufrieden gegeben und bin jetzt über das finanzielle Schicksal der Gesellschaft beruhigt. Aus Sparsamkeit wurde in den ersten Jahren der obere Teil des Hauses an die chemische Berufsgenossenschaft vermietet. Seitdem diese aber ihr direkt neben dem Hofmann-Haus gelegenes eigenes Heim bezogen hat, werden auch die oberen Räume nur von der chemischen Gesellschaft benutzt. Allerdings bildet einen Teil davon die Dienstwohnung von Professor Jacobson, die ihm in Anbetracht seiner Verdienste um die chemische Gesellschaft auch gelassen wurde, nachdem er vor einigen Monaten den größeren Teil seiner Ämter zugunsten seines Lehrbuches aufgegeben hat. Diese Dienstwohnung bildet aber eine Reserve an Raum, die später sicherlich zu den geschäftlichen Aufgaben der Gesellschaft herangezogen werden wird.
Der Hörsaal des Hofmann-Hauses ist durch zahlreiche Bilder verstorbener Chemiker geschmückt. Dasjenige von Georg Ernst Stahl, dem Begründer der Phlogistontheorie, habe ich gestiftet. Es ist eine von Walter Miehe ausgeführte Copie des im Besitz der Kaiser Wilhelm-Akademie für kriegsärztliche Wissenschaft befindlichen Originals. Das Bild zeigt den hervorragenden Mediziner und Chemiker, der in Berlin als Leibarzt des Königs Friedrich Wilhelm I. eine große Rolle spielte, in der kleidsamen Tracht des 18. Jahrhunderts, mit Sammetrock, Spitzenkragen und einer großen Allongeperrücke. Eine zweite Copie dieses Bildes, die ich von Fräulein Chales de Beaulieu vor 2 Jahren ausführen ließ und für das deutsche Museum zu München bestimmt hatte, ist weniger günstig ausgefallen, deshalb von Herrn Oscar von Miller als nicht geeignet für das Museum erklärt worden und befindet sich noch in meinem Besitz.
An den wissenschaftlichen Sitzungen der chemischen Gesellschaft habe ich in den ersten 8 Jahren meines Berliner Aufenthaltes, wo wir unter demselben Dache wohnten, fast ausnahmslos teilgenommen und auch einen großen Teil meiner wissenschaftlichen Versuche dort vorgetragen. Die erste Mitteilung im Januar 1893 betraf die Entdeckung des Amidoacetaldehyds. Mein Vorschlag, die physiologische Wirkung des salzsauren Salzes zu prüfen, gab Anlaß zu einer kleinen Debatte in der Sitzung. Es war mir aber leicht, die Opposition ad absurdum zu führen durch die Bemerkung, daß die Pflanzen meines Wissens Lebewesen ohne Nerven seien, und daß man alle physiologischen Fragen ohne vorgefaßte Meinung behandeln müsse. Von da an sind die jungen Chemiker in Berlin etwas vorsichtiger geworden, wenn sie in der chemischen Gesellschaft meine Mitteilungen kritisierten, obschon ich immer bereit war, jede vernünftige und in richtiger Form vorgebrachte Opposition anzuerkennen und sachgemäß zu behandeln. Die Sitzungen waren damals fast ausschließlich von Originalvorträgen ausgefüllt, die deshalb vielfach in übertriebener Weise ausgesponnen und langweilig wurden, während die von auswärts eingelaufenen zahlreichen Mitteilungen, deren Inhalt in der Regel viel interessanter war, von dem Schriftführer mit wenig Worten abgemacht wurden. Auf meinen Vorschlag wurde im Jahre 1896 die Änderung getroffen, daß die auswärtigen Mitteilungen von einer größeren Anzahl junger Chemiker in viel ausführlicherer Weise vorgetragen wurden, wodurch die Sitzungen zweifellos an Inhalt und Interesse gewannen. Andererseits bemühte sich der Vorstand mit vollem Rechte, die schon einige Jahre vor Hofmanns Tode eingeführten zusammenfassenden Vorträge über größere Arbeitsgebiete von den besten Fachleuten halten zu lassen. An der Auswahl der Redner habe ich in den ersten 26 Jahren ziemlich regelmäßig mitgewirkt. In besonderer Erinnerung sind mir geblieben die Vorträge von van't Hoff über die neue Theorie der Lösungen und von W. Ramsay über die Edelgase. van't Hoff kam bei der Gelegenheit zum ersten Mal nach Berlin, und ich habe bei dem kleinen Festmahl, das nach der Sitzung ihm zu Ehren veranstaltet wurde, anknüpfend an seinen Namen »vom Hofe« ihn als einen König der Wissenschaft gefeiert. Der Eindruck, den er damals bei uns hinterließ, war nicht ganz ohne Einfluß auf seine spätere Berufung nach Berlin.
Noch mehr wurde Ramsay gefeiert; denn an seiner Entdeckung nahm auch das große Publikum teil, und er konnte seinen Vortrag in modifizierter populärer Form einerseits vor dem Kaiserpaar im Hörsaal des chemischen Instituts und andererseits in der Urania wiederholen. An dem Vortrag für den Kaiser nahm nur das Präsidium der chemischen Gesellschaft teil, und es war das erste Mal, daß ich mit Wilhelm II. und der Kaiserin, allerdings nur ganz kurz, in Berührung kam. Der Wunsch des Kaisers, einen Vortrag von Ramsay zu hören, war uns von Professor Slaby übermittelt worden, und ich übernahm es, bei Ramsay telegraphisch anzufragen, ob er dazu bereit sei. Darauf kam die lakonische und für den Engländer charakteristische Antwort »Yes«. Ramsay war während seines Berliner Aufenthaltes mein Gast, und ich bin ihm während dieser Tage, wo wir stundenlang zusammen plaudern konnten, persönlich nahe getreten.
Er war nicht allein ein vortrefflicher Naturforscher, sondern auch ein allgemein gebildeter, sehr sprachgewandter, kluger und besonnener Mann. Ein zweites Mal hat er während des internationalen Chemikerkongresses 1903 bei mir in der neuen Dienstwohnung, Hessischestraße 2 gewohnt, und der günstige Eindruck von früher wurde dadurch nur noch verstärkt. Ich habe ihn später in London wieder besucht und in ziemlich regelmäßigem Briefwechsel mit ihm gestanden. Insbesondere berichtete er mir mehrmals über seine radio-aktive Forschung. Der letzte Brief, den ich von ihm 6 Wochen vor Ausbruch des Weltkrieges empfing, war in einem ungewöhnlichen Ton gehalten und gab Kunde von der Leidenschaftlichkeit, mit der er politische Fragen ergriff. Damals war er aufs höchste erregt über die Homerulepolitik der englischen Regierung in Irland und stand auf Seiten der Ulster-Partei, die nach seiner Meinung dem Homerule bewaffneten Widerstand leisten müsse, und für die er entschlossen war, persönlich alle Hilfe zu leisten. Das war der Vorläufer der maßlosen Angriffe, die er bald nachher, veranlaßt durch den Krieg, gegen Deutschland richtete, und auf die ich einstweilen nicht eingehen werde.
Bei seinem ersten Besuch im Dezember 1908 veranstaltete ich für ihn eine Abend-Herrengesellschaft, zu der einige Berliner Chemiker und eine größere Anzahl von Akademikern eingeladen wurden. Ramsay hatte die Zeit vergessen und kam deshalb erst nachhause, nachdem die ganze Gesellschaft längst versammelt war. Ich habe dann die Geschwindigkeit bewundern müssen, mit der er den Straßenanzug ablegte und sich in den Evening-dress stürzte. Ich glaube, daß die ganze Verwandlung keine 3 Minuten in Anspruch genommen hat.