Chemische Gesellschaft
Zur Zeit meiner Übersiedlung nach Berlin war die wissenschaftliche Chemie hauptsächlich vertreten durch die deutsche chemische Gesellschaft, die Hofmann gegründet und 25 Jahre in musterhafter Weise und mit großem Erfolg geleitet hatte.
Die Feier ihres 25-jährigen Bestehens, die früher schon erwähnt wurde, war das erste wissenschaftliche Fest, das ich in meiner neuen Stellung miterlebte. Bald nachher begann die Alltagsarbeit, an der ich namentlich während der ersten 10 Jahre regelmäßig teilnahm, nicht allein, weil ich wiederholt zum Präsidenten und Vizepräsidenten gewählt wurde, sondern weil die chemische Gesellschaft damals noch in unserem Institut in der Georgenstraße zu Gast wohnte. Ihre Büroräume waren nämlich die Dienstwohnung des ersten Assistenten des Instituts, auf deren Benutzung früher F. Tiemann und später S. Gabriel zugunsten der Gesellschaft verzichtet hatten. Für die regelmäßigen Sitzungen diente der Hörsaal des Instituts, und die Gesellschaft bezahlte dafür eine ganz geringe Miete und eine kleine Entschädigung für Beleuchtung und Heizung. Da außerdem die meiste Arbeit für die Geschäfte des Präsidiums, des Sekretariats und der Redaktion der Berichte ehrenamtlich geleistet wurde, so waren die Ausgaben der Gesellschaft abgesehen von dem Druck der Berichte sehr klein, und dadurch ist es ihr möglich gewesen, im Laufe von etwa 25 Jahren durch Ersparnisse ein Barvermögen von 200000 M. zu erwerben.
Durch den Tod von Hofmann war zunächst keine Störung der Geschäfte eingetreten, da F. Tiemann in gewohnter Weise die beiden Ämter als Sekretär und Redakteur fortführte. Ich selbst hielt mich anfangs zurück und beteiligte mich nur an den Vorstandssitzungen, um die Art der Geschäftsführung und die daran beteiligten Personen als möglichst neutraler Beobachter kennen zu lernen. Aus demselben Grunde lehnte ich es auch Ende des Jahres 1892 ab, für die Wahl zum Präsidenten als Kandidat aufgestellt zu werden. Infolgedessen fiel die Leitung der Präsidialgeschäfte an Landolt. Das war allerdings ein Fehler, wie ich hinterher eingesehen habe; denn trotz aller seiner guten Eigenschaften war Landolt zu sorglos, und auch wegen seiner Schwerhörigkeit in bewegter Debatte zu ungeschickt, um einem Sturm vorzubeugen, der für die Gesellschaft zu großem Schaden hätte werden können. Dieser wurde heraufbeschworen durch die Meinung einiger zu den Gründern der Gesellschaft gehörigen Vorstandsmitglieder, daß Tiemann seine Ämter zu autokratisch verwalte. Den äußeren Anlaß dazu bot der Vorschlag, M. Berthelot und C. Friedel in Paris zu Ehrenmitgliedern zu ernennen. Ich hatte ihn zusammen mit Tiemann überlegt und er war in einer Vorstandssitzung besprochen worden, bei der leider die meisten Mitglieder fehlten, angeblich, weil die Ernennung von Ehrenmitgliedern nicht auf der Tagesordnung gestanden habe. Als es dann bei der Generalversammlung zur Wahl kam, wurde der Vorschlag von der Opposition, die sich ganz im stillen organisiert hatte, bekämpft, und die Wahl mußte vertagt werden. Dabei kam es zu stürmischen Szenen, die der Vorsitzende Landolt nicht meistern konnte, und die Versammlung schloß in recht unerfreulicher Weise mit einem Mißton, der die Gefahr einer dauernden Spaltung im Vorstand anzuzeigen schien. In derselben Sitzung wurde ich zum Präsidenten gewählt, nahm auch die Wahl an, aber mit dem Gefühl höchsten Unbehagens und dem Entschluß, unter allen Umständen ähnliche Auftritte unmöglich zu machen.
Ich habe dann mehrere Monate im stillen ziemlich schwere Arbeit tun müssen, um die Gegensätze, die im Vorstand so stark aufeinander geplatzt waren, wieder auszugleichen und es zu ermöglichen, daß Tiemann vorläufig Redaktion und Sekretariat behielt. Dazu war es nötig, daß ich mich als Präsident mit dem ganzen Material der Verwaltung, namentlich auch mit der Tagesordnung und den Protokollen der wissenschaftlichen Sitzungen und der Vorstandssitzungen genau vertraut machte. Das geschah im besten Einvernehmen mit Tiemann, dessen große Arbeitskraft und treue Fürsorge für die Gesellschaft ich stets anerkannt habe. So hat sich auch ein persönliches Verhältnis freundschaftlicher Art zwischen uns entwickelt, und als er im Herbst 1899 plötzlich starb, hielt ich mich für verpflichtet, die Gedenkrede auf ihn zu halten[1], die später durch einen ausführlichen Nekrolog von Witt in einigen Punkten ergänzt wurde. Es ist deshalb nicht nötig, daß ich ihm hier noch weitere Worte freundschaftlichen Gedenkens widme.
[1] Berichte der Deutschen chemischen Gesellschaft Bd. 32 S. 3239.
Eine unserer ersten gemeinschaftlichen Aufgaben war die Propaganda für die Wahl von Berthelot und Friedel, die bis zur nächsten ordentlichen Generalversammlung vertagt war. Wir hielten uns dazu um so mehr verpflichtet, als an beide Herren schon die private Anfrage ergangen war, ob sie eine solche Wahl annehmen würden. Um die
Opposition des kleinen Kreises Berliner Fachgenossen zu beseitigen, wandten wir uns an die große Zahl der auswärtigen Mitglieder, die ausnahmslos dem Vorschlag zustimmten. Ende 1894 wurden dann die beiden französischen Gelehrten zusammen mit Mendelejeff und Beilstein mit einer ungewöhnlich großen Majorität gewählt.
Bald nachher wurde die Gesellschaft vor eine ganz neue und weitreichende Aufgabe gestellt durch das Anerbieten des Herrn F. Beilstein, ihr alle seine Rechte an dem eben in 3. Auflage erschienenen Handbuch der organischen Chemie zu übertragen, falls sie bereit sei, Ergänzungsbände dazu erscheinen zu lassen und später eine neue Auflage zu veranstalten. Beilstein fühlte sich damals schon zu alt, diese große Arbeit selbst noch zu leisten. Er hatte sich zuerst an Herrn Paul Jacobson gewandt mit der Anfrage, ob er die Redaktion des Buches übernehmen wollte. Obschon Jacobson durch die Herausgabe des bekannten vortrefflichen Lehrbuches der organischen Chemie von Victor Meyer und Paul Jacobson besonders gut vorbereitet war, so schien ihm doch die neue Aufgabe für eine einzelne Person zu schwierig, und er machte deshalb den Vorschlag, daß die chemische Gesellschaft sich der Sache annehmen und durch Schaffung eines Zentralbüros für chemische Berichterstattung noch erweitern sollte. Zugleich erklärte er sich bereit, unter passenden Bedingungen an die Spitze eines solchen Büros zu treten. Damit gewann ein Gedanke praktische Form, der mir schon lange vorgeschwebt und den ich auch wiederholt mit Tiemann und anderen Fachgenossen im kleinen Kreise besprochen hatte, Zentralisierung der bis dahin stark verzettelten Berichterstattung für die wissenschaftliche Chemie, wodurch eine Verbilligung und eine weitere Verbreitung der referierenden Organe möglich werde. Bis dahin gab es den altbewährten Jahresbericht für Chemie, von Liebig und Wöhler begründet, der seit dem Jahre 1848 regelmäßig erschien und unmittelbar an den Jahresbericht von Berzelius anknüpfte. Daneben existierte das von Arendt gegründete Zentralblatt, das allwöchentlich erschien, jede einzelne Publikation besonders behandelte und dadurch die Literatur den Chemikern zwar nicht systematisch, aber nach kurzer Frist übermittelte. Etwas Ähnliches, aber in viel unvollständigerer Form boten die Berichte der chemischen Gesellschaft in ihrem Referatenteil. Endlich fanden sich noch solche Referate in der Zeitschrift des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie, der Chemikerzeitung, der Apothekerzeitung und ähnlichen Organen. Es lag auf der Hand, daß diese Zersplitterung der Berichterstattung unzweckmäßig war, und daß mit denselben Mitteln viel Vollkommeneres geschaffen werden könnte.
Tiemann kam zu der gleichen Ansicht, und so haben wir beide 1895 den Entschluß gefaßt, den Vorschlag von Jacobson zu verwirklichen und dafür die Zustimmung des Vorstandes und später der Generalversammlung der Gesellschaft zu erwirken. Das ist nicht ohne erhebliche Mühe und Sorge gelungen. Schon im Vorstand erklärten sich einige vorsichtige Mitglieder, z. B. der sonst so wohlwollende C. Liebermann, gegen den Plan, weil sie in dem neuen buchhändlerischen Unternehmen eine Gefahr für das Wohlergehen und besonders für die Finanzen der Gesellschaft erblickten. Andererseits konnten wir durch Kalkulation feststellen, daß die chemische Gesellschaft in der Lage wäre, für das chemische Zentralblatt und für das Beilstein-Handbuch eine viel größere Anzahl von Abnehmern zu gewinnen und dadurch eine erhebliche Herabsetzung des Preises zu ermöglichen. Niemand konnte leugnen, daß das ein Gewinn für unsere Wissenschaft sei und auch das Ansehen der Gesellschaft vergrößern müsse. So mehrte sich denn rasch die Zahl der Anhänger des neuen Planes, und in der Generalversammlung vom 13. Dezember 1895 konnte ich als Vorsitzender die erste öffentliche Ankündigung davon machen. Die Entscheidung fiel in einer außerordentlichen Generalversammlung vom 19. Juni 1896. Unter Leitung von Dr. Jaffé trat hier die Opposition nochmals scharf in die Erscheinung. Aber ich konnte als Vorsitzender alle Klagen und Befürchtungen widerlegen, und schließlich wurde die für den Plan nötige Änderung der Statuten mit großer Majorität genehmigt. Zuvor war es notwendig gewesen, für beide Werke von der Verlagsbuchhandlung der Firma Leopold Voß in Hamburg das Verlagsrecht zu erwerben. Den entscheidenden Schritt dazu hatte ich zusammen mit Schatzmeister Dr. Holtz, der von Anfang an dem Plane wohlgeneigt war und ihn jederzeit energisch gefördert hat, in den Herbstferien 1895 getan. Im Anschluß an eine Versammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie zu Kiel, an der ich teilnahm, fuhr ich mit Dr. Holtz nach Hamburg und vereinbarte dort mit dem Leiter der Firma L. Voß für das chemische Zentralblatt einen festen Kaufpreis von 15000 M. und für die Ergänzungsbände des Beilstein eine recht günstige Gewinnbeteiligung der Firma. Als diese dann später zögerte, die mündliche Vereinbarung schriftlich anzuerkennen und wir in Sorge kamen, den fertigen Vertrag der entscheidenden Generalversammlung im Juni 1896 nicht rechtzeitig vorlegen zu können, bat ich Tiemann, die Verhandlung mit gröberem Geschütz wieder aufzunehmen und zu Ende zu führen. Das gelang ihm auch, indem er die widerstrebende Firma durch höchst energische Telegramme zur Vernunft brachte.