In der philosophisch-historischen Klasse der Akademie war bei meinem Eintritt Theodor Mommsen die hervorragendste Persönlichkeit. Trotz der demokratischen Verfassung der Akademie war sein Einfluß in der philosophisch-historischen Klasse so groß, daß er seine Meinung in fast allen wichtigen Fragen durchzusetzen wußte. Am deutlichsten trat für uns Naturforscher seine Macht in die Erscheinung, wenn er die Wahl von neuen Mitgliedern für seine Klasse zu vereiteln suchte. Seine Machtstellung verdankte er übrigens den ungewöhnlichen wissenschaftlichen Leistungen und der außerordentlichen Schlagfertigkeit seiner Kritik, in der er den formgewandten und leidenschaftlichen Verfasser der römischen Geschichte nicht verleugnete. Wer dieses Werk gelesen hat, kann sich dem Eindruck seines Genies und seiner gewaltigen Arbeitskraft nicht entziehen. Ich selbst habe nur hier und da kurze Gespräche mit ihm geführt und sein Erstaunen hervorgerufen durch die Mitteilung, daß ich als Gymnasiast auf Anregung eines Oberlehrers selbst Abklatsche von römischen Inschriften meiner Heimat angefertigt hatte. Noch ein zweites Mal ist es mir gelungen, ihn in eine gewisse Aufregung zu versetzen, als ich in der philosophischen Fakultät einen harten Kampf gegen die Promotion von russischen Chemikern ohne ausreichende Vorbildung führte und dabei auf das frühere Vorgehen von Mommsen gegen den allerdings viel schlimmeren Unfug der Promotion in absentia an einigen deutschen Universitäten hinwies. Er trat infolgedessen auch wirklich bei der Abstimmung auf meine Seite, und ich gewann dadurch eine kleine Majorität in dem von mir um die Ehre meiner Wissenschaft geführten Kampf.

Auch den Historiker Sybel, den Verfasser der Geschichte der französischen Revolution und der Gründung des Deutschen Reiches habe ich in der Akademie kennen gelernt, nachdem ich seine Werke teilweise vorher gelesen. Die letzten Vorträge, die er uns hielt, waren durch Feinheit der Form ausgezeichnet.

Treitschke kam erst später in die Akademie, nachdem Mommsen gestorben und sonstiger Widerstand durch den Erfolg seiner deutschen Geschichte beseitigt war. Er ist selten in unserem Kreise erschienen, weil er schon krank war und bald nachher starb. Ich kannte ihn aber längst von der philosophischen Fakultät her. Er war damals schon so schwerhörig, daß er von den Verhandlungen kaum ein Wort verstand, hatte aber doch den Ehrgeiz, wenn irgend möglich, in die Diskussion einzugreifen und ließ sich für den Zweck von einem seiner Nachbarn Stichworte aufschreiben, die den Lauf der Debatte kennzeichnen sollten. Ich selbst habe an einem Abend diese Aufgabe übernommen und muß gestehen, daß sie recht schwer zu erfüllen war. Wenn Treitschke aus dem Stichwort den Stand der Verhandlung richtig entnahm, so war ich erstaunt zu sehen, mit welcher Schnelligkeit er den ganzen Komplex der Fragen erfasste und mit seiner großen Beredsamkeit sich darüber verbreitete. Es kam aber auch vor, daß er durch Mißverständnis des Stichwortes ganz falsch ging und dann über Dinge redete, die mit der verhandelten Frage in gar keinem Zusammenhang standen. Charakteristisch für ihn war die große Leidenschaft, mit der er alle ihn interessierenden Dinge ergriff und mit dichterischem Schwung besprach. Dieser Eigenschaft war zum großen Teil der starke Einfluß zuzuschreiben, den seine Vorträge auf die akademische Jugend ausübten.

Eine ganz andere Natur war der Germanist Erich Schmidt, ausgezeichnet durch körperliche Schönheit, klangvolle Stimme und liebenswürdiges Wesen. Er galt mit Recht als ausgezeichneter Redner und vorzüglicher Kenner der deutschen Literatur. Von der Berliner Gesellschaft wurde er reichlich verwöhnt, und die fast täglichen Abendessen, die er jahrelang in dem Kreise der Hautefinance oder des hohen Beamtentums mitmachte, haben zweifelsohne mit zu seinem verhältnismäßig frühen Tode beigetragen.

Von der so häufigen Pedanterie des Philologen war nicht das geringste bei ihm zu bemerken, obschon er eine gründliche fachwissenschaftliche Bildung besaß und auch dauernd wissenschaftlich tätig blieb. In geschäftlichen Dingen, falls sie ihn interessierten, bewies er große Gewandtheit und Sicherheit, und ich habe ihn für den besten Dekan gehalten, den die philosophische Fakultät während meiner 25-jährigen Angehörigkeit besessen hat.

Da seine Frau eine geborene Strecker und Halbschwester der Frau Leube war, so bin ich mit ihm hier und da auch in gesellschaftlichen Verkehr gekommen und kann nur sagen, daß ich ebenso wie viele andere Menschen von seiner strahlenden Persönlichkeit eingenommen war.

In gewissem Gegensatz zu Erich Schmidt stand der klassische Philologe Diels, ein prächtiger Mann, klug, wohlwollend, durchaus nicht einseitig in Wissen und Anschauungen und sehr brauchbar als Sekretär der Akademie. Manche Reden, die er in dieser Eigenschaft hielt, darf man wegen der feinen Form und des gedanklichen Inhalts als Perlen bezeichnen. Mit seinen Söhnen hat er besonderes Glück gehabt; denn sie sind alle anerkannte Gelehrte geworden und einer von ihnen, Otto, war mir jahrelang ein lieber Schüler und Mitarbeiter.

Eine interessante Persönlichkeit war auch der Nationalökonom C. Schmoller, gleichzeitig bekannt als guter Historiker. Wenn er in unverfälschter schwäbischer Mundart in der Akademie oder Fakultät über wissenschaftliche oder geschäftliche Dinge sich äußerte, so konnte man immer sicher sein, kluge und ausgereifte Dinge zu hören. Viel stürmischer war sein Spezialkollege Ad. Wagner, der aber nicht der Akademie angehörte, und der in hohem Alter trotz körperlicher Hilflosigkeit durch seine leidenschaftliche Sprache uns immer noch imponierte. Allerdings habe ich sein Urteil in manchen Dingen als befangen oder als verschroben ansehen müssen.

Unter den Vertretern der Geisteswissenschaften hat mich von Anfang an ein Mann besonders angezogen, ehe ich wissen konnte, daß ich später mit ihm in enge, gemeinschaftlicher Arbeit gewidmete Beziehung treten würde. Das ist der Theologe und Historiker Adolf von Harnack. In der wissenschaftlichen Welt gilt er mit Recht als Polyhistor, denn außer seinem Spezialfach hat er sich ausgezeichnete Kenntnisse auf philologischem, literarischem und ethischem Gebiet angeeignet und daneben ist es ihm noch gelungen, einen Überblick über die modernen Naturwissenschaften zu gewinnen. Wie er mir öfter erzählte, verdankt er das nicht so sehr der Ehe mit einer Enkelin von Liebig, als vielmehr der Kinderstube; denn seine drei Brüder haben fast gleichzeitig mit ihm Naturwissenschaft oder Medizin in Dorpat studiert. In dieser jungen Gesellschaft, die bei der beschränkten Wohnung der Eltern auch räumlich immer eng vereint war, fand, wie leicht begreiflich, dauernd ein reger Ideenaustausch statt. Infolge seines vorzüglichen Gedächtnisses hat Adolf von Harnack diese Eindrücke als dauernden Besitz bewahren können. Mir ist er menschlich zuerst näher getreten bei dem Tode meiner Frau, deren Familie er von seinem mehrjährigen Aufenthalt in Erlangen her wohl kannte, insbesondere durch seine Bemühungen, eine Erzieherin für meine Kinder zu gewinnen. Später verpflichtete er mich zu Dank durch sein mannhaftes Eintreten für den Neubau des chemischen Instituts, das wesentlich dazu beitrug, die Zustimmung der Akademie zu diesem Plane zu erlangen. Für das 200-jährige Jubelfest schrieb er die Geschichte der Akademie, die ich ziemlich fleißig gelesen habe, weil sie mir als vortreffliche Quelle für die Geschichte des akademisch-chemischen Laboratoriums diente. Mehr als irgend ein anderer Vertreter der philosophisch-historischen Klasse hat Harnack sich dauernd bemüht, auch die Interessen der Naturwissenschaften zu fördern, und er war deshalb der berufene Mann, an die Spitze der Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zu treten, als diese im Frühjahr 1911 gegründet wurde. Davon werde ich später ausführlich berichten. Auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften halte ich Harnack augenblicklich für den hervorragendsten deutschen Gelehrten, und als Organisator wissenschaftlicher Arbeiten nimmt er sicherlich den ersten Platz ein.

Mit der Gründung der Kaiser Wilhelm Institute für Chemie und physikalische Chemie erweiterte sich natürlich auch der Kreis der Chemiker, und von ihnen sind drei Männer, Beckmann, Haber und Willstätter in die Akademie aufgenommen worden, über die ich später im Zusammenhang mit der Kaiser Wilhelm Gesellschaft mich äußern werde.