Eine andere kleine Arbeit habe ich viele Jahre später mit Heinrich Rubens angestellt. Sie betraf die Prüfung der von dem Physiologen Rosenthal aufgestellten Behauptung, daß Wechselströme eine Hydrolyse von Stärke und ähnlichen Kohlenhydraten bewirken können, wenn die Schwingungszahl eine angemessene, aber für jeden Fall verschiedene Höhe erreicht hat. Unsere Versuche fielen ganz negativ aus, wurden aber nicht publiziert, weil uns die Sache nicht mehr interessierte, sobald der Irrtum von Rosenthal festgestellt war. Einige Jahre später hat ein Physiko-Chemiker die Rosenthal'sche Behauptung auch öffentlich widerlegt. Die Ursache des Irrtums ist ihm aber verborgen geblieben. Ich glaube dieselbe gefunden zu haben durch die Beobachtung, daß der verwandte Stärkekleister in der Tat reduzierende Eigenschaften annehmen kann, wenn man ihn im offenen Gefäß einer langen Behandlung mit Wechselstrom unterwirft; denn dann bildet sich in der umgebenden Luft Ozon, das die Stärke in der Wärme rasch angreift und in reduzierende Substanzen verwandelt. Man vermeidet diesen Fehler vollständig, sobald man die den Stärkekleister enthaltenden Gefäße verschließt. Die Wirkung des Ozons auf Stärkekleister, die meines Wissens schon in rohem Umriß bekannt ist, verdient übrigens eine nähere Untersuchung bezüglich der dabei entstehenden Produkte, und ich hoffe selbst noch Gelegenheit zu haben, darüber neue Erfahrungen zu sammeln.
Mein Spezialkollege sowohl in der Akademie wie Fakultät war der Chemiker Hans Landolt, ungefähr 20 Jahre älter wie ich. Wie früher erwähnt, hätte ich 1880 sein Nachfolger in Aachen werden können, als er an die Landwirtschaftliche Hochschule zu Berlin übersiedelte. Von dort wurde er als Nachfolger von Rammelsberg an die Universität berufen und mit der Direktion des II. chemischen Instituts der Universität in der Bunsenstraße betraut. Als Sachverständiger war er bei meiner Berufung nach Berlin und auch bei der Aufnahme in die Akademie besonders stark beteiligt.
Landolt, der Sprosse einer alten Züricher Familie, verleugnete trotz seines langen Aufenthaltes in Deutschland nicht den Schweizer. Er war ein kluger, kritisch veranlagter Kopf und ein Mann von aufrichtigem angenehmen Charakter. Als Forscher nahm er keine hervorragende Stellung ein, aber seine Bücher, besonders die großen, mit Börnstein zusammen publizierten Tabellen erfreuen sich in den Fachkreisen großer Wertschätzung. Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen und haben nur äußerst selten in geschäftlichen Dingen verschiedene Ansichten vertreten. Er war kein Führer, weder in der Wissenschaft noch in der Berliner Gelehrtenkorporation, aber er erfreute sich wegen seines besonnenen Urteils und seiner allgemeinen Charaktereigenschaften in unserem Kreise allgemeiner Beliebtheit. Das zeigte sich bei der Feier seines 70. Geburtstages, den er kurz nach einer schweren Gallensteinoperation erlebte. Mir war es bei dieser Gelegenheit ein Vergnügen, beim Festessen die Rede auf den Jubilar zu halten und darin auch des schönen kollegialen Verhältnisses zu gedenken, das zwischen uns dauernd bestanden hat. Auch zu seiner Gattin und der Tochter, die an Professor O. Liebreich verheiratet war, bin ich in ein freundschaftliches Verhältnis getreten. Frau Landolt hat sich ein Verdienst um den geselligen Verkehr der chemischen Privatdozenten und Assistenten erworben, die sie häufig zu sich einlud, und ihnen damit den gesellschaftlichen Anschluß ermöglichte, den ich leider bei meiner zurückgezogenen Lebensweise nicht bieten konnte.
Im Alter von 74 Jahren gab Landolt die Professur an der Universität auf und zog sich zurück in die physikalisch-technische Reichsanstalt zu Charlottenburg, um die subtilen Versuche über etwaige Gewichtsveränderung der Gesamtmaße bei chemischen Reaktionen fortzusetzen, die er während mehr als 10 Jahre im II. chemischen Institut angestellt hat. Für diese Versuche war er besonders veranlagt. Es machte ihm große Freude, die Wägungen immer mehr zu verfeinern und etwaige Fehlerquellen aufzuspüren. Nach manchen Schwankungen kam er, wie bekannt, zu dem Resultat, daß bei chemischen Vorgängen keine durch unsere jetzigen Hilfsmittel nachweisbare Gewichtsveränderung eintritt. Das war nichts Neues; denn derselbe Satz gehört zu den Grundlehren der Chemie, aber es ist doch ein zweifelloses Verdienst, wenn gerade solche fundamentalen Sätze von Zeit zu Zeit mit den fortgeschrittenen technischen Hilfsmitteln geprüft werden, und der Name Landolt wird sich wahrscheinlich in der Geschichte der Wissenschaft mehr an diese Versuche knüpfen als an seine sonstigen wissenschaftlichen Arbeiten.
Landolts Nachfolger an der Universität wurde Walter Nernst, der ausgezeichnete Physiko-Chemiker zu Göttingen. Bei dieser Gelegenheit wurde das II. chemische Institut umgetauft in »Physikalisch-chemisches Institut der Universität« und damit verlor auch das I. chemische Institut seine I und erhielt wieder den alten einfachen Namen »Chemisches Institut der Universität«.
Wie begreiflich wurde Nernst auch bald in die Akademie der Wissenschaften gewählt und die Chemie war dann durch eine Gruppe von 4 Männern, Landolt, van 't Hoff, Nernst und mich vertreten, die ihr in allen fachlichen Fragen den gebührenden Einfluß sichern konnten. Nernst, den ich schon von Würzburg her kannte, weil er dort beim Doktorexamen in Chemie von mir geprüft wurde, ist mir später ein lieber und hilfsbereiter Kollege gewesen. Sowohl in der Fakultät wie in der Akademie haben wir fast immer einmütig zusammen gehandelt und nur bei der Besetzung von chemischen Lehrstühlen an anderen preußischen Universitäten standen zuweilen die Ratschläge, die wir dem Kultusminister gaben, miteinander in Widerspruch. Am schärfsten trat das zutage bei der Besetzung der Professur in Breslau nach dem Abgang von Buchner. Die Fakultät hatte Abegg vorgeschlagen und dieser Kandidat fand die lebhafteste Unterstützung von Nernst. Ich war aber der Meinung, daß die Professur der Experimentalchemie und die Direktion des chemischen Instituts einem Experimentalchemiker übertragen werden sollte, während man für Abegg eine besondere ordentliche Professur für physikalische Chemie schaffen sollte. Nach langem Schwanken hat der Minister Professor Biltz aus Kiel nach Breslau berufen und damit den von mir ausgesprochenen Grundsatz als gerechtfertigt anerkannt. Nernst soll diese Wendung der Dinge nicht allein für die Person des Herrn Abegg, sondern auch für die physikalische Chemie als Zurücksetzung empfunden haben, wie mir allerdings nur auf Umwegen bekannt geworden ist. Ich will hier offen bekennen, daß ich niemals der Entwicklung der physikalischen Chemie hinderlich entgegengetreten bin, sondern sie stets als notwendigen Bestandteil des Unterrichts und der Forschung anerkannt und auch bei den Behörden empfohlen habe. Ich hätte sogar in dem neuen Institut eine besondere Abteilung für physikalische Chemie eingerichtet, wenn nicht die Herren van't Hoff und Landolt sich dagegen ausgesprochen hätten mit der Begründung, daß man ihnen die Vertretung der physikalischen Chemie allein überlassen sollte. Die Berechtigung dieses Wunsches lag auf der Hand, und so habe ich meine Absicht fallen lassen, obschon es damals ziemlich leicht gewesen wäre, Professor Bredig aus Leipzig für unser Institut zu gewinnen. Meine Hoffnung, daß mit der Berufung von Nernst alle studierenden Chemiker in Berlin seine Vorlesungen und Übungen besuchen und sich genügend in physikalischer Chemie unterrichten würden, hat sich allerdings nicht erfüllt. Die große Stadt bringt es mit sich, daß der Student sich so weit wie möglich auf den Besuch eines Fachlaboratoriums beschränkt und dazu kommt noch, daß im Berliner Doktorexamen die chemische Technologie als Nebenfach gewählt werden darf, so daß für physikalische Chemie kein Raum mehr bleibt. Ich halte das, offen gestanden, für eine Lücke unseres Unterrichtes, und ich habe mich selbst immer bemüht, durch die Handhabung des Doktorexamens den Studenten die Wichtigkeit der physikalischen Chemie klar zu machen, aber ich kann mir doch nicht verhehlen, daß es wirksamer wäre, sie obligatorisch zu machen und hoffe, daß diese Maßregel nach dem Kriege auch getroffen wird.
Nernst ist kein einseitiger Fachgelehrter, sondern interessiert sich auch für industrielle und wirtschaftliche Dinge, wozu er durch die Erfindung seiner elektrischen Lampe genügende praktische Gelegenheit fand. Er ist ferner Automobilist und Landwirt, Jäger und war während des Krieges sogar Soldat. Das entspricht ganz seinem lebhaften Geiste, seiner großen Energie und seinem leidenschaftlichen Empfinden. Zusammen mit seiner liebenswürdigen Gattin und seinen Kindern hat er auch ein gastfreies Haus in Berlin eingerichtet, wo die jungen Chemiker und Physiker leicht Aufnahme finden. Er war anfangs der Meinung, daß ich auf seine gesellschaftlichen Bemühungen eifersüchtig werden könnte und sprach sich darüber freimütig aus. Meine Antwort, daß ich nicht den geringsten Wert darauf lege, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen und ihm nur dankbar sein könnte, wenn er sich dieser Verpflichtung unterziehe, war für ihn ebenso überraschend wie beruhigend.
Auf unsere gemeinsame Arbeit bei dem Plane zur Errichtung einer chemischen Reichsanstalt und bei der Gründung des Kaiser Wilhelm Instituts für Chemie werde ich später zurückkommen. Dasselbe gilt für die Herren Haber, Beckmann und Willstätter, die erst mit der Gründung der Kaiser Wilhelm Institute nach Berlin kamen, und dann in die Akademie aufgenommen wurden.
Zu den Mineralogen und Geologen bin ich in kein näheres Verhältnis getreten. Zwar habe ich mich ernstlich bemüht, das Interesse der jungen Chemiker für Kristallographie und Mineralogie zu wecken und auch eine kleine Anzahl von Mineralien, die ich der Güte des Herrn Kollegen Klein verdankte, in einem Verbindungssaal des chemischen Instituts aufgestellt, aber es ist mir nicht gelungen, eine rege Beteiligung der Chemiker an kristallographischen oder mineralogischen Vorlesungen oder Übungen zu erreichen. Das hängt zusammen mit den Verhältnissen der Großstadt und der für Chemiker nicht zweckmäßigen Promotionsordnung der philosophischen Fakultät.
Unter den Biologen haben mich am meisten die Physiologen S. Schwendener, Haberlandt und der Mediziner M. Rubner interessiert. Sie waren alle drei gut unterrichtete Gelehrte und verdiente Forscher. Ich bin mit den beiden letzteren, namentlich während des Krieges bei mannigfachen Beratungen über Ernährung häufig zusammengekommen.