Da die Strafe auch von unseren Eltern als zu hart angesehen wurde, so nahm man ihn von der Schule weg und diese kam dann überhaupt für unsere Familie in Verruf. Es wäre nun für uns am einfachsten gewesen, ein Gymnasium in Köln, Bonn oder Aachen zu wählen, aber meine Eltern und ganz besonders meine Mutter legten Wert darauf, daß wir eine protestantische Schule besuchten, und so fiel die Wahl auf Wetzlar, obschon diese Stadt eine volle Tagereise von unserer Heimat entfernt war. Um sicher zu gehen und um unseren starken Drang nach Selbständigkeit zu schonen, rieten uns die Eltern selbst, zuvor Wetzlar anzusehen und ein passendes Quartier auszusuchen.
So reiste ich denn in den Herbstferien 1865 mit meinem Vetter Ernst Fischer, der 4 Jahre älter war, und in Begleitung von Vetter Lorenz über Cöln nach Wetzlar. Die altertümliche Stadt gefiel uns. Wir fanden auch bald ein nach unserem Begriff gutes und vor allen Dingen freiheitliches Quartier bei einem Bürger, der den größeren Teil seines Hauses an Gymnasiasten und einjährigfreiwillige Soldaten, die im dortigen Jägerbataillon standen, vermietete.
Nach der raschen Beendigung der geschäftlichen Angelegenheit setzten wir vergnügt unsere Reise fort über Gießen nach Frankfurt a. M. Diese alte Stadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten und historischen Erinnerungen hat auf uns einen großen Eindruck gemacht. Aber unser Aufenthalt erfuhr eine jähe Unterbrechung, veranlaßt durch einen Besuch in einem Mädchenpensionat, wo meine jüngste Schwester Mathilde als 17-jähriger Backfisch zur jungen Dame erzogen wurde. Sie war außer sich vor Freude, den Bruder und die Vettern so unerwartet wiederzusehen und bestürmte uns sofort mit der Bitte, sie in einen Zirkus zu führen, der damals in Frankfurt gastierte.
Die Leiterin der Pension gab nach einigem Widerstreben ihre Einwilligung, stellte aber die Bedingung, daß wir außer der Schwester noch eine zweite junge Dame und eine Lehrerin zur Aufsicht mitnehmen und dann den ersten Platz besuchen müßten.
Mit vornehmer Ritterlichkeit gingen wir auf diese Bedingungen ein. Aber die Auslagen waren für unsere bescheidene Reisekasse zu groß, und am nächsten Morgen beeilten wir uns, die schöne aber teure Stadt zu verlassen. Das übrig gebliebene Geld reichte noch gerade aus, um auf den billigsten Plätzen über Mainz, dann mit dem Schiff rheinabwärts über Bonn nachhause zurückzukehren. Es war meine erste größere Reise, hatte 7 Tage gedauert und hinterließ bei mir einen so günstigen Eindruck, daß die Reiselust mir bis ins Alter treu geblieben ist.
Bald darauf kam der Abschied vom Elternhause, in das ich nun viele Jahre hindurch nur noch in den Schulferien zurückkehrte. Der glücklichste Teil der ersten Jugend war vorüber; denn ich habe es draußen niemals so gut gehabt, wie unter dem Schutze und in der fröhlichen Atmosphäre des Vaterhauses.
Trotz des Wohlstandes, der von dem erfolgreichen Betrieb des Geschäftes herstammte, war unser materielles Leben zwar recht behaglich, aber doch einfach. Verwöhnt waren wir nur durch die gute, kräftige und wohlschmeckende Nahrung, auf deren Zubereitung man im Rheinland damals viel größeren Wert legte als in den meisten übrigen Teilen Deutschlands.
Auch der Wein floß reichlich in unserem Hause, in dem häufig Gäste verkehrten. Aber es war strenge Regel, daß wir Kinder unter 14 Jahren von dem Genuß aller geistigen Getränke ausgeschlossen wurden. Vor allen Dingen stand das Familienleben im Zeichen der Fröhlichkeit, die durch das Wesen meiner Eltern und ihre glückliche Ehegemeinschaft bedingt war.
Die Eltern
Mein Vater Laurenz Fischer wurde am 4. November 1807 in Flamersheim geboren, war also fast 45 Jahre älter wie ich. Seine Geburtsurkunde ist in französischer Sprache ausgefertigt; denn damals stand das linke Rheinufer unter französischem Regiment und die Funktionen der heutigen Standesämter waren schon damals dem »Maire« übertragen.