Bei anderer Gelegenheit, wo wir nicht vereinzelt, sondern als gesammelte Macht auftreten konnten, ist uns aber auch mancher Sieg zuteil geworden. Bei diesen Heldentaten spielte in der Regel die Hauptrolle mein Vetter Lorenz Fischer, der später auch im Kriege 1870 als Soldat und außerdem im Zivilleben als Jäger hervorragende Leistungen aufwies.
Als ich 9 Jahre alt wurde, gab der Lehrer Vierkoetter seine Stellung in Euskirchen auf, weil ihm der viel einträglichere Posten eines Inspektors an der Besserungsanstalt zu Brauweiler übertragen wurde.
Ich trat deshalb in die höhere Bürgerschule meiner Vaterstadt über, welche, wie die damaligen Progymnasien, 4 Jahresklassen mit lateinischem, griechischem und französischem Unterricht umfaßte. Sie war in den Nebenräumen der Klosterkirche untergebracht und stand unter Leitung katholischer Priester. Der Rektor, Kaplan Heine, war eine ausgeprägte Persönlichkeit, tyrannisch, jähzornig, aber trotz alledem ein recht guter Lehrer, der auch auf seine Kollegen anregend wirkte und damit der Schule in bezug auf Leistungen eine ebenbürtige Stellung mit den staatlichen Gymnasien verschaffte.
Die Handhabung der Schuldisziplin war allerdings recht willkürlich, und mir passierte eine Ungerechtigkeit, die mir zum erstenmal den großen Wert väterlichen Schutzes zum Bewußtsein brachte.
Ein Mitschüler, namens Flecken, bekannt durch Gewalttätigkeit, hatte mir ohne jeden Grund ein Spielzeug entrissen und in den Schmutz geworfen. Ich beantwortete diese Herausforderung, indem ich ihm die Mütze vom Kopfe riß und in denselben Schmutz hineinwarf. Er ließ sie trotzig liegen und erstattete dann beim Rektor Heine die Anzeige meiner angeblichen Missetat. Meine Entschuldigung, daß ich der Angegriffene gewesen sei, wurde kaum angehört, und ich erhielt den Befehl, die Mütze in ordnungsmäßigem Zustand wieder herbeizuschaffen. Das war aber nicht möglich, da sie inzwischen von fremder Hand entwendet war. Infolgedessen erhielt ich zunächst eine Arreststrafe, so daß ich nicht zum Mittagessen gehen konnte und den ganzen Tag hungernd in der Schule bleiben mußte. Als am nächsten Tage die Mütze noch immer nicht zur Stelle war, wurde ich von dem Herrn Rektor nach Hause geschickt mit der Bemerkung, ich sei von der Schule entlassen.
Jetzt hielt mein Vater es an der Zeit, einzugreifen, und sandte mich am nächsten Tage mit einem Brief an den Herrn Rektor zur Schule zurück. Ich habe den Inhalt desselben niemals kennen gelernt, aber es mag manches kräftige Wörtlein drin gestanden haben von willkürlicher Behandlung des kindlichen Streites und vom Appell an die Staatsregierung, falls der Rektor seinen ganz ungesetzlichen Ausweisungsbefehl aufrechterhalte.
Die Wirkung dieses Briefes war in der Tat erstaunlich. Ich konnte ruhig meinen Platz in der Schule wieder einnehmen und habe mich seitdem einer guten und gerechten Behandlung erfreut. Ja, ich kann sogar sagen, daß ich mit dem Herrn Rektor später auf recht gutem Fuße stand; denn er liebte wie ich die Mathematik und er freute sich, mir schwierige Probleme klar zu machen. Ich habe ihm ein besseres Gedenken bewahrt als den meisten anderen Lehrern aus der Gymnasialzeit.
Noch nicht 13 Jahre alt wurde ich aus der Tertia der letzten Klasse der Schule mit einem guten Zeugnis entlassen und mußte nun auf ein Gymnasium übertreten.
Bis dahin waren alle Söhne der Familie, die sich höheren Studien zuwenden wollten, in das Gymnasium der früheren Universitätsstadt Duisburg eingetreten, da es unter protestantischer Leitung stand, einen guten Ruf genoß und auch nicht allzu weit von unserer Heimat entfernt war.
Aber unglücklicherweise war es kurz vorher meinem Vetter Ernst Fischer auf der Sekunda dieses Gymnasiums schlecht ergangen; er war bei einem kleinen Verstoß gegen die Schulregeln ertappt und zu einer verhältnismäßig hohen Karzerstrafe verurteilt worden.