Man denke sich dazu zwölf jugendliche Personen, die auf dem Hof und in den Gärten eine einzige Familie bildeten und die später, als meine Schwestern verheiratet waren, noch durch Enkel vermehrt wurden, und man wird sich eine Vorstellung machen können von der vielfachen Kurzweil, die wir alle in diesem Kreise gefunden haben.

In der früheren Jugend waren es Spiele verschiedener Art, vom Ballspiel bis zum Indianerwigwam, vom Fisch- und Vogelfang bis zum Bivouak, dann Kämpfe der verschiedensten Art unter uns Knaben oder in geschlossener Phalanx gegen feindliche Kräfte. Die Schlachten, in denen man sich nicht allein der Fäuste und Stöcke, sondern auch des Steinwurfs und der Schleuder bediente, arteten zuweilen bis zur Lebensgefährlichkeit aus und mußten dann durch den Eingriff von erwachsenen Personen beendet werden.

Mit dem zahlreichen Dienstpersonal, besonders mit den Knechten, standen wir auf vertrautestem Fuße, und die Unterhaltung wurde hier ausschließlich in dem derben niederrheinischen Dialekt geführt. Selbstverständlich hatten wir alle Spitznamen. Ich wurde »Baron« genannt, ob wegen des üppigen Ernährungszustandes oder wegen der besseren Kleidung, ist mir immer ein Geheimnis geblieben.

Von Verzärtelung war weder in körperlicher noch seelischer Beziehung die Rede. In leichtester Kleidung schlugen wir uns tapfer durch den Winter, und die einzigen Schmerzen, deren ich mich aus der frühen Jugend erinnere, kamen von Panarizien an verletzten Fingern oder von erfrorenen Füßen oder von Stiefeln, die durch Schneewasser hart und eng geworden waren.

Beim Eissport bin ich mehrmals eingebrochen, einmal sogar in eine Jauchengrube bis über den Kopf eingetaucht, und als ich in diesem Zustande nach Hause kam, stark beschmutzt und übel duftend, wurde ich trotz der scharfen Kälte außerhalb des Hauses ausgezogen. Alles das ging ohne Schaden vorüber.

Ein anderes Mal fiel ich von einem mit Wollballen beladenen Wagen kopfüber auf das Pflaster des Hofes und kam mit einer ziemlich tiefen, stark blutenden Kopfwunde ins Haus. Dort begrüßte man mich mit den tröstlichen Worten: »Besser ein Loch im Kopf als in der Hose.«

Allerdings gab es auch ernstere Unfälle. Beim Spielen mit Pulver wurde ich durch den Leichtsinn eines Kameraden im Gesicht und am Kopf stark verbrannt. Diesmal gab es einen größeren Schrecken, denn als ich mit geschlossenen Augen, geführt von einer alten Frau vor meiner Mutter erschien, hielt sie mich für erblindet und brach in lautes Schluchzen aus. Glücklicherweise ging aber das Unglück wiederum bei guter ärztlicher Behandlung ohne dauernden Schaden vorüber, und ich hatte noch die Genugtuung, bei hartnäckigem Schweigen keinen Mitschuldigen verraten zu haben. Das Gefühl der Solidarität war bei uns Knaben überhaupt in hohem Maße entwickelt, besonders galt das auch in der Schule, wo jede Lüge in unseren Augen gerechtfertigt war, wenn sie dazu diente, Kameraden vor der Strafe zu schützen.

Es war damals Sitte, die Kinder schon mit fünf Jahren zur Schule zu schicken, und dasselbe Schicksal wurde auch mir zuteil; denn einen Tag nach meinem 5. Geburtstage wurde ich von meinen älteren Schwestern mit zur Schule genommen.

Da die Volksschule meiner Vaterstadt unter dem Einfluß der katholischen Geistlichkeit stand und über den kirchlichen Übungen der eigentliche Unterricht vernachlässigt wurde, so hatte mein Vater eine protestantische Privatschule ins Leben gerufen und dafür glücklicherweise einen ausgezeichneten Lehrer, Herrn Vierkoetter gewonnen. Dieser unterrichtete die Kinder von 5 bis 14 Jahren in einem Raum. Eine strenge Einteilung in Klassen gab es nicht. Trotzdem war der Unterricht in allen Elementarfächern ausgezeichnet, sodaß sowohl meine Schwestern wie ich beim Eintritt in andere Schulen den Altersgenossen im Wissen voraus waren. Der Lehrer ging sogar so weit, die begabteren Schüler und Schülerinnen in euklidischer Mathematik zu unterrichten, und es erregte in späteren Jahren große Heiterkeit, als meine Schwester Fanny ihrem Gatten, einem Holzhändler, in dessen Geschäft die Ausziehung einer Kubikwurzel unerwarteterweise nötig wurde, aus der Verlegenheit half, indem sie diese Aufgabe nach den bei Herrn Vierkoetter erworbenen Kenntnissen löste.

Der gute Unterricht, den wir hier genossen, war allerdings nur möglich bei der geringen Zahl der Schüler, die kaum 20 überstieg; denn die Schule wurde ursprünglich nur von Kindern der wenigen protestantischen Familien und einigen Judenkindern besucht. Erst später baten auch einzelne aufgeklärte Katholiken um die Erlaubnis, Kinder dorthin schicken zu dürfen. Das war zu der damaligen Zeit schon ein kleines Wagnis; denn der Gegensatz zwischen den beiden Konfessionen war recht stark und machte sich namentlich auch für uns Kinder häufig in recht unangenehmer Weise bemerkbar. Als sogen. Blauköpfe, auch kalvinische Kalbsköpfe, wie wir Protestanten genannt wurden, haben wir Fischer-Jungen manche Prügel einstecken müssen, wenn die Überzahl der katholischen Knaben eine erfolgreiche Verteidigung aussichtslos erscheinen ließ.