Auch ein altes, graues Fräulein
Ist uns lieb und ehrenwert—
Ist
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nur unter’m blauen Schleier
Ihr ein junges Herz beschert!—

Noch zweimal ging der Schleier hin und her; den8-7 Studenten ging aber allmählich die Poesie aus, und sie zogen die Liederbücher hervor und fingen an zu singen. Im ganzen Stellwagen ward’s still, als die frischen Studentenlieder8-8 so hinaus in die Luft schmetterten.

Als man in Lend ausstieg, wo sich der Weg teilt nach der Gastein9-1 durch die finstere Klamm, und nach Zell9-2 am See dem Pinzgau9-3 zu—trafen die Studenten mit ihren Korrespondentinnen zusammen. Der zweite Tenor schritt auf die „Vorsteherin“ zu9-4 und entschuldigte sich in wohlgesetzten Ausdrücken über9-5 die Freiheit, die sie sich erlaubt. „Sie haben sich nicht zu entschuldigen, Sie haben uns durch Ihre Verse und Ihren Gesang die Fahrt verschönert. Hier in der herrlichen Natur ist auch dem Menschen mehr gestattet als in den dumpfen Städten,“ antwortete das Fräulein. Die drei jungen Mädchen kicherten sich9-6 wieder an, als sie die flotten Poeten sahen und gaben verlegen Antwort auf ihre Fragen. Nach einer Stunde trennte man sich.9-7 Die Studenten zogen dem Pinzgau zu, das Fräulein mit ihrem Anhang hinauf nach Gastein. Man wünschte sich9-8 allerseits eine glückliche Reise. Die Studenten sangen am Postwagen noch eins9-9 von den blauen Augen:

Meiner Liebsten blaue Augen
Sind dem schönsten Azur gleich,
Und ein Blick in diese Augen
Ist ein Blick ins Himmelreich ...

Die blauen Schleier nickten dankend und fuhren hinauf den steilen Weg.—

Auf dem Pasterzengletscher,9-10 der sich hinter dem Fuscherthal9-11 hinaufdehnt, schritt eine hagere Gestalt in verwittertem9-12 Lodenkittel, grünen, hohen Strümpfen und spitzem Hut einem etwas behäbigen Herrn voran, der öfters stehen blieb und sich10-1 den Schweiß von der Stirn wischte. So sicher der Alte trotz des schweren Ranzens und dicken Plaids einherstieg, immer schweigend und ruhig voran, so keuchend kam der zweite hinterher. Das Alpensteigen schien ihm ein ungewohntes Geschäft und Vergnügen zu sein, und er machte ein so verzweifeltes Gesicht, als wollte10-2 er zu sich selber sagen: „Das war wieder einmal ein mordsdummer Streich von dir, daß du dich hast da hinauf locken lassen,10-3 du hättest10-4 auch die Berge von unten ansehen können.“ Aber jetzt war10-5 nichts mehr zu machen, zurück war der Weg noch mühsamer als hinauf, darum vorwärts über den Schnee und die Eisschrunden!

„Geben’s fein Obacht, daß10-6 nit fall’n und nit z’ lang stehen bleiben! Dös thut koan gut,“ mahnte der alte Führer.

„Ja, Ihr10-7 habt gut reden,“ keuchte der Hintermann. „Ihr seid die Sach’ gewohnt, aber unsereins,10-8 was alleweil in der Stuben sitzt, brächt’s10-9 halt nit fertig.“

Der geneigte Leser merkt, wen er vor sich hat. Es ist unser Landgerichtsassessor, der so keucht und spricht. Hundertmal hat er schon den Pasterzengletscher und alle anderen Gletscher in der Welt verwünscht und an seine Lena gedacht, die es jetzt so gut habe,10-10 weil ihr Herr fort sei, und er hatte sich doch10-11 so auf die Sommerfrische gefreut und sich einmal recht „auslaufen“ wollen. Jetzt that ihm jeder Knochen weh, und nur eins tröstete ihn: eine Rast im Tauernhause,10-12 die ihm in baldige Aussicht gestellt wurde.

Sie11-1 sollte ihm eher, als er dachte, zu teil werden.