Der alte Führer stand nämlich plötzlich still, schaute nach allen Seiten hin und witterte wie ein Gemsbock in die Luft hinaus. Er beobachtete genau den Zug der Wolken, den Schnee unter den Füßen und die einzelnen Bergspitzen. Der Landgerichtsassessor spitzte auch die Ohren so hoch wie sein spitziger Tyrolerhut, aber er merkte trotz allen Spitzens11-2 nichts. Endlich brach der Alte das Schweigen und sagte: „Gnädiger11-3 Herr! Können’s Ihnen nit a bissel anstrengen? Es ist so a Schneetreiben im Anzug und gut wär’s schon, wenn m’r unterkimmet!“ Das fuhr dem Assessor in die Glieder, denn er hatte in Geschichten schauriges vom Schneetreiben gelesen. „’s ist doch11-4 nicht gefährlich?“ sagte er halblaut.

„Ha, g’fährlich is11-5 rechtschaffen schon, wenn wir noch auf’m Eis sind. Aber so schnell kommt’s grad nit.“

Der Assessor vergaß seine Blasen und seine nassen Füße und trieb zur Eile. Der Alte verbiß sich das Lachen über seinen Trabanten. Sie stiegen rüstig zu. Ringsumher ward es immer finsterer, die Bergspitzen gingen in leichtes Grau über, und dem Assessor jagten schon einzelne spitzige, eisharte Körner ins Gesicht. „Das ist der Anfang vom Schneetreiben,“ sagte er vor sich hin,11-6 und vor seinem Geiste stand die behagliche Amtsstube in Buchau, wo im Winter der Buchklotz knallte und der Amtsdiener fragte: „’s wird11-7 dem Herrn Assessor doch nicht zu kalt sein?“—Nach stundenlangem Marsche, auf welchem jeder so seine eigenen Gedanken hatte, während der Schnee immer dichter fiel, zeigte sich in der Ferne ein Haus.

„Dös ist das Tauernhaus, gnädiger Herr, do können’s Ihna ausruhen.“

„Wie weit ist’s noch bis hin?“12-1 fragte der Assessor.

„Ha, so a zwanzig Büchsenschuß12-2 werden’s12-3 völlig sein,“ meinte der Alte. Der Assessor wußte jetzt gerade so viel wie vorher. Denn er hatte mit Büchsenschüssen nur bei Gelegenheit von Forstfreveln zu thun und wußte über die Tragweite des Geschosses keinen weitern Bescheid.

Endlich erreichten sie im dicksten Gestöber das Haus. Der Alte schob den Riegel an der Thür zurück, schüttelte den Schnee vom Lodenrock und vom Ranzen, den er abwarf, und schritt mit seinem Herrn der Thüre zu. Als sie dieselbe öffneten, drang ihnen ein warmer Duft entgegen, der dem Assessor die Hitze in die vom12-4 Schneetreiben gehörig verarbeiteten Wangen jagte.

Eine bunte Gesellschaft saß schon an den Tischen12-5 und wandte sich neugierig nach dem Ankömmling um, der sofort auch vom Kopf bis zur Fußsohle gemustert ward. Der Assessor grüßte verlegen zuerst nach den Damen hinüber, deren12-6 vier auf einem Klümplein bei einander saßen, eine ältere und drei jüngere. Neben ihnen saß ein junges Paar. Alle hatten sich’s bequem gemacht. Um den großen Ofen hingen die nassen Kleider und dampften aus, und zwölf Schuhe standen unten und warteten aufs Trocknen. Es ist so etwas eigenes, wenn Leute sich’s schon heimisch gemacht haben in einem Gasthause, als ob sie da zu Hause wären,13-1 und dann einem Wildfremden, der noch dazukommt, zuschauen, bis dieser sich auch langsam häuslich niederläßt. Die ersteren haben das Gefühl der Sicherheit und schauen von ihrem festen Sitze herunter auf den, der sich erst seine Unterkunft gründen muß. Der Assessor suchte sich13-2 eine Ecke aus, dicht unter dem grobgeschnitzten Kruzifix,13-3 das aus den verdorrten Palmsonntags-Birkenzweigen hervorschaute, in die sich die Fliegen als ihr Nachtquartier verzogen, und bestellte sich einen roten Tyroler.13-4 Lang saß er nicht allein, denn draußen hörte man13-5 Stimmen, und drei junge Leute traten dicht beschneit herein. Die drei jungen Damen schauten auf und steckten die Köpfe zusammen und kicherten, als sie dieselben hereinkommen sahen. „Da sind sie wieder,“ sagte die kluge Elsa, „ganz gewiß sie sind’s.“13-6 Ja, sie waren’s, die Studenten vom Werfener Stellwagen her.

„Was tausend!13-7 Bei diesem Wetter kommen Sie hier herauf, meine Damen,“ sagte der erste Tenor. „Wir wären13-8 fast verunglückt; das ist Ihnen13-9 ein schauderhaftes Wetter, da sollte man keinen Hund, geschweige denn eine Dame, herausjagen.“

„Hatten Sie keinen Führer?“ fragte die Dame, über die letzte Artigkeit13-10 etwas lächelnd.