„Führer? Jamais!13-11 Wir gehören zum Verein „Selbsthilfe“. ‚Als13-12 der Nase nach,‘13-13 hatte der letzte Senne gesagt, ‚da können’s nit fehlen.’ Und da sind wir endlich mit unsern verfrorenen Nasen hier aufgestoßen, als wir das Licht flimmern sahen, denn von Nasen war rein nichts mehr zu sehen, so14-1 rot sie auch funkelten.“
Die drei standen immer noch, der Assessor verwunderte sich und gedachte der schönen Zeit, wo auch er sich einst die Freiheit genommen,14-2 ohne weiteres mit wildfremden Mägdlein anzubinden. Das Pärchen aber begriff bald den Zusammenhang der Sache und freute sich des Wiedersehens der Fremden, denn in aller Eile hatten die geschwätzigen drei Elstern14-3 den jungen Eheleuten von ihrer Begegnung mit den Studenten und von den Gedichten erzählt.
Dem dicken Tauernwirt dauerte die Sache mit der Vorstellung etwas zu lange, und er fragte darum die drei: „Schaffen’s auch einen roten Tyroler—?“
„Ja freilich, teurer Onkel,“14-4 rief der Baß, „roten und weißen und grauen, wie’s kommt, nur etwas nasses bei dem nassen Wetter.“
Der Assessor lachte wieder in seiner Ecke und rückte etwas näher. So war er auch einst in eine Herberge gefallen und hatte gefragt: „Herr Wirt! Was kostet das Mondviertel in Essig und Öl, ich zahl’s.“ Die drei setzten sich zu ihm, er stellte sich vor, und bald waren sie im tiefsten Gespräch. Der Assessor war froh, daß eine goldene Brücke von ihm zu den Damen hinüber geschlagen war, denn er fühlte sich längst zu irgend einer passenden Rede verpflichtet und hatte nur nicht gewußt, wie sie anbringen. Jetzt wurde auch er durch die Studenten vorgestellt, und die Tische rückten zusammen. Man erzählte sich,14-5 woher man kam. Das Pärchen, das15-1 wir von früher kennen und in die Hochzeitskutsche geleitet haben, kam von Italien herauf, die Damen von Gastein kamen ebenfalls daher, die Studios hatten sich im Pinzgau herumgetrieben und kamen den Weg des Assessors.
„Ich muß mir nur15-2 einmal die Wirtschaft hier ansehen, Ihr Leute,“ sagte der zweite Tenor, „denn das ist immer das erste,“15-3 und fort war er. Nach einer starken Viertelstunde kam er von seiner Entdeckungsreise zurück.
„Nun, wie schaut’s15-4 aus?“ riefen die zwei andern Studenten.
„Wie’s ausschaut? Gar nicht ausschauen thut’s.15-5 Draußen heult’s und stürmt’s, und wenn’s so fortmacht, so sind wir morgen alle hier eingeschneit, daß an ein Fortkommen nicht zu denken ist. Das ist das erste. Zum15-6 andern: mit dem Schlafen ist’s alle15-7 für diese Nacht. Der bessere und schönere Teil der menschlichen Gesellschaft, diese Damen hier, werden auf Stroh schlafen. Für Mannspersonen aber ist kein Raum in dieser Hütte. Das einzige Bett hat ein natureller Engländer inne, und zu seinen Füßen wird sein Sancho Pansa15-8 schlafen, ein Rotkopf, sage ich Euch, so brennend, daß man die Pfeife an ihm anzünden kann. Der Engländer kocht sich eben seinen Thee auf höchsteigner Maschine, und der Rotkopf hilft ihm. Er fragte mich, da die Thür offen stand, etwas auf englisch, und ich sagte ihm mein einziges englisches Wort, aber fein,15-9 ‚Yes’ sagte ich, und damit war’s gut.15-10 —Aber das beste habt Ihr nicht gesehen: Da hinten15-11 sitzt Euch15-12 in einem Mordsqualm eine Stube voll biedrer15-13 Leute bei einander, alte und junge, Kerls16-1 wie die Gemsböcke und wie die alten Tannen mit weißem Flechtenmoos behaftet, und dazwischen am Spinnrocken sitzt ein Mägdlein mit treuherzigen blauen Augen. Die erzählen sich16-2 Geschichten, aber zu verstehen ist16-3 kein Wort. Aber in der Küche da prasselt’s,16-4 da giebt’s Kaiserschmarren und Krapfen. Zu essen giebt’s genug, das ist immerhin anerkennenswert. Wir bleiben hier unten16-5 und richten uns häuslich ein für diese Nacht. So, nun wißt Ihr Bescheid, und die Verhandlung kann beginnen. Herr Assessor—comment16-6 trouvez-vous cela?—sagt der Franzose, und der Deutsche fragt: „Um Vergebung, was ist Ihre geneigte Ansicht hierüber?“
Der zweite Tenor sprach das alles in einem Atemzug und so drollig, daß alle lachten. Der Assessor war verblüfft; er hatte sich im stillen schon auf sein Zimmer gefreut, um dort allerhand chirurgische Operationen vorzunehmen, mit denen sein Ranzen in genauer Verbindung stand.
Bald dampften die Schüsseln auf dem Tische, denn alle16-7 hatten sich zu einem einzigen vereint, und der Assessor saß mitten unter den jungen Mädchen, zu seiner Rechten das ältere Fräulein. Die Studenten teilten sich mit dem jungen Eheherrn in die anderen. Das Gespräch war lebendig, jeder wußte von Abenteuern, von Gemsjägern und Sennerinnen zu erzählen, und am16-8 aufgeräumtesten war der Assessor.