Nach dem Imbiß baten die Damen, es16-9 möchten doch die Studenten wieder ein Lied singen, wie damals im Stellwagen. Schnell waren diese bei der Hand, und fröhlich klangen die Terzette durch den warmen Raum. Unvermerkt hatte sich17-1 die Thür aufgethan, und aus der hintern Stube waren die Insassen hergewandert, als sie vorne singen hörten. Der alte Führer des Assessors vorndran, und zwischendrin die flachsköpfige Spinnerin.
„Dös sollt’ mi doch rechtschaffen Wunder nehma, wenn mein Herr17-2 singen könnt’,“ sagte der Alte. „Der giebt sonst koan Laut17-3 von sich“—und wirklich, er sang zu seinem eigenen und des Führers Erstaunen. Er hatte ja eine herrliche Baritonstimme, aber seit Jahren hatte er kein Lied mehr gesungen, wie er behauptete. Aber hier bei den fröhlichen Stimmen gingen ihm Herz und Lippen auf. Zur Vorsorge hatten die Studios noch Noten für eine vierte Stimme mit, wenn je einmal sich noch ein Musikant unterwegs zum Quartett fände.17-4 Es17-5 waren ja alte, liebe Lieder, die sie sangen, die er einst auch in jüngeren Tagen bei Ständchen und Morgengrüßen gesungen. Fröhlich klang das alte Quartett:
Mir ist auf der Welt nichts lieber
17-6
Als das Stübchen, wo ich bin,
Denn da wohnt mir gegenüber
Eine schöne Nachbarin!
„Herr Assessor, Ihre schöne Nachbarin in Buchau soll17-7 leben!“ rief der muntere zweite Tenor, „die Tochter des Landgerichtspräsidenten.“
„Der17-8 ist leider selbst noch ledig,“ antwortete trocken der Assessor. „Mir wohnt nichts17-9 gegenüber als ein Schmied, dessen Gesellen mich morgens um vier Uhr aus dem süßen Schlummer jagen, das ist eine grausame Nachbarschaft.“
Er war eben daran, seinen Jammer näher zu beschreiben, als durch die Hauptthüre der hochaufgeschossene Engländer mit seinem Rotkopf im Gefolge eintrat.
„Sankt Florian
18-1
Zünd’t
18-2
Häuser an!“
sagte leise der zweite Tenor, auf den Rotkopf schauend. Die Mädchen hielten sich die Taschentücher vor den Mund, der Eheherr griff nach seinem roten Tyroler und steckte tief das Gesicht in das Glas. Nur die „Institutsvorsteherin“ und der Assessor hielten Balance18-3 mit sicherm Takte. Der Engländer aber sagte in etwas englisiertem, aber sonst anständigem Deutsch:
„Ich haben18-4 gehabt sehr großes Vergnügen in meinem Zimmer, zu hören solch schönes Gesang. Ich komme zu bitten, daß ich noch mehr höre.“
Er sagte das mit solch edlem Anstand, daß einer der Studios aufstand, ihm seinen Stuhl anzubieten und ihn einzuladen, wenn ihm die Gesellschaft behagte,18-5 sich niederzulassen. Er stellte ihm alle vor und bat ihn dann ebenfalls zu sagen, „woher18-6 des Landes, woher der Männer er sei.“18-7 —„Sie sehen, ich bin Engländer, und James ist es auch, der gute alte Junge. Der Name ist nicht notwendig—nennen Sie mich Mr. Brown, und ich bin’s zufrieden,“ sagte er lächelnd. „Wir sind heute Mittag gekommen durch Salzkammergut—beautiful indeed—und konnten18-8 nicht mehr weiter. Aber singen Sie, meine Herren, singen Sie, ich bitte.“—Schnell waren die Sänger zusammen, sprachen zuerst leise mit einander und setzten plötzlich kräftig ein in die Weise: