Das machte die meisten der Schwarzen stutzen. Ich benützte diesen Augenblick um einen baarfüßigen, mit einer langen Kranichfeder an Hute geschmückten Koranna, den ich für den Häuptling des Dorfes hielt mit lachender Miene anzusprechen und ihm zu bedeuten, daß wir nun trotz des Widerstrebens der Bewohner von Musemanjana noch öfters die Thiere zur Tränke führen müßten. Der Angesprochene war blos der Stellvertreter des Chefs oder Captain, wie sie ihn zu nennen geruhten, zeigte sich vernünftig und forderte für die Benützung der Tränke einen Shilling, den ich auch gern erlegte.
Nun kamen die Eingebornen bis an den Wagen und jeder gab seine Meinung kund, die Frauen blieben noch am längsten feindlich gesinnt. »Ja, es ist Euch recht geschehen, Weiße müssen nicht die Herren spielen, Schwarze sind die Herren von Musemanjana, und nicht Ihr, sondern Hendrick, der Koranna, der nach Bloemhof gefahren ist, um fette Ochsen zu verkaufen und Kleider und Branntwein dafür zu erstehen, ist unser Captain!« Die Männer wollten an der Achse die Bruchstelle untersuchen etc. etc., was ich jedoch ablehnte, da ich fürchten mußte, unversehens bestohlen zu werden.
Ich dankte für ihre Hilfe und fragte wo es hartes Mimosenholz gäbe, um eine neue Achse zu zimmern. »Wach, Sir,« meinte der Vicechef, »mut det ni dun, nicht weit von hier in einer Barolongenstadt mit Namen Marokana lebt ein alter Mann, der bei einem Schmiede in der Transvaal-Colonie gearbeitet, zu dem mußt Du senden.« Ein Barolonge erbot sich auch sofort für ein Sixpencestück nach Marokana zu reiten, um den Schmied zu holen.
Da wo sich das Hottentotten-Element mit dem der Bantu vermischt (ich spreche von den letzten Decennien), namentlich seitdem die Spirituosen in's Land Eingang gefunden hatten und wo der Häuptling der Batlapinen, Barolongen oder wie sie alle hießen, nicht ein einsichtsvoller Mann gewesen, wurden die letzteren Stämme von den alle Laster, doch nicht die Tugenden des weißen Mannes sich aneignenden Koranna's, Griqua's etc. verleitet, in Folge dessen griffen Trunkenheit, Faulheit, Arbeitsscheu, Diebstahl, ja sogar Mord unter ihnen immer mehr um sich. Um so folgenwichtiger und wie wir hoffen wollen wohlthätiger halten wir die von der Regierung in Griqualand-West in der letzten Zeit namentlich in Bezug auf die Koranna's getroffenen Maßregeln.
Mit dem Vice-Captain schloß ich einen Vertrag, demzufolge ich gegen Entrichtung eines Shillings per Tag meinen Wasserbedarf decken konnte, ja seine Leutseligkeit ging so weit, daß er mir andere, klares Wasser enthaltende Lachen angab, die selbst von den Eingebornen nicht benutzt wurden.
Am Nachmittage kam der alte Schmied, ein Griqua mit seinem Sohne, um den Schaden zu besichtigen. Als ein alter Bekannter der Koranna's im Dorfe, schüttelte er zuerst allen die Hände, wobei die Männer mit Bru'rs (Bruder) und Ohm, die Frauen mit Tante und die Jungen mit Kinders titulirt wurden. Der Künstler erklärte die Achse aus einem zwischen Marokana und Musemanjana stehenden Kameeldornbaume (Acacia giraffe) zimmern zu wollen, doch müsse er dies alles in Marokana thun und deshalb müßten wir die Räder und die gebrochene Achse mit der Deichsel nach Marokana befördern lassen. Als Lohn für seine Arbeit forderte er zwei Flaschen Branntwein und 2 £ St. und wollte unter keiner Bedingung von dieser Forderung abgehen und betonte besonders die Ueberlassung des Branntweins, dessen er zur Stärkung bedürfe.
Unterdessen hatte F., der sich mancher »Eroberung« unter den schwarzen Schönen rühmte, die Gelegenheit benützt, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wohl um die an uns begangene Unbill zu rächen, griff er zu einem probaten Mittel, sich die Herzen der zahlreich versammelten Koranna-, Barolong- und Makalahari-Schönheiten im Fluge zu erobern und zog eine Concertina (sechseckige Handharmonika) hervor, um ihr die herzzerreißenden, dem Gehör der Musemanjana-Beauties jedoch sichtlich einschmeichelndsten Töne zu entlocken. Doch nicht Frauen allein, nicht blos das arme schwache Geschlecht, sondern auch die wackeren Herzen in der Heldenbrust der gelblich- und schwarzbraunen Krieger von Musemanjana waren von der Macht dieser Töne ergriffen und Stille—wie vielleicht noch nie—heilige, friedliche Stille herrschte weithin. Und der Mitleidslose, sehr geschmeichelt und von uns applaudirt, hätte bis zum Sonnenniedergange musicirt, wenn nicht die Hunde des Dorfes gegen diese himmlischen Laute einmüthig protestirt und den häuslichen Frieden der Familien Musemanjana's gerettet hätten.
Vielleicht des Effektes wegen, den die Musik auf die Schönen des Ortes ausübte, vielleicht jedoch auch aus anderen unbegreiflichen Gründen machte einer der Koranna's unserem Künstler den schmeichelhaften Antrag, ihm das Musikinstrument für einen Ziegenbock zu verkaufen. Wir alle dachten, daß F. ob einer solchen Zumuthung, seine Concertina zu verkaufen, in gerechter Entrüstung auflodern werde; doch wer beschreibt unser Erstaunen, als F. bereitwilligst auf den Antrag einging.
Am folgenden Morgen, den 17., wurde Pit mit den Rädern und der Achse nach Marokana gesandt und machte uns nicht wenig Sorgen, da er erst am Nachmittag heimkehrte.
Musemanjana ist die nördlichste Besitzung des Korannakönigs von Mamusa, nach Norden und Osten grenzen die wildreichen Ebenen (von mir »Quagga flats« benannt) an, welche Montsua angehören, in denen Batlapinen, Barolongen, Koranna's und holländische Farmer aus der westlichen Transvaal-Republik oder jene, die sich mit der Erlaubniß der Fürsten der genannten Stämme in deren Gebiet niedergelassen haben, friedlich neben einander jagen. Nach Westen liegt das kleine Gebiet des Marokana-Häuptlings, der Montsua, den König der Barolongen als Oberhaupt der nördlichen und westlichen Barolongen anerkennt, allein ihm keinen Tribut abliefert.[[1]]