Zu meinen Ausflügen erkor ich mir einerseits das südliche Meeresufer, eine breite, theils mit dichtem tropischen Gebüsch bewachsene, theils meilenweit mit Sanddünen bedeckte Landzunge, die an ihrer äußersten Spitze ein Leuchthaus trägt (7 Meilen von Port Elizabeth entfernt), anderseits das nördliche Meeresufer nach der Mündung des Zwartkop-River zu, sowie auch das Thal des Baker-River, das mir viel des Interessanten darbot.—Zu diesen Gängen wählte ich mir in der Regel (nach beendeten ärztlichen Visiten) den Morgen und kehrte am Nachmittag heim. Mit allen Hilfsgeräthen eines Sammlers ausgerüstet, verließ ich dann das Hotel und eilte an den Wollspeichern vorüber nach der über den Bakensfluß führenden Brücke zu. Auch an diesen großen Wolllagerplätzen konnte ich nie vorübergehen, ohne nicht ein halbes Stündchen das Treiben an der sich zwischen dem Meer und den Gebäuden etwa 250 Schritt breit erstreckenden Düne zu verfolgen. Diese bietet dem Besucher einen, Port Elizabeth charakterisirenden und gewiß sehr anziehenden Anblick dar. Auf einer etwa 500 Schritt langen und 250 Schritt breiten, sandigen Fläche finden wir alle möglichen Schiffsartikel aufgestapelt. Da liegen an's Land gezogene Kähne und an ihnen gelehnt, schmauchen zahlreiche Theerjacken ihr Thonpfeifchen—so gemüthlich und phlegmatisch—für alle Welt vergessen, wie es die »getreuesten« ihres Schlages an den Ufern Alt-Englands zu thun pflegen! Förmliche Barrikaden von Fässern, Kisten, Eisendrahtrollen etc., riesige Anker und Ketten sowie verschiedene Schiffsreste sind über die Fläche zerstreut aufgethürmt. Ein reges Leben herrscht in diesem Labyrinthe von Kisten, Fässern und Rollen, ein stetes Auf- und Abladen, hier in die großen Waaren-Lagerhäuser, dort unmittelbar auf die großen, ochsenbespannten Capwägen, deren Bestimmungsort viele hundert englische Meilen landeinwärts liegt. Das Amt der Custom-Officers (Zollbeamten) ist denn auch hier kein leichtes, ihre Thätigkeit eine angestrengte.

Einen anziehenden Anblick bietet auf der Düne, das Landen der Kutter, welche die Waaren von den Schiffen bringen, das Ausladen derselben durch hunderte von schwarzen, nackten Hünengestalten. Die Seefahrzeuge, deren oft mehr denn 30 in der Bucht liegen (die Dampfschiffe etwa der Mündung des Baker-River gegenüber) können nicht bis zum Ufer gelangen, die riesigen Stein- und Pallissadenbrücken (Piers), die man in's Meer hinausgebaut, um das Anlegen der Schiffe zu ermöglichen, erweisen sich nutzlos, da sie einesteils nicht den hinreichenden Schutz bieten, theils zur Versandung führten, so daß noch immer jene überseeischen Fahrzeuge weit auf offener Rhede ankern müssen. Namentlich von der Höhe aus gesehen, bieten die Fahrzeuge wie sie sich auf der dunklen Fluth hin- und herwiegen, einen interessanten Anblick, oft kann man die mit vollen Segeln auslaufenden Segelschiffe, die großen oceanischen Dampfer aus- und einlaufen sehen, ein Anblick, der den Beobachter unwillkürlich mehr denn als Viertelstunden zu bannen vermag. Von den Schiffen werden die Waaren in unbeholfen aussehende, einmastige Kutter geladen und in den letzteren nach der sandigen Uferstelle, den Lagerhäusern gegenüber, gebracht. In einem »Nu« ist der Kutter von einem Schwarm Schwarzer umringt, die an ihm emporkletternd sich die Waaren reichen; es währt nicht lange und die Ladung ist gelöscht, d.h. in die Lagerhäuser getragen. Den geräuschvollen, allein so manch' Anziehendes darbietenden Ort verlassend, überschreiten wir die Bakerbrücke, um, die Ansiedlung der Malayen durchschreitend, das freie Meeresufer zu gewinnen. An der Mündung des genannten Flusses hatte man solch' einen Pier (Brücke) angelegt, was eine Versandung des vermeintlichen Hafens, den das kleine Flüßchen nicht auszuwaschen die Kraft und nöthige Strömung besaß, nach sich zog.

Das südliche Seeufer ist ein einziges bis zum Leuchthause reichendes terrassenförmig in die Tiefe absteigendes Felsenriff, hie und da mitunter durch Anbau verschiedener Seethierchen, namentlich Korallenthierchen incrustirt. Kürzere und längere Stellen sind mit Sand, doch blos am Ufer selbst, bedeckt, ohne daß der Sand tief in's Meer reichen würde, wie es nördlich von der Stadt gegen den Zwartkop-River der Fall ist. Was ich nun in der Ebbezeit in den künstlich von den Seethieren gebildeten Grotten an solchen auffischen, fangen und an vom Südoststurme ausgeworfenen Korallen und Algen habhaft werden konnte, das habe ich damals treu heimgeschlepppt. Auf meiner Rückreise aus dem Innern, während meines letzten Besuches der Stadt, konnte ich allerdings mit größerem Erfolge und im weiteren Umfange diese Sammlungen betreiben. Von meiner kleinen schwarzen Dienerin Bella und 4-5 gemieteten Schwarzen gefolgt, arbeitete ich mehrere Stunden hindurch an der Küste und kehrte mit reicher Beute zur Stadt zurück. Viel Vergnügen machte uns der Fang der Nautilus-Männchen, die in den Grotten zurückgeblieben waren. Mit einem aus Eisendraht verfertigten Haken stöberten wir in den noch mit Seewasser gefüllten Felsenlöchern umher; war einer jener Cephalopoden daselbst zurückgeblieben, so fuhr er sofort wild nach dem metallenen Eindringling, der es uns ermöglichte, ihn von dem Felsen, an dem er sich oft sehr fest geklammert, loszulösen. Fiel er dabei an eine trockene Stelle, so bewegte er sich rasch, indem er die Fangarme anzog, nach der Seeseite zu; fiel er auf loses Gestein, so hoben wir ihn in der Regel mit fünf bis zehn oft faustgroßen Steinen auf. Die größten dieser Thiere hatten eine Länge von 5 Zoll und bis 24 Zoll lange Fangarme; sie werden häufig von den Malayen aufgesucht und genossen, und sind unter dem Namen der Katfische bekannt. Oft trafen wir an einzelnen Stellen junge Männer und Frauen, welche mit Hämmern große Schnecken, Napfschnecken und Austern losschlugen, um selbe in der Stadt zu verkaufen, doch begegneten wir auch weißen Knaben, welche in, unseren Schmetterlingsnetzen ähnlichen Säckchen, kleine Palämons fingen, die in Port Elizabeth von Vielen als Delicatesse angesehen werden. Taucher und Möven beleben die seichteren Partien, erstere fliegen niedrig und spät auf, so daß mein Hund Spot mehrere erbeutete.

Ich erwähnte, daß dieses Ufer eine Art breite Landzunge bildet, welche etwa zur Hälfte eine einzige öde Sanddüne ist, während die andere Hälfte, meist an der Seite von Port Elizabeth und der Theil nach dem Leuchthause zu mit Ausnahme der äußersten Spitze, mit einer üppig wuchernden Vegetation bewachsen ist; und doch hat diese nur in dem Dünensande festen Fuß gefaßt, gewiß staunenswerth, um so mehr, als der Forscher auf dieser Strecke wenigstens 1000 Pflanzenarten finden dürfte. Vor Allen ist die fleischig-blättrige Mittagsblume in sehr vielen Arten vorhanden, deren eine hie und da mit schönen, citronenfarbigen, handgroßen Blüthen frisch aus dem dunklen Grün ihrer in Büscheln stehenden, fingerförmigen, dreikantigen Blätter hervorleuchtet. Einige Schritte vor uns, am Fuße eines dichten Gebüsches prangt eine zweite und dritte Art, die eine mit kleinen orangefarbenen, die zweite mit dunkelrothen Blüthen und während wir uns zu ihnen hinbeugen, überrascht das Auge aus einem niederen Binsendickicht zur Rechten ein dichtes Lager von einer dunkelblättrigen Art mit prachtvollen, Doppelthaler großen, hellrothen Blüthen. Wir haben uns noch nicht entschieden, welche wir zuerst in unsere Büchse aufnehmen sollen, als bei dem nächsten Tritte das Ausgleiten des Fußes zur Vorsicht mahnt, und als wir nach der Ursache unseres Falles forschen, finden wir, daß ihn ein zierliches Mittagsblümchen verschuldete, das theilweise von dem Rasen gedeckt, mit seinen weißen Blüthenscheiben friedlich da unten vegetirte. In der Betrachtung dieses Blüthenflors übersieht das Auge fast die Menge von Zwergbüschen, die vielen Binsen- und Euphorbia-Arten.

Der Entstehungsweise entsprechend, bildet diese sandige Unterlage für Meilen hin kleine, seichte, wiesenbedeckte Parallelthälchen und bebuschte Erhebungen, die letzteren etwa 30-50 Fuß über der Meeresfläche, die Thälchen 10-20 Fuß tief, 100-900 Schritte lang. Namentlich reich an Vegetation ist das westliche Ufer, d.h. jenes vom Leuchthaus nach Westen zu, an dem auch mehrere Farmhäuser liegen und unzählige Quellen zu dem hier eine einzige, zerrissene Felsenklippe bildenden Meeresufer hinabrieseln. Die Sümpfe sind hier mit zahlreichen, den Moorboden liebenden Gewächsen überwuchert, farbenprächtige Blumen und mehrere Schilfrohrarten säumen die offenen Tümpel ein; diese Sümpfe bedecken die Abhänge zum Meere, während die niedrigen, oben abgeflachten Höhen in seichten doch breiten Thälern hier mit unzähligen, oft kaum wahrnehmbaren, dort bis vier Fuß hohen buschartigen Erica-Arten überreich bedeckt sind; einem Botaniker geht das Herz über, wenn er so in diesen Schätzen nach Muße schwelgen kann. Diese Erica-Arten zeigen nicht allein mannigfache Blüthenformen, sondern auch alle möglichen Farben in den zarten Blüthen; weiß und grau meist die hohen strauchförmigen, gelblich bis ockerfärbig die kleineren, doch auch roth in allen Nüancen und violett bis zu noch dunkleren Tönen.

Der südwestliche Theil der Cap-Colonie ist durch seine Erica-Flora charakterisirt, die in einem jedoch nicht tief in's Land reichenden Gürtel den südlichsten Vegetations-Typus von Afrika bildet; die Umgegend von Capstadt und Port Elizabeth weisen die meisten Arten auf.—Außer den schon genannten findet der Forscher zu allen Jahreszeiten gewisse Liliaceen in der Blüthe, namentlich schönfarbige—feuer- und carminrothe—auch schlanke Schwertblumen sind ziemlich häufig anzutreffen, ihr schönes Roth mahnt an jenes der Aloëspecies, die wir so häufig an den Abhängen der Zuurberge etc. vorfinden. Von Cryptogamen sind namentlich Moose auf den überwucherten Dünen zu finden. Wenn man durch dieses Blumeneden schreitet, wähnt man, daß außer den Insecten und einigen wenigen Singvögeln kein lebendes Wesen diese Strecken bewohne. Und doch sind sie von so manchem Thiere bewohnt, von Thieren jedoch, die in den undurchsichtigen, wenn auch niederen Gebüschen vor den Menschen Schutz suchen, und nur Nachts sich aus denselben wagen. Es ist eine zierliche, kaum einen halben Meter Höhe erreichende Gazellenart, dann Hasen und Springhasen, graue Wildkatzen, Genettkatzen, Mäusehunde etc., die Nachts ihr Wesen in den Büschen und den wiesigen Niederungen treiben. Der Leuchtthurmwächter fängt so manche in Eisen, mit denen er seinen Miniaturgarten, den er sich in einem Thälchen angelegt, umgab.

[Elephantengruppe, Nachts am Zondags-River.]

Ja, das Leben in diesem Leuchtthurme an der Sanddüne, von drei Seiten vom tobenden Meere umspült, zeigte mir eine der reinsten Idyllen, die ich je beobachtet. Doch ich muß befürchten, daß es mir hier an Raum gebricht, ihm eine längere Schilderung, die er verdienen würde, zu widmen. Der Wächter fühlt sich in seiner Oede vollkommen glücklich. Monatlich einmal geht er nach der Stadt, um seinen Gehalt zu beziehen, während wöchentlich ein zweirädriger Karren ihm seine Bedürfnisse von der Stadt zuführt. Er lebt mit seiner Familie und einem Gehilfen in einem steinernen Gebäude unter dem Leuchtthurm und hat jedes Schiff, das von der hohen See in die Algoabai einlaufen will, oder das die Bucht in sichtbarer Ferne passirt, nach der Stadt zu signalisiren. »Ich habe einen Tag den Dienst, den anderen mein Gehilfe, damit ich jedoch etwas im Gärtchen arbeiten kann, habe ich meiner Tochter telegraphiren gelernt, die mir nun im Dienste recht behilflich ist,« erklärte er mir. Ich kann es mir nicht versagen, hier eines Erlebnisses des Leuchtthurm-Castellans zu erwähnen, das er mir erzählte.