Zu einem Ausgange in die freie Luft hätte ich den Mann noch nicht fähig gehalten und war daher überrascht und erstaunt, ihn bei mir zu sehen. Ohne auf meine Widerrede zu achten, bestand er, der hier in den Diamantenfeldern Schiffbruch an seiner ganzen Habe gelitten, darauf, mich für meine Mühewaltung zu entschädigen, und schloß seine Ansprache mit den Worten: »Nun, Doctor, nur noch einige Worte: Sie wissen wohl selbst, daß Sie mir das Leben gerettet haben, und da ich Ihnen wirklich mit dem kleinen Geldbetrage nie meine Dankbarkeit hinreichend darthun kann, erlaube ich mir, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn Sie mich als Begleiter auf Ihren Reisen brauchen könnten; ich werde gewiß Alles thun, um mir Ihre Zufriedenheit zu erringen.« So hatte ich meinen ersten Begleiter auf meine Reisen in das Innere gewonnen.

Und nun zum seligen Ende meines Zelthäuschens. Von einem Krankenbesuche zurückkehrend, war ich nicht wenig erstaunt, trotz alles Suchens mein afrikanisches Heim nicht mehr wiederzufinden; verblüfft blieb ich stehen, sah mich nach allen Seiten um, die Staffage war dieselbe geblieben wie immer, von einem Zelte aber keine Spur; während ich jedoch noch darüber nachgrübelte, was da vorgefallen sein mochte, trat einer meiner nächsten Nachbarn, ein Kaufmann, an mich heran und sagte lächelnd: »Sie suchen wohl Ihr Haus, der Wind hat es weggeblasen; sehen Sie, dort liegt es.« Und damit wies er auf einen etwa 150 Schritte weiter liegenden Haufen von Leinwandstücken, zwischen denen einige meiner Karten lustig im Winde flatterten. Ehe ich mich noch recht besinnen konnte, führte mich der Kaufmann zu den Ruinen und dann in sein Verkaufslocale und zeigte mir in einer Kiste die Ueberreste meiner Habe, die er freundlichst gerettet hatte. Mir blieb keine lange Zeit zum Nachdenken übrig, nachdem ich noch Manches aus den Trümmern gerettet, was dem Kaufmann vielleicht überflüssiger Ballast scheinen mochte, beeilte ich mich, da der Abend bereits angebrochen war, ein neues Zelt zu suchen. Nach langem Suchen und Fragen war ich so glücklich, dem Magistratsgebäude gerade gegenüber ein kleines Zelthäuschen vermiethet zu erhalten. Dasselbe war von gleicher Beschaffenheit wie das eben vom Wirbelwinde dagegen nicht so sehr vom Wind und Regen mitgenommen, auch befand es sich in der Reihe der übrigen Segeltuch- und Eisenhäuschen, welche die Hauptstraße von Dutoitspan bildeten, und war dadurch vor der Wuth des Sturmwindes etwas geschützt. Als Miethe mußte ich monatlich 3½ £. St. bezahlen, und da der Besitzer desselben die Wissenschaft der Hauseigenthümer gründlich studirt hatte, wurde mir diese Miethe im Laufe eines Jahres auf 5 £. St. erhöht.

Ich hatte mich bald davon überzeugt, daß ich mit meiner neuen Acquisition aus dem Regen in die Traufe gekommen war. Während der heißen Jahreszeit mußte ich stets im Innern meines Hauses den Schirm aufgespannt erhalten, um mich der durchdringenden Sonnengluth zu erwehren, bei Regenwetter war ohne Schirm noch weit weniger zu bestehen, denn das Wasser rann in feinen Fäden herab, dazu war der Raum so beschränkt, daß ich namentlich bei meinen Kochversuchen in die ärgsten Verlegenheiten gerieth.

Die Situation wurde aber eine in hohem Grade komische, wenn mich meine Patienten consultirten, denn dann wurde ihnen das Vergnügen zu Theil, den Schirm über uns beide emporzuhalten; glücklicherweise nahmen es dieselben nicht so genau, waren an die rauhe Witterung und das rauhe Leben in den Diamantenfeldern gewöhnt und so konnte ich auf Entschuldigung der vielfachen Gebrechen meines Empfangssalons rechnen. Eine der unangenehmsten Seiten meiner, sowie aller der Wohnungen mit ungedielten Fußböden war, daß sie von allem möglichen Ungeziefer strotzten. Mir wurde dieses in meiner neuen Wohnung zu einer wahren Tortur und erst als ich sie nach etwa zehn Monaten mit einer anderen vertauscht hatte, welche von dem Straßengetümmel abseits lag, fühlte ich, was ich in der Mainstraße ausgestanden und war um eine Centnerlast erleichtert.

Das ganze Arsenal von Vertilgungsmitteln, das mir zu Gebote stand, Pulver, Carbolsäure, brachte nicht die mindeste Besserung zu Stande; ergötzlich waren oft die Scenen, die sich unwillkürlich bei dieser Sachlage während meiner ärztlichen Ordinationsstunden abspielten. Da eines Tages wurde ich mitten in der Berathung mit den Worten unterbrochen: »Please pardon, my Doctor, but you have a large flea sitting on your left cheek.« Ja, mein aufmerksamer Patient ging noch so weit, daß er, über diese Landplage der Diamantenfelder losziehend, den Unverschämten von meiner Wange entfernte. Doch damit waren die nächtlichen Ruhestörungen nicht erschöpft, es gehörte nicht zu den außerordentlichsten Seltenheiten, des Morgens sich von einigen Kröten angestaunt zu sehen, oder gar durch ein eigenthümliches Rascheln am Boden aus dem Schlafe gerissen zu werden, und mit dem Licht in der Hand im tiefen Negligé sich plötzlich entsetzt einer Cobra capella gegenüber zu finden, die hochaufgerichtet, mit breit aufgeblähtem Halse den Zelt-Insassen laut anzischte. Gewiß eine erfreuliche Bescheerung!

Werfen wir nun einen Blick in das Straßenleben der Diamantenfelder-Städte. Es ist Mittag, die belebteste Stunde; von allen Seiten strömen die durch den grauen Staub der Diamantengruben fast zur Unkenntlichkeit entstellten Digger von der Arbeitsstätte nach ihren Wohnungen, um hier für kurze Zeit Ruhe und Erholung zu suchen. Diese Digger (Diamantengräber) sind—dies verräth ihr ganzes Benehmen und Auftreten—theils selbstständige Besitzer kleiner Claims (Gruben), welche die Arbeit in diesen selbst beaufsichtigen, oder Aufseher (Overseer), welche im Dienste einer Gesellschaft oder eines reichen Claimbesitzers stehen.

Ein Troß von Eingebornen aller Farben-Nuancen, bald schreiend und lärmend oder sogar tanzend, bald stille wie eine gedrillte Truppe, folgt den Diggern, ihren Herren; die verschiedenen Hautschattirungen verschwinden für den flüchtigen Blick unter der monotonen grauen Staubkruste, die alle gleichmäßig bedeckt, nur das äußere Costüm läßt hie und da auf die innern Neigungen des Einzelnen schließen.

In das Gewühl der bunten Menge von Passanten mischt sich ein Troß von Fuhrwerken aller Art, hier zwei- und mehrspännige, zweirädrige Scotchkarren mit der diamantenhältigen Grubenerde beladen, dort die von 8-10 Ochsenpaaren gezogenen Ungeheuer von Capwägen—alle diese Vehikel, zwischen welchen die leichten zweirädrigen Kaleschkarren mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit sich durchwinden, bilden oft einen dichten Knäuel, dessen Entwirrung kaum möglich scheint. In das Gejohle der Grubenarbeiter mischen sich dann die gegenseitigen höflichen Complimente der Fuhrleute in allen europäischen und südafrikanischen Sprachen.

Dieses rege Leben erklärt sich aber nicht nur aus der Natur und dem leitenden Motiv der Beschäftigung in den Diamantenfeldern, sondern auch aus der Zahl der Beschäftigten. In den auf einer verhältnißmäßig engbegrenzten Fläche sich ausbreitenden vier wichtigsten Fundorten Kimberley, Old de Beers, Dutoitspan und Bultfontein finden außer den häuslich und in Waarengeschäften bediensteten Eingebornen sechs- bis zwanzigtausend Schwarze, Hottentotten, Griqua, Koranna, Betschuana und Zulu lohnende und dauernde Beschäftigung.

Verlassen wir nun die Straßen der luftigen Zelt- und Eisenstadt und folgen wir den nach den Gruben zurückkehrenden Diggern und ihrem schwarzen Arbeiterheere, es erwartet uns ein für den ersten Augenblick sinnverwirrender Anblick. Bevor wir uns jedoch mit dem bunten, aufregenden Treiben in den Diamanten-Fundstätten vertraut machen, sei es mir erlaubt, in Kürze eine geographisch-historische Skizze der Diamantenfelder zu entwerfen.