[Gefährlicher Nachtmarsch.]
Von Wild sahen wir blos drei flüchtige Springbockgazellen, einige der kleinsten Zwergtrappen und an den kahleren, felsigen Stellen Erdeichhörnchen und Scharrthiere (Rhyzaena), die letzteren in großer Menge, 15-20 je einen Bau bewohnend. Kaum hatten sie das Wagengerassel gehört, eilten sie schon von ihren nicht weit vom Baue unternommenen Ausflügen, die ersteren um nach Wurzeln, die letzteren um nach Käfern, Larven, Scorpionen etc. zu graben, zu ihrem Baue zurück. Sie sind nicht besonders behend im Laufen und können leicht von einem Hunde, wenn sie auch vor ihm einen bedeutenden Vorsprung haben, eingeholt werden. Beim Laufen halten sie in der Regel den Schweif hochgehoben, die Eichhörnchen ihre Fahne entfaltet: letztere kehren sich nicht eher um, als bis sie über ihren Löchern sitzend, noch einmal nach dem Störenfried ausschauen, während die Scharrthiere sich oftmals umsehen, stehen bleiben und dabei verdrießlich knurren. Während die ersteren scheue und furchtsame Thiere, sind die Rhyzaena als Raubthiere muthig und vorsichtig. Von jenen beobachtete ich nur eine, von den letzteren mehrere Arten. Da, wo ich die Erdeichhörnchen auf der Reise nach Norden zu vermissen begann und wo die prairienartigen Ebenen dem Walde wichen, wurden diese Thierchen durch eine kleine, gelbbräunliche, auf Bäumen lebende Art ersetzt. Die Eingebornen, mit Ausnahme der Hottentotten, essen das Fleisch beider Thiere.
Am Nachmittag des 15. März gelangten wir nach Bloemhof, welches damals blos aus einer Straße bestand und das uns zu keinem Aufenthalte einladend erschien; die Scenerie ringsum bot ein dürftig-trauriges Bild, seitdem jedoch hat das Städtchen zusehends gewonnen.
Seitdem wir Klipdrift verlassen hatten, war uns fast ausnahmslos heiteres schönes Wetter hold gewesen, doch kaum hatten wir Bloemhof im Rücken, als sich der Horizont immer mehr zu umwölken begann. Mit der zunehmenden Dunkelheit wurde es durch das inzwischen losgebrochene Unwetter rings um uns so schwarz, daß wir auf 20 Schritte nicht sehen konnten und ich bedauern mußte, nicht im Weichbilde der Stadt übernachtet zu haben. Anfangs gingen wir vor dem Gespann, da der das Leitpaar am Riemen führende Koranna behauptete, den Weg vor sich von dem gleich dunkel aussehenden Boden zu beiden Seiten nicht hinreichend unterscheiden zu können. Der heftige Regen, der uns durchnäßte, im Verein mit dem kalten Winde, trieb uns jedoch in den Wagen hinein; hundert Schritte weiter und die Zugthiere blieben stehen; sie glitschten fortwährend aus, was mich auf den Gedanken brachte, daß wir vielleicht vom Wege abgekommen, auf einen Abhang gelangt waren, und dann konnte dies nur nach dem Flusse zu sein. An eine Fortsetzung des gefährlichen Nachtmarsches war unter solchen Umständen nicht zu denken, wir mußten hier das Morgengrauen abwarten.
Die Recognoscirung unseres unfreiwilligen Lagerplatzes führte zu einer Entdeckung, die mich tief erschreckte. Als ich den Wagen im strömenden Regen zum zweiten Male, diesmal in einem etwas größeren Radius umging, schien es mir, als wenn sich etwa 20 Schritte vor den Zugthieren eine dunkle Stelle befände. Mir däuchte es ein Erdloch, und so holte ich den »Triber« (sprich Trajbr) herbei, um gemeinschaftlich bei der Helle des nächsten Blitzes die Stelle zu untersuchen. Das erwünschte natürliche, elektrische Licht blieb auch nicht lange aus und wir sahen zu unserer Ueberraschung eine Regenschlucht, die zu dem Flusse führen mußte. Wären wir noch 20 Schritte weiter gegangen, wir hätten es theuer gebüßt. Am Morgen zeigte sich eine Schlucht mit schroff abfallenden, etwa 16 Fuß hohen Lehmwänden.
Es war eine äußerst ungemütliche Nacht, die wir hier zubrachten, der Regen durchdrang selbst die Leinwandhülle des Wagens, der kalte Wind ließ uns erstarren und führte uns die Thatsache zu Gemüthe, daß wir uns 4000 Fuß ober dem Meere, auf dem Plateau des südlichen Transvaalgebietes befanden. Nur David und Gert ließen sich durch das Unwetter nicht im Mindesten in ihrer Vorliebe für Morpheus stören, unbekümmert darum, daß sie förmlich in einer Regenlache schwammen, waren sie bald in tiefen Schlaf verfallen, aus dem sie nur am kommenden Morgen (das Unwetter hatte sich nach Mitternacht verzogen) die warmen Strahlen des Tagesgestirns weckten.
Das jenseitige Freistaatufer ist durch eine sandige, mit Mimosenbäumen stellenweise spärlich, stellenweise ziemlich dicht bewaldete und bebuschte Bodenerhebung gebildet. Viele der vermögenden Farmer, die südlich vom Flusse wohnen, haben sich hier Farmen, d.h. je etwa 3000 Morgen Land gekauft, um in der trockeneren Jahreszeit daselbst ihr Vieh zu halten. Sie klagten mir über bedeutende Verluste, die sie durch Hyänen (H. crocuta) erlitten, welche Fohlen, Kälber und Maulesel getödtet hätten, so daß die Farmer Strychnin zu Hilfe nehmen mußten und damit tüchtig unter den nächtlichen Räubern aufräumten. Dem Sohne des Farmers Wessel hatten die Raubthiere in einem Winter 18 Stück Hausthiere getödtet und unter seinen Notizen halte ich namentlich einen Fall nennenswerth. Sein Diener hatte, um ein leichtes Ueberwältigen der Maulesel zu verhüten, zwei derselben mit einem Riemen zusammengekoppelt; als man sie nach einiger Zeit suchte, fand man den einen neben der Leiche seines Gefährten, beide noch mit dem Riemen verbunden und nach den zahlreichen Spuren mußte man schließen, daß einer derselben von den Hyänen getödtet und halb abgenagt worden war, während sich der Ueberlebende, durch stete, jedoch fruchtlose Versuche sich loszureißen müde geworden, wohl in sein Schicksal ergeben haben mußte. Seit jener Zeit ließ man nur Rinder und erwachsene Pferde ohne Hirten auf die Weide.
Einige Stunden östlich von Bloemhof erreichten wir eine große seichte, schon aus der Ferne weiß schimmernde Salzpfanne, an der eine Farm lag. Wie immer war eine Stelle des Ufers der Pfanne von einem Hügel überragt, während die anderen, mit Gras überwachsenen, fruchtbaren und moorigen Stellen zum Ackerbau wohl geeignet sein mochten.