Wir brachen noch am selben Abende auf und fuhren eine steinige Höhe hinan, auf der oben eine, dicht von jauchzenden, d.h. betrunkenen Korauna's umlagerte Cantine stand. Der wiederholte Zuruf »Wach mit det wagon, Wach« machte uns stutzig und bewog mich, anhalten zu lassen. Es dauerte nicht lange und von rechts und links erschien ein durch das Nachlaufen, doch auch von einem nicht zu seltenen Genusse des gambrinischen Gebräues geröthetes Gesicht; das plötzliche Emportauchen der zwei fleischigen mit mehreren dunklen Punkten und Stellen markirten Gesichter war von einem mit heftigen Athembewegungen und Hustenausbrüchen unterbrochenen Redeschwall begleitet. Von der einen Seite klang es holländisch, von der andern englisch, was wollten eigentlich die beiden Kerle? Pit war der erste, der die anscheinend hochtönenden in Wahrheit aber unverständlichen Phrasen aufzufassen vermochte. Der eine war der Sheriff (Polizeibeamte), der zweite ein Policeman, die »Herren« kamen nachgelaufen, um 10 Shillinge Schadenersatz für den Mann zu fordern, dessen Grund und Boden unsere Zugthiere während unseres Aufenthaltes bei Klipdrift so schrecklich zugerichtet haben sollten. Ich müsse die 10 Shillinge begleichen, sonst würden sie mich nicht einen Schritt weiterziehen lassen. Obwohl ich mir bewußt war, daß die beiden übereifrigen Diener der Gerechtigkeit eine plumpe Finte gebrauchten, willfahrte ich ihren Forderungen; wir hatten ihnen kaum den Rücken gekehrt, als F., den das Schicksal der 10 Shillinge beunruhigte, uns aufmerksam machte, daß die beiden Gehilfen der heiligen Hermandad in der Cantine verschwunden waren, um hochstwahrscheinlich auf das Wohl des durch unsere Thiere geschädigten Grundherrn ein Gläschen Brandy zu leeren.
[Grasbrand auf der Hochebene.]
Wir fuhren bis spät in die Nacht hinein, wobei wir uns von dem zur Rechten nach Südsüdosten einen Bogen beschreibenden Vaalflusse entfernten. Die bereiste Gegend waren bebuschte, steinige Höhen, die oft von meilenlangen, ebenen Alluvialflächen gekrönt oder von solchen, allmälig gegen den Fluß abfallenden Strecken von einander getrennt waren. Zahlreiche Feuer an beiden Seiten wiesen auf Korannagehöfte hin, aus den näheren konnten wir das deutliche Geblöke der Böcklein und Ziegen hören. Diese Gehöfte schienen alle am Abhange der Höhen, gewöhnlich in einem Winkel, an vor Nord- und Nordwestwinden geschützten Stellen zu liegen. Wir begegneten noch zu solch' später Stunde zwei Halfcastmännern, die von der Transvaal-Republik nach Klipdrift wanderten und da sie uns auf zwei tiefe Regenschluchten, die wir bald zu durchschreiten gehabt hätten, aufmerksam machten, hielt ich es für das Gerathenste, nicht weiter die Götter zu versuchen, sondern hier unser Nachtlager aufzuschlagen. Bald loderte ein lustiges Feuer und prasselte und sang mit unseren aufthauenden Lebensgeistern, ja auf F. wirkte dieses und der duftende Mocca so mächtig ein, daß er sich während des Nachtimbisses feierlich erhob und den gefüllten Blechbecher hochhaltend, einen Toast auf die in Klipdrift weilenden Gerichtsmandarinen des 25. Ranges ausbrachte; in welchen die Runde, das Blaßgesicht wie der Schwarze einstimmte, daß die Becher hell in die stille Nacht hinein zusammenklangen.
Am 7. November blieb die Scenerie gleich der, die wir am Abend zuvor beobachtet, nur hatten wir darüber zu klagen, daß kein Wasser in der Nähe des Weges gefunden werden konnte, die mitgenommene Quantität war am Abend, Morgen und Mittag verbraucht worden und wir konnten früher denn am Flusse auf keines hoffen.
Gegen 4 Uhr langten wir in Hebron an, wo wir uns jedoch nicht aufhielten, sondern blos durchfuhren, um noch bei Tage zu der Stelle zu gelangen, wo ich den Hebron-Christiana-Weg verlassen und querfeldein nach Gassibone zu einhalten wollte. Seit den wenigen Monaten, die während meines ersten Besuches des Ortes verflossen, waren die Ueberreste der einst blühenden Stadt noch mehr zusammengeschmolzen. Der schlechte Zustand des Weges gebot uns bald Halt. Ein junger Batlapine, dem wir begegneten, offerirte sich uns am nächsten Morgen als Führer. Gegen Mittag hielten wir unter dem Schatten eines breitkronigen Mimosenbaumes unsere gewohnte Siesta und schlugen endlich, nach mehrstündigem Marsche unser Nachtlager mitten auf der Hochebene auf.
Es war eine herrliche, eigentümlich anmuthende Scenerie, die sich uns hier bot. Nach Süden und Westen umrahmten die Hebroner Höhen und ihre dunklen von Purpurschimmer übergossenen Ausläufer den Horizont, der nach Norden und Osten die unabsehbare Ebene in wunderbar dunkler Färbung überlagerte, und ein sicherer Vorbote einer, wenn wolkenfreien, so überaus schönen südafrikanischen Nacht war. Ein leiser Windhauch bewegte um uns das blumenreiche, hie und da von dunkelgrünen, gruppenweise zusammenstehenden Büschen überschattete Gras, dessen Keime der Wind gesäet, das flüchtige Wild in den Boden gebettet und das im Sommer die unabsehbare Ebene mit einem grünen duftenden Teppich überzieht und im Winter kaum je von weichem flockigen Schnee gedeckt wird,—nur die gelblich-braune Färbung der Halme läßt uns erkennen, daß die Sonne dem Norden zulächelt. Bald züngelt es überall unter und zwischen dem dicht übereinander gelagerten trockenen Gezweige und die Flämmchen zu einer Flamme sich vereinigend, streben nach einer Seite hin—nach Nordnordost. Ob etwa nach der trauten Heimat zu? Der leise Abendwind, der sie angefacht, eilt heute nach jener mir liebsten, nach jener gesuchten Richtung hin, nach welcher so oft unwillkürlich das Auge in banger Sehnsucht schweift. Das Feuer, die Ebene, Gassibone's Land, Afrika, sind vergessen, das Ohr hört nur zeitweilig menschliche Laute, Laute, die der Gedanke sofort mit der fernen Heimat verknüpft. Ein schwarzer, vor dem mein Auge blendenden Feuer vorbeihuschender Schatten—es war der unseres jungen Führers—gibt mich der Gegenwart zurück. Es war ein friedlicher Abend, ihm folgte eine friedliche Nacht, ein Gegensatz zu der letzten, eine gute Rast, gleichsam eine Stärkung für das, was uns Ahnungslose am nächsten Tage erwartete.
Die Zugthiere, die etwas abseits grasten, kamen von selbst herbeigelaufen und lagerten sich in des Wagens Nähe, während wir unsere Decken in das duftende Gras werfend, weich gebettet, und überwoben von den überhängenden zarten Stengeln, Rispen und Blüthen, bald in den wohlverdienten Schlummer fielen. Zeitlich machten wir uns nächsten Morgens auf den Weg. Nach des Führers Worten schätzte ich die Entfernung bis zur Stadt des Batlapinenkönigs auf 35 englische Meilen; was uns jedoch etwas erschreckte, war, daß der Führer die Wassernoth der zu bereisenden Gegend eingestand. Wir mußten uns auch den Tag über damit begnügen, Wasser für das Mittagsmahl gefunden zu haben, ein Labetrunk blieb ein unerreichbarer Wunsch.
Oft bei Nord-Richtung verfolgend zogen wir bald weiter und mußten wohl den von unserem Führer bezeichneten, monatelang Regen entbehrenden Strich erreicht haben, denn je weiter wir zogen, desto gelblicher und trockener wurde das Gras. Trotz des vorgeschrittenen Frühlings konnten wir anfangs nur wenig, weiterhin gar keine neu aufgesprossenen Halme sehen, nur selten gewahrte das Auge die erste, doch in Folge der Dürre schon halb vertrocknete Blattanlage der Amarillys.