Sein zwölfjähriger Aufenthalt unter jenen Stämmen hatte ihn zum Meister ihrer Sprachen gemacht. Während seines letzten Besuches besuchte er den König La Bengula, als diesem eben sein Mahl auf einer Schüssel, die selten oder nie gescheuert wird, vorgelegt wurde. Ohne dazu aufgefordert worden zu sein, half sich W. sofort und reichte einige Stücke seinen Genossen, die mit ihm gekommen waren (mit Ausnahme zweier Missionäre wohnten stets einige Elfenbeinhändler im Umkreise der königlichen Stadt), worauf die umsitzenden Induna’s zu murren begannen. »Georg,« hieß es, »behandelt den König wie sein Kind.« »Wie kannst Du ihm das Fleisch nehmen?« W.’s Antwort. »Habe ich nicht Moselikatzes Wagen getrieben und so den König herumgeführt? War er da nicht mir anvertraut? War er nicht mein Kind? Ist nicht da La Bengula sein Sohn auch mein Kind?« schien die Murrenden sehr zu befriedigen, denn sie klatschten in die Hände. — Ich fragte den Masupia-Diener, den Westbeech mit nach Gubuluwajo genommen, ob die Matabele-Frauen schön seien. »Nein, Herr, sie haben kein hinteres Schurzfell, noch sind sie tätowirt.« Auf die wohlgeformten Gestalten und die angenehm sein sollenden Züge nahm der seiner Heimat ungetreue Sohn keine Rücksicht.
Bevor ich von Tati scheide, will ich noch eines eigentümlichen Abenteuers gedenken, welches sich im Februar des Jahres 1876 im Hause des Jägers Pit Jacobs zutrug. Um diese Zeit war der alte Jäger mit seinen Söhnen und einer seiner beiden Töchter auf der Elephantenjagd im südlichen Matabele-Lande beschäftigt. Die Frau war nur mit der zweiten an Herrn Brown verlobten Tochter, zwei kleinen Söhnchen und einem Masarwa-Diener zurückgeblieben.
Ueber die Höhen am Tatiflusse hatte sich bereits das Dunkel der Nacht ausgebreitet, und die Bewohner der Station schliefen bereits, nur aus der halboffenen Thür (aus einer unteren und oberen Hälfte bestehend) und der dieser entgegenliegenden Fensteröffnung der Wohnung Jacobs schimmerte ein schwacher Lichtschein. Das Haus des holländischen Jägers bestand aus einem sogenannten Hartebeest-Bau, d. h. aus vier, aus dünnen Baumpfählen errichteten, mit rother Ziegelerde überschmierten, mit einem aus Pfählen und Gras gebildeten Giebeldache überdeckten, dünnen Wänden. Eine aus dem ersteren Material verfertigte Scheidewand theilte den inneren beschränkten Raum in einen größeren, das Wohn-, Empfangs-, Eß-, Wasch- und Arbeitszimmer, und in einen kleineren, das Familien-Schlafzimmer. In dem ersteren lief eine Holzbank der Mauer entlang und nur an der südlichen Wand nahe der Thüre stand ein einfacher Holztisch, und unter der Fensteröffnung, welche man mit einem Brette zu schließen pflegte, eine Nähmaschine, ein Geschenk des Herrn Brown an seine Braut. Da wo die Bänke nicht hinreichten, einen ganzen Wandsitz zu bilden, füllten Kleiderkisten diese Lücke aus. Der zweite Raum hatte nur zwei nennenswerthe Objecte, zwei rohgezimmerte Bettstätten, eine der Eingangsöffnung gegenüber, welche die Scheidewand an der Fensteröffnung durchbrach und eine unmittelbar an der letzteren anliegend.
Um die Zeit des zu berichtenden Vorfalls war Herr B. bei seiner Verlobten noch zu Besuch. Der Diener war längst in seiner Hütte entschlummert, welche dem Hausthore gegenüber stand, die Mutter war mit den Kindern zur Ruhe gegangen. Sie lag mit dem kleineren, dreijährigen Knäblein auf dem Lager dem Eingange gegenüber, der zweite Knabe schlief auf dem anderen Bettgestelle. Während die Kinder schliefen, mischte sich die Mutter zeitweilig in das Gespräch ihrer in der vorderen Kammer sitzenden, verlobten Tochter. Um das Bild noch zu vervollständigen, muß ich noch hinzufügen, daß sich das Hauskätzchen am offenen Fenster einen außergewöhnlichen Sitz gewählt hatte. — Zur selben Zeit wurde die Niederlassung durch den Besuch eines hungrigen Leoparden beehrt, welcher nach mehrtägiger erfolgloser Jagd in den Büschen die Niederlassung aufgesucht hatte. Hier wurde Viehkraal nach Viehkraal umgangen, doch die Dornzäune schienen zu hoch für seinen Muth und so wagte er sich an die menschlichen Wohnungen heran, um doch wenigstens einige Hühner zu erbeuten. Auf diesem stillen Umzuge hatte er auch die Stätte von Pit Jacobs häuslichem Glücke umkreist. Der Leopard erblickte die Katze und den etwas mageren Bissen in der Noth immerhin des Angriffs werth haltend, wagte er, sich näher schleichend, den Sprung. Kätzchen sind jedoch kluge Thiere, und jenes hatte seinen Feind noch rechtzeitig erspäht, denn im selben Augenblicke als er aufsprang, setzte es herunter und verbarg sich unter der Nähmaschine, das Raubthier jedoch war mit einem Satze in der Mitte des Zimmers, zum nicht geringen Entsetzen der beiden Verlobten, sowie zu seinem eigenen Schrecken. Von dem lauten Aufschrei der beiden begrüßt, sowie von dem flackernden Lichte der in einer Wagenlaterne ihr ephemeres Dasein fristenden Kerze geblendet, geräth das Thier außer Fassung und sinnt auf Flucht und ein Versteck. Der Leopard erhebt sich brummend, blickt sich um und wirft sich dann in den dunklen Abgrund, der ihm als Eingang zu dem Schlafzimmer entgegengähnt, worüber die beiden so unangenehm Ueberraschten neuerdings aufschrieen, denn da drinnen lag ja die wehrlose Mutter mit den beiden Kindern. Frau Jacobs sah ein Thier in ihre Schlafkammer setzen und sich unter ihr Bett verstecken; sie fragt, was es wäre, jene wollen sie beruhigen und sagen es sei blos ein Hund. »Ja, wenn es nur ein Hund ist, warum schreit Ihr denn so fürchterlich.« In der Meinung, daß es vielleicht eine Hyäne sei, springt die Frau auf, ergreift das neben ihr liegende Kind und eilt, das zweite vollkommen vergessend, in die vordere Kammer. Als die Beiden sie ohne das zweite Kind in der Kammer erscheinen sehen und die Mutter in sie dringt, den Namen des Thieres zu nennen, gestehen diese ein, daß es kein Hund oder Pantherkatze sondern ein Leopard sei. Nun brach die Mutter in Wehklagen aus, sie wollte hineinstürzen und ihr Kind holen. Mit aller Macht mußte sie zurückgehalten werden aber um so mehr drang sie hierauf auf die Tödtung des Raubthieres.
Der Leopard im Hause Pit Jacobs.
Nachdem die Aufregung Aller sich etwas gelegt hatte, sann man auf die Mittel, das Thier zu bekämpfen. Auf der Schlafzimmerseite der Scheidewand hingen einige geladene Elephantengewehre, doch in der allgemeinen Angst und Bestürzung hatte man diese vollkommen außer Acht gelassen. Ein großes Küchenmesser war die einzige Waffe, welche zur Hand war, da fiel jedoch der Frau Jacobs der in der Hütte schlafende Masarwa ein, dessen, wenn auch höchst primitiver Assagai bessere Dienste leisten konnte. Bald war auch der Gewünschte mit seiner Waffe zur Stelle und so bewaffnet nahm Brown den Kampf mit dem Leoparden auf. B. sollte im gebeugten Zustande mit der Waffe in der Hand und gefolgt von seiner Braut dem Thiere den Garaus machen; um jedoch auch in der That dieses Heldenstück auszuführen, war Licht nöthig; hier half Miß Jacobs, indem sie die Laterne hochhielt. Sowie der erste Lichtschimmer auf den Leoparden gefallen war, fauchte dieser vernehmbar und sprang mit einem Satze aus seinem Verstecke auf das gegenüber stehende unbeleuchtete Lager, auf welchem der fünfjährige Jacobs trotz des Geschreies der Frauen ruhig weiterschlief. Dies war die Ursache eines neuen Geschreies von Seite der Frauen, denn alle wähnten das Kind, wenn nicht schon todt, so doch dem sicheren Verderben preisgegeben. Doch keines von beiden war der Fall. Das Raubthier mußte unmittelbar vor oder hinter den Knaben gesprungen sein, ohne die geringste Notiz von ihm zu nehmen, denn der Knabe schlief weiter und war erstaunt, am nächsten Morgen die aufregende Scene erzählen zu hören.
Der Leopard saß auf seinen Hinterfüßen und fauchte zähnefletschend die Eindringlinge an. Abermals stellten sich die Angreifer in eine Schlachtlinie und vorwärts ging es in die Schlafkammer. Um mit ihrem Rathe nötigenfalls beizustehen und ihrem Verlobten den Schauplatz besser zu beleuchten, lehnte sich Fräulein Jacobs, die Laterne vor ihn hinhaltend, über Herrn Brown, und damit ihre Kinder im wichtigen Momente nicht verzagen und sie das Ganze sehen könne, lehnte sich auch Frau Jacobs an ihre Tochter, so daß Brown unter der Last förmlich zusammenbrach. Wie vermochte er unter diesen Verhältnissen mit Sicherheit einen tödtlichen Stoß gegen das Thier zu führen. Es darf uns daher nicht wundern, daß er kaum die Haut des Thieres durchbohrt hatte. Allein kaum war dies geschehen, als der Leopard auf seine Gegner lossprang. Im nächsten Momente als sein Assagai abglitt, fühlte Herr B. die Tatzen des Thieres auf seinem Kopfe und Nacken. Die nächste Wirkung dieses Sprunges war, daß Herr Brown von Tochter und Mutter und dem neugierigen, sich gleichfalls an Frau Jacobs anlehnenden schwarzen Diener beschwert, dem auf ihm lastenden Gesammtgewichte nachgeben mußte und mit dem Leoparden zu Boden stürzte. Der Stütze beraubt, folgten auch in der Gefahr getreu, Fräulein und Frau Jacobs, sowie der Masarwa ihm nach. Dies war wohl die glücklichste, wenn auch für die Betheiligten in jenem Momente unangenehme Lösung der Situation. Es wäre nun vielleicht Einem oder dem Andern schlecht ergangen, wenn das Raubthier nicht selbst durch den Wechsel seines Standpunktes erschreckt worden wäre. Der Leopard fühlte sich plötzlich auf einem zuckenden, in holländischer, englischer sowie in der Sesarwa-Sprache schreienden Knäuel und da mit dem Falle des Herrn Brown auch die Laterne ausgelöscht war, kam es selbst dem Leoparden in der Dunkelheit unheimlich vor und anstatt zu beißen und zu kratzen, machte er einen Satz durch die Thüre in das Wohnzimmer und von da durch die Ausgangsthüre, deren obere Hälfte nicht geschlossen war, ins Freie. Nach und nach entwirrte sich auch der Menschenknäuel und nachdem Licht herbeigeschafft war, rief das ganze an komischen Momenten reiche Erlebniß, das unter Umständen tragisch enden konnte, allgemeine Heiterkeit hervor.
Am 10. April verließen wir die Tati-Station und fuhren durch ein bewaldetes Hügelland bis zum Schaschaflusse, einem Sand-River, der unter anderen zahlreichen Nebenflüssen gleichen Charakters auch den Tatifluß aufnimmt. Nahe an der Stelle wo wir hielten, fand ich an der Mündung eines trockenen Regenspruits in den trockenen Schaschafluß, eine kleine aber tiefe Lache, welche Krokodile beherbergte.
Am Morgen des 12. überschritten wir den Matloutsi- und den Seribe-Fluß, sowie seit dem wir Tati verlassen, zehn Zuflüsse des Schascha, Matloutsi und Seribe, am folgenden Tage vier weitere Spruits. Der Weg war abermals äußerst beschwerlich und voller Felsblöcke. Wir blieben den Tag über am Matloutsi-Flusse, welcher theilweise die östliche Grenze zwischen dem Matabele- und Bamangwato-Reiche bildet. (Früher war es der Tatifluß.) Großes Interesse bot eine doppelte Reihe von Hügeln, deren Form bald kegelförmig war, bald wieder förmlichen Hexaëdern glich. Wir überschritten am nächsten, einem sehr heißen Tage Morgens den Kutse-Khani und den Lothlakhane-Fluß und lagerten am Ufer eines dritten mit Namen Goque. Da wir vor uns eine weite, wasserlose Strecke hatten, wurden hier die Zugthiere mehrmals getränkt. Der Weg führte nunmehr an der Kette der Serule-Höhen vorüber und über drei Regenspruits und späterhin an den Serule-River, den wir gegen Mittag überschritten, gegen Süden und Südosten erhob sich der Höhenzug der Tschopoberge, deren höchste Kuppen am Nord- und Südende liegen.