»Was wollen Sie damit sagen, Paula? Worüber sinnen Sie nach?«

»Hören Sie mich an,« fuhr sie mit unbeugsamer Entschlossenheit fort. »Ich habe oft darüber nachgedacht; denken auch Sie darüber nach. Wir werden voneinander scheiden. Versuchen Sie es, sich darein zu schicken. Doch wenn es Ihnen unmöglich, wenn Sie fühlen, daß Sie meiner bedürfen zum Leben, – dann rufen Sie mich. Ich werde warten, – wochen-, monate-, jahrelang, wenn es sein muß. Ich gehöre Ihnen, wenn Sie es wollen, und ich bleibe hier, wenn Sie anders entscheiden.«

»Sie wissen nicht, was Sie reden, Paula,« sagte er und faßte sich an der Stirn. »Es ist nicht großmütig, einen Menschen in solche Versuchung zu führen. Welch ein Elender müßte ich sein, wenn ich nur einen Augenblick schwanken könnte. Bedenken Sie ... Ihr Vater, Ihre kleine Schwester, die Ihrer so notwendig bedarf, ... Ihr eigenes Leben, Ihre ganze Zukunft ...«

»Ich habe alles bedacht. An meinem Leben und meiner Zukunft ist wenig gelegen. Und Vater und Toni würden mich vergessen, wie man eine Unwürdige vergißt.«

»Sie sprechen damit Ihr Urteil aus. Sie, die Sie so ehrlich, pflichtgetreu und opferwillig sind, wollten etwas begehen, was, wie Sie selbst gestehen, unwürdig ist? Sie würden elend werden und auch mich elend machen, wenn ich ruchlos genug wäre, Sie Ihrem Hause zu entreißen. Wissen Sie, was Reue heißt? Sie würden es erfahren. Liebesbande, wie es diejenigen sind, die Sie mit Ihrem Vater und Ihrer Schwester verbinden, lassen sich nicht zerreißen. Sie würden sie immer fühlen, diese Bande, würden sich zurücksehnen nach Ihrem reinen Familienleben, würden sich und mich verfluchen. Nein, Paula. Dazu soll es niemals kommen. Glücklich zu werden ist uns verneint; fügen wir zum Schmerz nicht noch die Sünde hinzu. Wir beide sind nicht schlecht geboren, ... wir könnten uns vielleicht zum Schlechtsein zwingen, vielleicht eine Zeitlang wähnen glücklich zu sein ... wenigstens ich, der ich Sie so sehr liebe ..., dann aber würden wir erwachen und uns gänzlich verarmt finden. Sie, Paula, die Geliebte eines katholischen Priesters, ... verachtet, verhöhnt, ausgestoßen von allen, ... und ich an Ihrer Seite, unfähig, Sie zu schützen, ohnmächtig gegenüber allem Spott und Hohn ... Nein! Tausendmal nein. Für solch ein Glück danke ich.«

»Es ist gut,« sagte Paula. »Ich will Sie nicht weiter drängen. Wie ich denke, wissen Sie. Vergessen Sie es nicht. Und wenn eine Zeit kommen sollte, wo Sie denken wie ich, dann erinnern Sie sich, daß ich warte.«

Sie stand auf.

»Was haben Sie vor?« fragte er erschrocken und hielt sie am Kleide fest. »Wollen Sie mich schon verlassen?«

»Ich muß. Für heute ist es genug. Vater kann jeden Augenblick kommen und ich will, daß er mich ruhig finde, ... und so lang Sie bei mir sind ...« Sie lächelte mühsam und streckte ihm die Hand hin. »Morgen wollen wir von dem allen nicht weiter sprechen und gelassen Abschied voneinander nehmen, ... ja?«

Er neigte sich über ihre Hand und drückte die Lippen darauf. Jetzt wurde es Ernst. Gott im Himmel! So schwer hatte er sich diesen Augenblick nicht gedacht.