Er antwortete nicht sogleich.
»Fragen Sie meine Mutter,« sprach er dann. »Die wird es Ihnen sagen.«
Er stand auf und trat zu ihr hin.
»Meine Mutter hat es gewollt,« sprach er weiter. »Ich hätte freilich nicht gehorchen müssen. Aber das hätte die alte Frau getötet. Sie ist nicht schlecht, sie meinte es gut mit mir und darum klage ich sie nicht an. Ich könnte heute noch den Priesterrock von mir werfen und ein neues Leben anfangen, ... und ich habe, seit ich Sie kenne, Paula, manchmal daran gedacht. Doch was mich davor zurückhält, ist meine alte Mutter, deren Elend der Preis dieses Schrittes sein würde. Was sage ich Elend! Sie würde in Seelenqual und Verzweiflung dem Tode entgegensehen, würde glauben, daß ihr Sohn sich das Himmelreich verwirkt habe, ... ich würde der Mörder ihres Friedens sein ... und das ... das kann ich nicht auf mein Gewissen laden. Sie ist am Ende doch meine Mutter, ist alt, hat viel gelitten, und ihr einziges Glück, ihr Trost und ihre Hoffnung ist der geistliche Sohn, der, wie sie in ihrem Irrwahn glaubt, berufen sei, Gott dem Herrn allein zu dienen und dadurch sich selbst und den Seinigen die ewige Seligkeit zu sichern. Ein beklagenswerter Wahn, dem mein Leben zum Opfer fiel, das sich viel schöner und segensreicher gestalten hätte können, wenn meine Mutter mich meinen eigenen Weg hätte gehen lassen. Aber ich will mich darein ergeben. Wenn das Opfer nun einmal gebracht werden muß, soll es wenigstens mit christlicher Demut geschehen. Gott wird mir mein Kreuz tragen helfen, ohne daß ich unter seiner Last zusammenbreche.«
Er schwieg und beugte sich über Paula, die in sich versunken dasaß. Sie erfaßte seine Hände und lehnte das Gesicht an seine Brust.
»Ach! Dieses kalte schwarze Kleid!« sprach sie zurückschaudernd. »Wie schwer haben die Menschen sich an Ihnen vergangen!«
»Nicht doch, Paula. Klagen Sie niemanden an. Soviel bin ich doch Christ und Priester, daß ich aus ganzem Herzen verzeihen kann.«
»Aber ich nicht! Gott helfe mir! Ich kann nicht...«
Sie verkreuzte die Arme, sah zu ihm empor, dann zu Boden und grub die Zähne in die Unterlippe ein. In ihren Zügen arbeitete ein heftiger, innerer Kampf.
»Meine tote Mutter wird es mir vergeben,« sprach sie endlich.