»Da wären wir!« sagte sie, die Tür öffnend und machte Licht, und er konnte nun die Stube in Augenschein nehmen. Sauber war sie, blank gescheuert, und an den Fenstern hingen blütenweiße Gardinen. Die Einrichtung war freilich in hohem Grade einfach und bestand durchweg aus Holz; die Wände schmückten oder, richtiger gesagt, verunzierten fratzenhafte Heiligenbilder aller Art und an der Tür hing ein kleiner Weihwasserkessel.
»Gefallt's dem Herrn?« fragte das Mädchen.
»Sehr gut,« antwortete er und überlegte im Geiste, wohin er seinen Bücherschrank, sein Klavier und mehrere andere Gegenstände, die demnächst eintreffen würden, stellen sollte; und die Heiligenbilder wollte er entfernen lassen, ... diesen Entschluß faßte er sogleich.
»Und nebenan ist die Schlafstube,« sagte das Mädchen.
»Schön; und nun eine wichtige Frage: kann ich etwas zu essen bekommen?«
»O ja. Der gnädige Herr hat wohl schon zu Nacht 'gessen, aber es wird schon noch was da sein. Freilich, der Herr werden hungrig sein nach der langen Fahrt, und i will gleich in die Küch' laufen und was bringen.«
Sie entfernte sich, der Priester ergriff das Licht und begab sich in die Stube nebenan. Auch diese war sehr sauber und hatte weiße Mullgardinen an den Fenstern. Im übrigen aber machte sie einen fast traurigen Eindruck. In der Nähe des Bettes stand ein Betschemel und über diesem erhob sich ein hölzerner Christus am Kreuze, dessen unverhältnismäßig großes Haupt wie ein Wasserkopf aussah. Über dem Bette selbst war das Bild der schmerzhaften Mutter Gottes angebracht; ihr Herz war sichtbar – sie wies mit der Hand darauf – und dieses Herz durchdrang ein Schwert. Auch in dieser Stube befand sich ein Weihwasserkessel und an den Wänden hingen oder klebten Heiligenbilder; an einer der Wände waren mittels einer Kohle die Worte: Memento mori! aufgezeichnet, und auf dem Nachttisch stand unter einem gläsernen Sturz ein kleines eisernes Kreuz, zu dessen Fuß ein Totenschädel und kreuzweise übereinander gelegte Gebeine ruhten.
Der Priester sah das alles aufmerksam an und legte sodann Handtasche und Überzieher auf das Bett.
»Asketisch, sehr asketisch sind diese Zimmer eingerichtet,« dachte er. »Nicht ein weicher Stuhl, kein Teppich, und statt des Sofas eine Bank aus Holz. Sind wir denn Mönche?«
Er ging zum Waschtisch hin und wusch sich den Reisestaub vom Gesicht und den Händen, holte aus seiner Reisetasche einen Kamm, eine Bürste und einen kleinen Spiegel – einen solchen gab es hier nicht –, kämmte sein Haar und strich mit der Bürste seine verstaubten, vom langen Fahren zerdrückten Kleider rein und glatt. Als er damit fertig war, trat er zum Fenster hin, öffnete es und lehnte sich hinaus. Das Fenster hatte die Aussicht auf den Garten, der zum Pfarrhof gehörte; die Bäume und Blumen strömten einen balsamischen Duft aus. Im Hintergrunde zeigten sich die Umrisse hoher Berge; auf dem Gipfel des erhabensten leuchtete ewiger Schnee. Der Hund war dem Herrn nachgeschlichen, richtete sich empor und legte die schweren Vorderpfoten auf das Fensterbrett. Mit einem Arm umschlang der Priester den Hals des mächtigen Tieres, drückte den zottigen Kopf an die Brust, und Herr und Hund schauten in die Nacht hinaus.