»Ich war nicht unfreundlich gegen ihn,« erwiderte das junge Mädchen und schaute dem Vater mit festem Blick in die Augen. »Ich sage nur: gleiches Recht für alle. Wenn der eine aus Schicklichkeitsrücksichten unser Haus nicht länger betreten darf, muß es dem anderen ebenfalls verboten werden. Ich will kein Gerede wachrufen.«
Der Arzt wußte darauf nichts zu entgegnen. Paula war noch immer gereizt oder gekränkt ... Er verstand das Mädchen nicht.
Erst am dritten Tage fand Harteck sich in dem Hause ein. Er war ein wenig erstaunt, vom Arzte allein empfangen zu werden und fragte, wo Toni wäre. Nach Paula fragte er nicht. Der Arzt antwortete, daß die Mädchen im Garten wären; mit gesenkten Augen und zögernder Stimme fügte er hinzu, wie dankbar er Harteck wäre für seine Güte gegen das Kind, daß er jedoch diese Güte nicht länger mißbrauchen wolle, indem Toni wieder gesund wäre und der Geistliche ohne Zweifel Besseres zu tun hätte, als sich mit einem Kinde zu plagen ... Er wußte selbst nicht, warum es ihm so schwer fiel, diese Rede vorzubringen. Der junge Priester erhob sich und griff nach seinem Hute. Er hatte verstanden; nach den ersten Worten schon: man wünschte hier sein Kommen nicht weiter.
»Ich freue mich, daß die Kleine gesund ist und meiner nicht mehr bedarf,« sagte er. Seine Stimme klang vielleicht ein wenig leiser als sonst, indessen vollkommen ruhig. Der Arzt erhob den Blick zu dem Antlitz des Sprechers. Hartecks Augen schauten ernst in die seinen und seine Lippen umspielte ein eigentümliches Lächeln. Befangen sagte der Arzt: »Wenn ich Ihnen jemals einen Gegendienst erweisen kann ...«
Der Geistliche schüttelte das Haupt.
»Was ich Ihrem Kinde tun konnte, ist von Herzen gern geschehen,« sagte er.
»Aber danken darf ich Ihnen doch?« fragte der Arzt und reichte ihm die Hand. Harteck ergriff sie, schüttelte sie herzlich und ging mit freundlichem Gruße davon. Auf der Treppe angelangt, blickte er zurück. Der Arzt war ihm nicht gefolgt. Er legte die Hand auf das Treppengeländer und ging langsamen Schrittes die Stufen hinab ... Darauf war er nicht vorbereitet gewesen; hatte nicht im Traume daran gedacht. Er tat einen tiefen Atemzug, der wie ein unterdrückter Seufzer klang.
Als er die Straße erreicht hatte und an dem Garten vorbei kam, hemmte er den Schritt und spähte hinein. Toni erblickte er nicht, wohl aber Paula. Sie stand auf dem Kiesweg, mit unterschlagenen Armen, gesenktem Kopfe, zusammengezogenen Brauen; ihre Fußspitze spielte mit den kleinen Steinen, die auf dem Wege lagen, und ihre Zähne zerbissen einen Grashalm. Sie mochte den unverwandten Blick des Priesters fühlen, denn sie erhob plötzlich das Haupt und schaute nach ihm hin. Ein wenig verwirrt lüftete er den Hut und wollte sich entfernen. Sie aber kam rasch auf ihn zu, stützte sich mit beiden Armen auf den Gartenzaun, der sie voneinander trennte, und sah nachdenklich vor sich nieder. Eine Zeitlang sprachen beide nichts. Paula warf den Grashalm weg und riß die welken Blätter von den Zweigen ab, die sich um das Gartengeländer schlangen.
»Ihr Vater hat mir den Abschied gegeben,« sagte Harteck endlich. »Geschah das auf Ihren Wunsch?«
Sie machte eine verneinende Kopfbewegung. Er legte leise die Hand auf die des jungen Mädchens.