Seit er das Haus des Arztes besuchte, hatte er den Rest von Sympathie, den er im Pfarrhof noch genossen, eingebüßt. Der Dekan sah ihn kaum an, und wenn er in Hartecks Gegenwart den Mund öffnete, geschah es bloß, um ihn zu tadeln oder sich in beißenden Anspielungen zu ergehen. Fräulein Aurelie, die er nur bei den Mahlzeiten sah, saß ihm stets so steif gegenüber, als ob sie ein Lineal verschluckt hätte, rümpfte beständig die Nase, und wenn er es wagte, das Wort an sie zu richten, antwortete sie entweder gar nicht oder in schnippischem, hochmütigem Tone. Der Mönch ging ihm aus dem Wege, und die Geistlichen, die dann und wann zum Besuch kamen, behandelten ihn mit kühler Zurückhaltung. Die Briefe seiner Mutter enthielten ebenfalls nichts als Tadel und Ermahnungen. Er wußte, daß die alte Frau mit jedem seiner Vorgesetzten in Briefwechsel stand und sich genauen Bericht über seine Aufführung erstatten ließ; sie war von allem, was er tat, unterrichtet, kannte sein unglückliches Verhältnis mit jenem Bauernmädchen und kam selbst jetzt noch, wo es doch so lang schon vorüber, manchmal darauf zurück. Er hatte Mutter und Schwester seit zwei Jahren nicht gesehen. Zuzeiten erfaßte ihn eine Art von Verlangen nach einem Wiedersehen, – es war dies eine alte Gewohnheit aus den Kinder- und Jugendtagen. Aber er brauchte sich die Mutter bloß vorzustellen und die Sehnsucht nach ihr schlug in erkältende Furcht um. Sie würde von jenem Mädchen sprechen, an alte, mühsam vergessene Geschichten rühren, mit erbarmungsloser Hand vernarbte Wunden aufreißen ... Sie wußte nichts von Schonung, hatte nie davon gewußt. Besser war es für ihn und sie, wenn Berge zwischen ihnen lagen und sie voneinander trennten. Vielleicht, wenn Mutter oder Schwester ihm geschrieben hätten, daß sie sich nach ihm sehnten, daß er zu ihnen kommen möchte, würde er trotz alledem zu ihnen geeilt sein. Das aber schrieben sie ihm nicht. Die Mutter war unzufrieden mit ihm und der Schwester war er gleichgültig, und so schob er denn den Plan, die Seinen zu besuchen, immer wieder auf. Nach dem jungen Priester, mit dem er sich so innig befreundet hatte, zog es ihn oft mit unwiderstehlicher Gewalt hin. Jedoch eine abergläubische Furcht hielt ihn ab, den Freund zu besuchen. Harteck war bei allen seinen Vorgesetzten schlecht angeschrieben, galt für einen unverwendbaren, nachlässigen Priester, – Gott weiß warum! Er gab sich doch redlich Mühe, seinen Pflichten so gut wie möglich nachzukommen; aber es war, als ob seine Stirn ein Brandmal trüge, als ob er gezeichnet wäre. – Alle betrachteten ihn mit mißtrauischen Augen und wichen vor ihm zurück. Deshalb fürchtete er, daß dem jüngeren Freunde ein Verkehr mit einem solchen Manne in seiner Laufbahn schaden könnte, und das wollte er verhüten. Er hatte über das Mädchen, das mit Liebe an ihm gehangen, schweres Leid gebracht; er wollte an dem einzigen Freunde nicht ähnliches erleben.

So verstrichen denn seine Tage neuerdings in reizloser Monotonie. Dem Herbste folgte der Winter; er brach jählings herein und hielt einen häßlichen Einzug. Ein eisiger Nordwind blies beinahe ununterbrochen; schwere, undurchdringliche Nebelmassen hüllten die Berge ein und über der Erde wölbte sich ein grauer, trüber Himmel. Die Straßen, auf denen halb zerflossener Schnee lag, waren kaum gangbar. Harteck war kein kräftiger Mensch, aber er tat alles, um sich abzuhärten und wagte sich bei jedem Wetter in das Freie. Stundenlang streiften er und sein Hund auf den Straßen umher, Cäsar jagte in großen Sätzen voraus und der Geistliche folgte ihm mit raschen Schritten. Manchmal stand der Herr still, hustete und drückte das Taschentuch an die feuchte Stirn und der Hund sah ihn dann fragend an ... »Komm nur! Mir ist nichts,« sagte dann Harteck gewöhnlich, und sie gingen wieder weiter.

Auf das Hochamt am Sonntag freute sich der Priester von einer Woche zur anderen. Paula hielt Wort. Sie sang an allen Sonn- und Feiertagen, auch wenn nicht an Harteck die Reihe war, die hohe Messe zu zelebrieren; sie wußte, daß er sich trotzdem in der Kirche befand, und vom Chor aus sah sie ihn links vom Altar auf einem Betschemel knieen, vor sich ein Brevier, in dem er selten las. Meistens stellte er die Arme auf die Brüstung und barg das Gesicht in die verschlungenen Finger ... Sie wußte dann, daß er ihrem Gesange lauschte und sich daran erquickte und sie sang mit Begeisterung ... Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der Straße, vor der Kirche oder im Dorfe; dann tauschten sie einen Gruß aus, wechselten im Vorübergehen ein paar Worte miteinander und gingen, ohne jemals den Schritt zu hemmen, ihre Wege. Zu Hause sprach Toni oft von ihrem Religionslehrer, was er gesagt, wen er gelobt, wen getadelt hätte ... Paula hörte ihr schweigend zu und sah die kleine Schwester manchmal von der Seite an: etwas wie Neid lag dann in ihrem Blick. Das törichte Kind sah ihn so oft, sah ihn täglich, hörte ihn sprechen und sprach mit ihm, plauderte harmlos davon und verstand nicht, was der dunkle Blick im Auge der großen Schwester sagen wollte. Äußerlich war Paula beinahe unverändert; nach wie vor erfüllte sie ihre hausmütterlichen Pflichten mit großer Pünktlichkeit; das Haus war so gut bestellt wie ehedem: der Vater und Toni konnten sich über keinerlei Vernachlässigung beklagen. Aber dem schärfer blickenden Manne war stets zumute, als ob ein Schatten zwischen ihm und der Tochter stünde. Ernst war sie immer gewesen; das war eine natürliche Folge ihres Lebens und Charakters; aber sie war nicht mehr so hingebungsvoll, wie sie es einstens gewesen. Eine gewisse Herbheit klang aus allem, was sie sagte; sie war zerstreut, ließ manchmal ihre Handarbeit oder ihr Buch in den Schoß fallen und versank in Nachdenken; dann zogen ihre Brauen sich zusammen und um ihre Lippen trat ein trotziger, schier feindseliger Zug, und wenn der Vater, unbemerkt von ihr, sie längere Zeit beobachtet hatte und sie dann unvermutet ansprach, erschrak sie und schaute ihn an, ... nicht verwirrt oder furchtsam, sondern mit zürnendem Blick, der wohl bedeuten mochte: Laß mich doch träumen! Mißgönnst Du mir sogar dieses karge Glück!? – Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte nur getan, was er für Recht gehalten hatte; im Dorfe war über das häufige Kommen des Priesters geschwatzt worden, er hatte dem Gerede ein Ende setzen wollen, – weiter nichts. Hatte er ahnen können, daß Paula, seine kalte, stolze Tochter, die allen Männern gegenüber schrankenlose Gleichgültigkeit bewiesen hatte, im geheimen schon so sehr an diesem Geistlichen hing? Und wenn er es gewußt hätte: würde es dann nicht um so mehr seine Pflicht gewesen sein, sie aus dieser Gefahr zu erretten? Ungerechtes, verblendetes Mädchen! Er meinte es gut und treu mit ihr und sie – behandelte ihn nicht anders, als ob er ihr schweres Unrecht zugefügt hätte. Wenn sie lieber noch gemurrt, wenn sie Vertrauen gezeigt hätte! Aber sie blieb verschlossen und unzugänglich, wich seinen schüchternen Anfragen eigensinnig aus und machte dadurch eine Verständigung zur Unmöglichkeit. Er ließ sie ungern allein; nicht, weil er für sie gefürchtet hätte: er wußte, daß sie brav war. Aber er fürchtete sich vor ihrer Einsamkeit; sie sollte und durfte nicht grübeln. Oft forderte er sie und Toni auf, ihn auf seinen Fahrten in die umliegenden Dörfer zu begleiten, und sie saßen dann beisammen in dem kleinen Wagen, auf dem breiten Ledersitz, Toni durfte manchmal das Pferd lenken und lachte fröhlich ... Das Kind war die einzig Glückliche von den dreien. Paula achtete nicht wie sonst auf die Kleine, sondern spähte angestrengt umher, als ob sie jemanden zu erblicken wünschte ... Wenn sich von weitem eine schwarzgekleidete Gestalt zeigte, erblaßte sie, zog den Hut ins Gesicht und drückte sich fest an die kleine Schwester. Aber demjenigen, den sie zu sehen hoffte oder fürchtete, begegnete sie auf ihren Fahrten niemals.

Manchmal besuchten sie auch das naheliegende Städtchen; dort wurden im Winter allerhand Lustbarkeiten veranstaltet, Konzerte, Theatervorstellungen, Tanzunterhaltungen. Der Arzt war mit der Gesellschaft dort gut bekannt und er drang darauf, daß jeder Einladung, die ihm aus dem Städtchen zukam, Folge geleistet werde. Paula hatte weder etwas dafür noch dagegen. Sie begleitete den Vater, beteiligte sich an allem, und wenn der Arzt sie beim Nachhausefahren fragte, wie sie sich unterhalten hätte, antwortete sie gewöhnlich: »Es war sehr hübsch, ich habe mich gut unterhalten.« Bei Gott! er würde vorgezogen haben, wenn sie gesagt hätte: »Vater, ich möchte viel lieber mit Dir zu Hause bleiben und mich an Deinem Herzen ausweinen,« anstatt jene kalte, immer gleichlautende Antwort von ihren Lippen zu vernehmen.

Daß ein Dorf so klein ist! Daß keines dem andern entfliehen kann! Daß ewig eines vom anderen hören muß! Wie ist es da möglich, zu vergessen!? In seinen mutlosesten Augenblicken war der Arzt oft nahe daran, zum Dekan zu gehen und ihn zu bitten, die Versetzung dieses – Menschen zu erwirken ... Aber das hieße ja die Tochter bloßstellen, ihren Ruf unwiederbringlich untergraben. Nein, das konnte er nicht tun. Er mußte diesem stummen, im verborgenen wühlenden Unheil schweigend zusehen, mußte tatlos zusehen, wie es immer weitere Kreise zog und das Glück seines Hauses langsam untergrub.

Neuntes Kapitel

Weihnachten stand vor der Tür. Endlich war echte Winterkälte eingetreten und überall glitzerte fester Schnee, auf den Bergen, den Bäumen, den Dächern. Nachmittags, wenn die blasse Dezembersonne ihre kühlen Strahlen zur Erde sandte, ging Paula mit Toni ins Freie. Sie verließen das Dorf und schlenderten die Heerstraße entlang, und Toni, die Wangen von der Kälte gerötet, formte Schneeballen und bewarf damit die Bäume. Einmal bat sie die Schwester, einen Schneemann bilden zu dürfen, und Paula ließ dem Kinde die Freude, setzte sich auf einen Steinhaufen und schaute zu, wie Toni emsig Schnee zusammentrug und mit den kleinen, von der Kälte roten Händen einen Schneemann zu kneten begann. Plötzlich unterbrach sich das Kind, einen leisen Schrei ausstoßend, in seiner Arbeit; ein großer, schwarzer Hund hatte sich von hinten der Kleinen genähert und war an sie angerannt. Seine Schnauze wühlte im Schnee.

»Cäsar!« rief Toni, ihn erkennend, »Cäsar!« und wollte den Hund liebkosen. Paula aber riß sie mit heftiger Gebärde an sich. »Sei still!« raunte sie ihr zu und spähte dabei unruhigen Blickes umher. Wohin sich verbergen? An eine Flucht war nicht zu denken; nirgends ein Baum, ein Haus, eine Hecke, bloß die kahle, weit übersehbare Landstraße. Der Mann, der in geraumer Entfernung dem Hunde folgte, mußte, wenn er das Haupt erhob, sie beide erblicken. Aber einstweilen hielt er den Kopf gesenkt und schien in Gedanken verloren: vielleicht, daß er, ohne sie zu bemerken, an ihnen vorbeigehen würde ... Nur mußte das Kind sich ganz ruhig verhalten. Paula zog die kleine Schwester eng an sich. »Sei recht still!« gebot sie noch einmal. Sie atmete rasch, ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf ... Die schwarze Gestalt kam näher und näher. Jetzt hob der Geistliche den Kopf in die Höhe und pfiff dem Hunde ... Hatte er sie gesehen? ... Er mußte wohl; Paula sah starren Blickes vor sich hin; der gefürchtete und ersehnte Augenblick war gekommen. »Guten Tag,« sprach eine wohlbekannte Stimme, das junge Mädchen schlug die Augen auf und sah Georg Harteck vor sich stehen.

»Sie werden sich erkälten, wenn Sie so ruhig dasitzen,« sagte er. »Sie sind ganz blaß.«

Paula blieb stumm. Ihre Blässe rührte nicht von der Kälte her, – das wußte sie. Er schien auf Antwort zu warten, und da keine erfolgte, machte er Miene, seinen Weg fortzusetzen.