Die heimtückische chronische Form des Trippers bietet selbst beim Schwinden der Symptome keine unbedingte Sicherheit für den Glauben an Heilung. Chronische Tripper können in furchtbarer Heftigkeit wieder akut werden. Ja, es kommt vor, daß ein chronisch tripperkranker Mann mit einer Frau Umgang hat, diese aber gesund bleibt, und die abgelagerten Gonokokken beim nächsten Mal rückwirkend beim Manne einen akuten Tripper erzeugen.

Unwissenheit und Schamgefühl hindern das weibliche Geschlecht mehr noch als das männliche, den Tripper gleich nach Ausbruch ärztlich behandeln zu lassen. Das ist der Grund, warum der Tripper bei der Frau so verheerend wirkt. Denken wir nun daran, daß der Tripper so ungeheuer verbreitet ist, daß nach den Angaben des amerikanischen Arztes Noegerath von 1000 Männern 800 einmal in ihrem Leben an Tripper erkrankt gewesen sind, und daß die meisten davon ihn nie wieder verloren, so sehen wir mit einem Schlage, daß es sich hier nicht um eine Einzelkrankheit handelt, der man bisher mit lächelndem Spott gegenübergestanden hat, sondern um eine furchtbare Seuche, die der Kraft eines ganzen Volkes Wunden schlägt. Man lachte über Noegerath, hielt ihn für einen ideologischen Schwarzseher. Aber seine aus der Praxis des Arztes gewonnenen unerbittlichen Zahlen vermochten doch schließlich unter den deutschen Ärzten den Indifferentismus und den Gleichmut zu beseitigen, womit man bisher diesen Dingen gegenüberstand. Man sah genauer hin, beobachtete schärfer, arbeitete gleichfalls statistisch und – fand, daß Noegerath recht hatte. Man erkannte mit einem Male, daß man mit der angeblichen Heilbarkeit des Trippers gar zu optimistisch umgegangen war, daß der Tripper geradezu ungeheuer häufig chronisch wird und auch dann noch bestehen kann, wenn ihn selbst der Arzt für geheilt erklärt, daß er dann noch ansteckend auf die Frau oder auf den Mann wirkt. Man sah von da ab auch die Frauenleiden mit ganz anderen Augen an und fand in weit größerem Umfange als bisher als Ursache – den Tripper. Von den leichten Formen des Weißflusses an, der sich oft schon ganz kurz nach der Hochzeit einstellt, bis zu den schweren Entzündungen der Eileiter, Eierstöcke, der Gebärmutter und selbst des Bauchfells, überall fand man den Gonokokkus, und – manches Rätsel war gelöst.

Prof. Dr. Wyß-Zürich sagt darüber[6]:

„Während der Geschlechtsapparat des Mannes nach dem Bauchfellraum hin abgeschlossen ist, kommunizieren die inneren Schleimhäute der Geschlechtsorgane im weiblichen Organismus direkt mit dem Peritoneal- oder Bauchfellsack. Infolgedessen greift der Entzündungsprozeß, den der Tripper auf der Schleimhaut des Geschlechtsapparates der Frau erzeugt, leicht auch auf das Bauchfell über. Sowohl für sich, als auch in Verbindung mit anderen Mikroben (Bakterien) werden dadurch akute und chronische Entzündungs- und Eiterungsprozesse bedingt, welche die Frau schwer erkranken machen, und welche leider oft in kürzerer oder erst nach längerer Zeit den Tod herbeiführen, mindestens aber monate-, ja jahrelanges Kranksein und oft fürs ganze Leben Leidendsein bedingen. Da diese Zustände oft einsetzen im Anschluß an eine Geburt oder einen anderen physiologischen oder auch pathologischen Vorgang (Menstruation, Abortus, vorzeitige Geburt), so hat man früher, als man die Krankheitserreger noch nicht kannte, jene Vorgänge der Ätiologie beschuldigt, die wahre Ursache nicht erkannt. Erst seit der Gonokokkus in solchen Entzündungsprodukten mikroskopisch nachgewiesen werden konnte, ist man auf die richtige Fährte gelangt und weiß man, daß viele früher auf eine „böse Geburt“ zurückgeführten tödlichen Erkrankungen oder heutzutage oftmals zu schweren Operationen oder in anderen Fällen auch wiederum zu langem Siechtum führenden Affektionen junger, blühender, bis zu ihrer Verheiratung absolut gesunder Frauen – auf einen nicht ausgeheilten oder geheilt erschienenen Tripper des Herrn Gemahls zurückzuführen sind.“

So finden wir's in allen Gesellschaftsschichten. Wann wird es eines Tages gelingen, diese fürchterlichen Tatsachen in die Herzen der männlichen Jugend einzugraben, damit sie abläßt vom gewissenlosen geschlechtlichen Leichtsinn! In die Ohren müßten wir's ihr hineinschreien, wieviel Jammer das sexuelle „Amüsement“ in die Welt bringt. Als Prof. Bumm in Leipzig einst unter den Hörern seines Kollegs Fragezettel bezüglich eines etwaigen Trippers verteilte, antworteten 36 von 53 Studenten mit „Ja“. Das waren 70%. Die übrigen 30% werden ihn leider früher oder später auch noch bekommen haben.

Wie viele von diesen Trippern bleiben ungeheilt, werden chronisch und richten in der Ehe körperliche und seelische Verwüstung an! Noegerath hält den Tripper überhaupt für – unheilbar!!! Das ist zum Teil die Folge seines medikament-medizinischen Standpunktes, den wir nicht teilen. Aber daß überhaupt ein ernster Forscher und warmherziger Menschenfreund wie Noegerath zu einer solch furchtbaren Auffassung kommt, das ist's, was uns erschreckt.

Tatsächlich trotzen viele Tripper jeder Behandlung. Der Patient ist eine Zeitlang trostlos. Dann gewöhnt er sich an den Krankheitszustand, hält ihn für immer weniger ernst, heiratet und – steckt seine Frau an. Damit beginnt dann für die Frau und für die Ehe die lange Leidenskette, schwere Unterleibsleiden und unter Umständen Unfruchtbarkeit.

Prof. Flesch-Frankfurt a. M. sagt: „In meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich es nur zu oft erlebt, daß unglückliche Frauen der ärmeren Klassen, wenn Hunger und Sorge wegen ihrer andauernden Arbeitslosigkeit ‚wegen Unterleibsentzündung‘ eingezogen waren, daß Frauen der bemittelten Klassen, wenn Kinderlosigkeit die Ehe vergiftete, sich den Tod herbeiwünschten, sich den schwersten Operationen unterzogen, und ihre Männer noch um Verzeihung baten, weil sie ihren Mann unglücklich machten. Und der um Vergebung Angeflehte war fast immer, ohne es zu ahnen, der Urheber des Unglücks.“

Aber auch damit macht der Tripper nicht halt. Das Trippergift, das in den Geburtswegen einer Frau abgelagert ist, kann während des Geburtsaktes in die Augen des Kindes kommen. Dann entsteht eine Bindehautentzündung, die das Augenlicht zerstört. 60 von 100 Blinden haben ihr namenloses Unglück aus dieser lebentötenden Quelle. Gibt es Worte für soviel Jammer? Tausende büßen mit Blindheit den Jugendleichtsinn ihrer Väter.

Und dieses gedankenlose „Vorleben“ wird immer noch entschuldigt! Immer noch finden sich Stimmen, die von „Männlichkeit“ sprechen, wenn ein junger Mann geheime Wege geht. Wären diese qualvollen „Frauenleiden“ nicht allesamt vorher „Männerleiden“, oder bliebe die Krankheit auf den Mann beschränkt, so könnte er sündigen, wenn er für sich allein büßen will. Aber Unschuldige büßen! Unschuldige zu Hunderttausenden! Hört ihr's, ihr jungen Männer? Laßt dies Leid der Unschuldigen nicht größer werden! Das junge Mädchen, das still und in den Träumen der Jugend im Elternhaus lebte, vergiftet ihr! Ihre Augen leuchten, wenn ihr Liebesworte sprecht! Und ihr Herz weiß nicht, was ein junger Mann im Haus der Dirne sah und tat. Es liegt ein böses, aufreizendes Unrecht in diesem Vorleben. Mit einer niederträchtigen Disharmonie beginnt die Ehe: sie geschlechtlich unschuldig oder harmlos, er weiterfahren, sexuell blasiert und – mit einem chronischen Tripper behaftet. Nach kurzer Ehe sind die frohen Hoffnungen der Brautzeit zusammengefallen. Aus dem fröhlichen Mädchen wurde eine müde, kranke Frau, gereizt, übellaunig oder todestraurig. Wir denken an das Wort Noegeraths, der sagte: „Es ist so weit gekommen, daß junge Damen sich fürchten, in die Ehe zu treten, weil sie wissen, daß alle ihre Bekannten erkrankt und nicht wieder gesund geworden sind.“