Vor allem aber besteht die Gefahr, daß die Entzündung beide Hoden ergreift und dann durch Zerstörung des Hodengewebes, das wir als die Brutstätte der befruchtenden Samenzellen anzusehen haben, zur dauernden Unfruchtbarkeit führt. Das geschieht tatsächlich in 85% aller Fälle von doppelseitiger Hodenentzündung. Man stellt dann entweder Azoospermie fest, d. i. gänzliches Fehlen von Samenfäden (Spermatozoen), oder aber unbewegliche, also tote, zur Befruchtung unfähige Samenfäden.
So kann der Leichtsinn des vor- und außerehelichen Geschlechtslebens eine fürchterliche Strafe finden, kann ein Augenblick der ungezügelten Sinnlichkeit, der zum Haus der Dirne trieb oder eine jener zufälligen und wahllosen Geschlechtsverbindungen bewirkte, mit dem Verlöschen der Zeugungsfähigkeit enden. Das Wort „Vater“ verliert seinen Klang, und alles, was es an Schönheit und Freude in sich einschließt, ist begraben, ehe es ins Leben treten kann. Die edelste Kraft wird eingebüßt, und diese Möglichkeit allein müßte jeden Leichtsinn im Keim ersticken.
Aber mit diesen festumrissenen Folgekrankheiten erschöpft sich der Tripper nicht, und wir werden noch sehen, welch ein furchtbarer Leichtsinn es ist, vom Tripper lächelnd als von einer „Kinderkrankheit“ zu reden, wie es unter jungen Leuten oft geschieht. Es besteht ja die verhängnisvolle Anschauung, daß man einmal ein „kleines Tripperchen“ gehabt haben müsse, um gegen spätere Ansteckungen gefeit zu sein. Das direkte Gegenteil ist richtig; denn wer einmal einen Tripper hatte, neigt in außerordentlichem Maße zu weiteren Ansteckungen, weil die Schleimhäute ihre Widerstands- und Abwehrkraft eingebüßt haben.
Leider bleibt der Tripper nicht einmal auf die Entzündung der Geschlechtsorgane beschränkt; vielmehr wird durch den Blut- und Säftestrom das Trippergift überall im Körper umhergetragen und kann an allen Organen schwere Entzündungen hervorrufen. Seit man bei gewissen Krankheitsformen den Neisserschen Gonokokkus gefunden hat, liegen die Zusammenhänge klar zutage. Darüber sagt Prof. Dr. Wyß-Zürich[5]:
„So ist vor allem der Tripperrheumatismus als eine sicher durch Transport von Gonokokken durch die Blutbahn von der erkrankten Schleimhaut der Harnröhre nach den serösen Häuten der Gelenke bedingte Entzündung anzusehen; wir verstehen, daß auch andere seröse Häute erkranken können; wir wissen, daß gewisse schwere Entzündungen der Herzklappen unter Umständen mit all ihren weiteren Komplikationen: Nierenerkrankungen, Gehirnerkrankungen, Lungenerkrankungen usw., die Folge einer Gonorrhöe sind; doch auch ohne Beteiligung des Herzens können akute eiterige Entzündungen im Gehirn und Rückenmark oder deren Häuten durch den Gonokokkus sich ereignen und unrettbar den Tod herbeiführen. Gewisse Nasen- und Ohrenerkrankungen, Dickdarmerkrankungen, Speicheldrüsen- und Knochenhautentzündungen sind durch ihn bedingt. Somit ist der Tripper für den Mann oft als eine lebensgefährliche Krankheit erkannt worden, und zwar zuweilen selbst dann noch, wo er örtlich keine Erscheinungen mehr oder nur noch ganz unbedeutende gemacht hat.“ –
Bliebe der Tripper auf sich selbst beschränkt, so könnte man den Gedanken hegen, daß der Schuldige büßen muß für Unwissenheit, Fehl, Leichtsinn und Gewissenlosigkeit. Zwar ist oft die Strafe zu hart; denn nicht immer ist der Einzelne schuld an seinem Tun, wenn ihm ein warnendes Wort von Eltern und Lehrern fehlte. Und wenn die alkoholische Lustigkeit einer Tafelrunde bei der Dirne endete, so büßen viele ihr Leben lang den Augenblick des Leichtsinns, der ausreichte, eine Geschlechtskrankheit zu übertragen. Mit Tränen in den Augen haben sie oft vor mir gestanden, die jungen Männer, die körperlich und seelisch an der geheimen Häßlichkeit ihrer venerischen Krankheit leiden. Gar zu hart hatte sie's betroffen.
Was aber sollen wir sagen, wenn die Unschuldigen leiden müssen, büßen für den Leichtsinn eines andern, büßen ein Leben lang, büßen ohne Schuld, leiden, wo sie liebten oder wo die Liebe ihnen das Leben gab? Denn der Tripper ist ansteckend, ist übertragbar auf die Frau, die liebend und voll Vertrauen dem Manne in die Ehe folgt und von demselben Manne, dem sie all ihre Jugend, ihre Frische dargeboten, den Krankheitskeim empfängt, der sie von der gleichen Stunde ab zur leidgequälten Frau macht.
Das Gefährliche des weiblichen Trippers besteht darin, daß er sich nicht auf die Harnröhre beschränkt, sondern alle äußeren und inneren Geschlechtsteile auf das heftigste erfassen kann. Das alles sind äußerst schmerzhafte, quälende, störende Leiden, die sehr verschiedenartige Erscheinungen machen können, so daß man früher oft eine andere Diagnose stellte, wo heute eine Tripperansteckung zweifelsfrei feststeht.
Ja, von den sogenannten „Frauenleiden“ beruhen drei Viertel wohl auf nichts anderem, als auf venerischer Ansteckung durch den Mann. Denn der Tripper geht tiefer in die inneren Organe hinein und befällt besonders die Gebärmutter, am Hals derselben beginnend und allmählich sie ganz überziehend, so daß in solchen Fällen die Unfruchtbarkeit der Frau eine unausbleibliche Folge ist.
Wieviel Jammer und Tränen hängen mit dem Worte Unfruchtbarkeit zusammen! Wieviel ungestillte Muttersehnsucht, wieviel bittere Entsagung schließt es in sich ein! Ich habe Frauen gesehen, die weinten, wenn sie Kinder sahen, sie herzten und küßten, weil ihnen selbst dies größte Frauenglück versagt geblieben war. Und wie oft regnet es Vorwürfe von seiten des Mannes auf die arme Frau herab, deren Herz nach einem Kindchen jammert, deren mütterliche Kraft aber im Keim erstickt wurde durch eine Tripperinfektion. Entweder leidet der Mann an Azoospermie (Fehlen von Samentierchen) infolge von tripperhafter Hodenentzündung, oder aber die inneren Organe der Frau sind durch die Ansteckung angegriffen.