Die Erscheinung der Syphilis ist der sogenannte harte Schanker (Ulcus dure), der in den weitaus meisten Fällen durch den geschlechtlichen Verkehr mit einer syphilitischen Person entsteht, und zwar dadurch, daß das syphilitische Gift durch eine kleine Schrunde, einen kleinen Riß in der Haut eintritt. Die Möglichkeit, daß eine solche kleine Hautverletzung besteht oder beim Geschlechtsumgang entsteht, ist allerdings so groß, und die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis so ungeheuer, daß der geschlechtlichen Verbindung mit einer syphilitisch kranken Person fast stets eine Ansteckung folgt.
Das Ansteckungsfeld ist zumeist der uneheliche Geschlechtsverkehr. Dr. Blaschko-Berlin erzählt, daß einmal von 1129 Geschlechtskranken in seiner Poliklinik (1009 Männer und 120 Frauen) die Männer ihre Syphilis fast ausschließlich außerhalb der Ehe, die Frauen innerhalb der Ehe von den Männern erworben hatten. Welch eine furchtbare Anklage bedeutet das für den Mann, welch ein entsetzliches Martyrium schließt das für die Frau ein! Der Jugendleichtsinn des Mannes, den Weib und Kind in der Ehe büßen müssen!
Die Verbreitung der Syphilis hat Zahlen angenommen, die Entsetzen wecken.
Sie ist eine der furchtbarsten Volkskrankheiten geworden, die das Interesse der ärztlichen Wissenschaft und der behördlichen Organe unausgesetzt beschäftigt. Unsummen gehen in Heilungskosten auf, und das Ende dieses unseligen Zerstörungsprozesses in der Menschheit ist nicht abzusehen.
In großen Städten schleicht das Gespenst der Syphilis durch alle Straßen. Wo die Menschen dichter zusammenwohnen, steigert sich das Leben, vermehren sich auch die Krankheiten. Und die Prostitution, die die Moral der Männer verschlingt, speit dafür die Geschlechtskrankheiten, Tripper und Syphilis, auf die Menschheit aus.
Dieser Gifthauch trifft auch die Bewohner des Landes, dessen junge Söhne in den Städten als Soldat dienen oder ein Handwerk, ein Geschäft lernen und ausüben oder die Schulen, die Universität besuchen und mit der Kultur der Stadt auch die Syphilis in die Heimat bringt. Der vierjährige Feldzug hat die Zahlen der Geschlechtskrankheiten ins Fürchterliche gesteigert.
Die Syphilis beginnt mit einem kleinen Knötchen, das 2-4 Wochen nach erfolgter Ansteckung auftritt (sogenannter Primäraffekt) und bald zu zerfallen beginnt. Dabei bildet sich ein tiefer fressender Untergrund und ein etwas erhöhter Randwulst. Beide sind hart, weshalb man hier vom harten Schanker spricht. Auch Schwellungen der Leistendrüsen stellen sich ein.
Die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis ist eine ganz außerordentliche. Jedes Hautritzchen genügt, um das syphilitische Gift eindringen zu lassen, und zwar nicht nur an den Geschlechtsteilen, sondern überall am Körper. Es gibt demnach eine außergeschlechtliche Syphilis, die bei 4% aller Syphilitiker vorliegt. Dieselbe wird ungemein leicht erworben, beispielsweise durch Küssen, Händedrücken, durch Benutzung von Handtüchern, Bettwäsche, Kissen, Polstern usw., die vorher mit syphilitischen Geschwüren in Berührung kamen.
Eine sekundenlange Berührung genügt – und das Gift ist in den Körper eingedrungen und spielt seine verderbliche Rolle. Wenn's Schuld war, kann man von Sühne sprechen. Was aber sagt ihr zu den Unglücklichen, die ohne Schuld, ganz ohne Liebe und Geschlechtsumgang die Syphilis erwarben? Die unwissend, schuldlos und wehrlos ein zerstörendes Gift empfangen und es womöglich monate- und jahrelang in sich tragen, ohne den Charakter der Leiden zu ahnen, die sie nacheinander heimsuchen?
Ist das syphilitische Erstgeschwür ausgeheilt, so beginnt etwa nach 8-10 Wochen die sekundäre Syphilis, meist als roter Fleckenausschlag, als Knötchen (Papeln) oder eiterige Pusteln, die sich über den ganzen Körper verbreiten und namentlich in Hautfalten (Schenkelbeuge, Geschlechtsgegend, zwischen den Fingern usw.) als nässende Wunden auftreten können. Die Absonderungen dieser Ausschläge haben eine starke Ansteckungsfähigkeit. Dazu gesellt sich ein Schorf auf der behaarten Kopfhaut, der das Haar büschelweise zum Ausfallen bringen kann.