War's da nicht recht, deine Augen sehend zu machen? Ich habe dir nicht nur Häßliches zeigen und dich vor Gefahren warnen wollen, nein, auch die Schönheiten des Liebesgefühls habe ich in dir keimen lassen, weil ich weiß, daß alle Lebensschönheit nur in der Natur steckt und die Natur auch im Menschen wohnt. Naturalia non sunt turpia!

Nicht das ist die wahre Sittlichkeit, die einen Gegensatz zwischen Mensch und Natur errichtet, die vom Menschen ein Abtöten seiner Natur verlangt und ihn in einen letzten Endes vergeblichen Kampf zwischen Tun und Willen stürzt. Nein, die wahre Sittlichkeit liegt im Erkennen der erdgeborenen Natur des Menschen und in dem festen Willen, schrittweise und allmählich auf höhere Stufen zu gelangen. Weder haben diejenigen recht, die leichtsinnig in den Tag hineinleben, die alles, so wie es ist, für gut halten und vom Baume des Lebens so viel Früchte herabnehmen, wie sie erhaschen können, noch können wir denjenigen folgen, die in düsterem Pessimismus alle Lebensschönheit nicht sehen wollen und sich auf den Himmel vorzubereiten wähnen, während doch zugleich ihr Aszetismus ein göttliches Gebot in den Staub zieht.

Zwischen diesen zwei Irrenden steht der wahrhaft sittliche Mensch, der sein Leben und seine Persönlichkeit reich und kraftvoll entfaltet, aber nicht eingreift in die Rechte der anderen und nicht das Wohl der Nachgeborenen untergräbt. Dem die tiefe Erkenntnis der biologischen Zusammenhänge ein starkes Selbstverantwortlichkeitsgefühl aufzwingt, und der seine Wünsche schweigen heißt, wenn ihre Befriedigung die feinen geheimnisvollen Fäden verwirrt, die alle Menschen in Glück und Unglück miteinander verbinden.

Da sehen wir die strengen Grenzen zwischen individueller und sozialer Ethik. Die eine lebt sowohl im Aszetismus wie in der Vergnügungssucht der Masse, die sich in ihrem oberflächlichen Individualismus eine Kollektivethik geschaffen hat. Beide aber maßen sich an, selbst Richter aller Dinge zu sein. Hoch über beiden steht die soziale Ethik, die von Einzelnen in das Volk getragen wird, von jenen Einzelnen, in denen die schreiende sexuelle Not der Menschen ein Echo fand, und in denen das Menschheitsgewissen, jene feine und sichere Unterscheidungskraft zwischen Gut und Böse, lebte.

Diese soziale Ethik nimmt einem natürlichen Triebe alles, was ihn häßlich macht und die Menschennatur herabwürdigt, und sie gestaltet sein Äußern so, wie es das Wohl der sozialen Gesamtheit verlangt.

Alle Ethik hat ihre Wurzeln im Geschlechtsleben. Denn das Geschlechtsgefühl ist die eigentliche Urquelle aller menschlichen Sympathiegefühle und aller sozialen Organisationen überhaupt. Ist daher das Geschlechtsleben krank und verdorben, so muß der ganze Bau des Menschendaseins erschüttert werden.

Das Geschlechtsleben ist die höchste und stärkste Entwicklungskraft der Menschheit. Es hat der Religion Nahrung gegeben, hat Kultur, soziale Gemeinschaft und Kunst entwickelt und dem Geist seine feinsten Blüten gegeben. Aber es ist auch die Kraft, die wie keine andere die Menschen hinabstößt in Schwäche und Elend, in Verwilderung und Versumpfung, in leiblichen und geistigen Tod. Das Geschlechtsgefühl ist dem Menschengeschlecht Himmel und Hölle zugleich. Darin liegt sein tiefer, eherner Ernst.

Aus dem Geschlechtsgefühl quillen Menschenwerte. Ein niedriges Geschlechtsleben schafft Krankheit und niedriges, schlechtes Denken. Ein reines Geschlechtsleben dient der Gesundheit, adelt den Menschen und veredelt die Rasse. Diese Reinheit vereinigt Natürlichkeit mit feinstem Schamgefühl, gesunde Kraft mit zartschöner, idealistischer Auffassung.

Das ist's, wozu ich dich mit diesem Buche hinführen wollte. Nicht die „Natürlichkeit“ in jenem stumpfen Sinne einer seelenlosen Nüchternheit, die das Geschlechtliche zu einer Alltagsgebärde stempelt. Die dem Liebesgefühl seine Gefahren dadurch nehmen will, daß man es in der Nüchternheit körperlicher Selbstverständlichkeit erstickt. Nein, diejenige Natürlichkeit will ich dich lehren, die zwar den körperlichen Untergrund aller Dinge sieht, aber alle Körperkultur nur als Ausgangspunkt einer kraftvollen Seelenkultur erkennt.

Dem Seelenkultus dienen wir! Der rohe Körperkult dient letzten Endes der Form- und Zügellosigkeit, wenn der Seele feinste Strömungen nicht das körperliche Tun durchwehen. Die Seele allein birgt die wahre Scham, des Geschlechtsempfindens zarteste Blüte.