Was aber soll man dazu sagen, wenn sogar die dramatische Kunst, die den stärksten Einfluß auf das Volk hat, ihre Verantwortlichkeit verliert und im sexuellen Zynismus landet? Die Kunst geht nach Brot, und wenn der Brotherr, das Publikum, einen verkommenen Geschmack hat und mit gierigem Blick nach Lüsternheiten Ausschau hält, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Bühne französische Ehebruchsdramen und zynisch-erotische Vaudevilles aufführt. Da ist der Held der Bühne nicht der stolze, edle Mensch, nicht Tell, Tasso oder Posa, sondern der seine Frau betrügende Ehemann, der weichlich-erbärmliche Don Juan, der in tausend Ängsten vor dem Entdecktwerden und in tausend Nöten von einer jammervollen Situation in die andere gerät, und der uns dann als von den Frauen besonders begehrt dargestellt wird. Sieht man, wie vollbesetzt diese Theater sind, und wie im Publikum die Mienen ohne alle Selbstbeherrschung gierig-lüstern werden, so kann man das Gefühl von Scham und Empörung nicht unterdrücken über ein Volk, das so seine großen Männer vergißt, und über Menschen, die so sehr alles Edle, Schöne, Menschliche von der Geilheit überwuchern lassen.

Schule deinen Geschmack und deinen ganzen inneren Menschen an echter, edler Kunst und sei zu stolz, ein Spielball dieser lüstern-geschäftlichen Spekulationskunst zu werden.

Halte dich auch fern von den auf niedriger Stufe stehenden Varieté-Theatern, wo der Humorist ein privilegierter Zotenreißer ist und die Tänzerinnen mit dem Mangel an Kleidung den noch größeren Mangel an Können verdecken, wo ein rauch- und bierdunstiges Lokal bis zum letzten Platz mit Männern angefüllt ist, und sogar Frauen sich nicht scheuen, ihr eigenes Geschlecht auf der Bühne prostituiert zu sehen. Warum sind die Varietés, die Singspielhallen, die Konzertcafés mit erotisch-winselnder Geigenmusik überfüllt, und warum können sich ernste Bühnen so schwer halten? Weil die Massen korrumpiert sind, und weil die wachsende Degeneration die Sinnlichkeit triumphieren läßt und zugleich die Selbstkritik schweigen heißt.

Diese bedrohlich angewachsene Sinnlichkeit wird von dem Kapital in raffinierter Weise ausgeschlachtet. Ganze Industrien rechnen ja mit dieser Sinnlichkeit. Aber wieviel Unheil richtet sie an! Wieviel Nervenkraft und Menschenglück wird dabei zerstört! Es ist nicht ehrlich, Geld zu verdienen, wenn ein anderer dabei geschändet wird.

Aber niemand ist genötigt, sich diesen Schäden hinzugeben. Setze an die Stelle dieses wirren und wüsten Treibens deinen Stolz, deine Würde, dein besseres Ich und eine ernste Arbeit mit festem Lebensziel, dann wird die Gefahr deine Kräfte stählen. Die Arbeit ist die Grundlage deines Lebens, und die Stunden, die nicht deinen Pflichten gehören, sondern dir selbst, die sollst du ausfüllen mit Schönem, mit guter Lektüre. Unser deutsches Schrifttum ist reich an guten Büchern. Du sollst die freien Stunden benutzen, gute Kunst kennen zu lernen. In Museen und Galerien ist Gelegenheit dazu. Und vor allem sollst du die Natur, deine Heimat, kennen lernen und wandern, damit dein Körper stark und dein Geist fröhlich werde. Geh allem aus dem Wege, was dich herabzieht. Schaue nur Schönes, denke nur Gutes, handle nur edel, dann wirst du den Sinn und die Schönheit des Lebens in dir selbst finden, weil du in Harmonie mit dem Weltprinzip bist.

Schlußwort.

So bist du mir nun gefolgt, lieber junger Freund, und wir haben das Gebiet durchwandert, das gleicherweise Glück und Unglück, Jubel und Tränen, Schönheit und Grauen umschließt, in das fast alle Menschen mit Kraft und Sehnsucht einziehen, und in dem wir sie weiterwandern sehen mit Krankheit, Schwäche, gebrochener Seele, verlorener Jugend und beladen mit wirren und schwülen Geheimnissen.

So viel Jammer entsteigt der Unwissenheit!