Hier stehen wir auf der Grenze, wo die körperlichen Anreize der Geschlechtlichkeit in die geistigen übergehen. Und so, wie du den Körper freihalten mußt von unsauberen Dingen, so gib auch dem Geist nur und ausschließlich gute Nahrung. Leicht mag das nicht sein. Denn die erotische Hochspannung der Kultur hat auch in die Literatur und in die Kunst einen erotisch-neurasthenischen Ton hineingetragen. Die Betonung des Sexuell-Sinnlichen kommt dem Interesse der Menge entgegen. Sexuelle Dinge werden breit, mit zynischer Behaglichkeit oder mit geschickt und elegant verborgener Lüsternheit geschildert oder gemalt. Vor nichts scheut man zurück, und die Schamlosigkeit macht sich breit unter dem Deckmantel des „Realismus“.
Wir wollen ganz absehen von Kolportageromanen, die auf die niedrigsten Instinkte spekulieren. Nein, auch fähige Schriftsteller, begabte Bildhauer und Maler haben sich der Erotik verschrieben und prostituieren ihre Kunst, um den billigen Beifall der Menge zu erhaschen.
Wieviel Unheil richten sie in jugendlichen Köpfen an! Unruhige sinnliche Wünsche werden geweckt, sittliche Begriffe gestürzt; denn das, was ohne Zweifel schlecht ist, wird durch diese erotische Literatur „interessant“ gemacht. Wieviel schlechte Handlungen entsteigen der durch schlechte Lektüre verwilderten Phantasie! Wie oft erfährt der Richter, daß ein schlechtes Buch den Antrieb zu einer sittlichen oder strafrechtlichen Entgleisung gab!
Die Zahl der scheußlichen Witzblätter ist groß, und selbst Witzblätter, denen manch ernstes Wort eine Bedeutung gab, haben sich dem erotischen Zynismus mit Haut und Haaren verschrieben. Die Inseratenseiten wimmeln von Anzeigen erotischer Literatur, von Anpreisungen von „Aktzeichnungen“, die angeblich nur für „Kenner“ oder „Künstler“ bestimmt sind. Aller Schmutz kann in solchen Inseratteilen abgeladen werden, und die vielen Anzeigen von Heiratsgesuchen, von Wohnungen „mit separatem Eingang“ und dergleichen sind nur eine schwungvolle geldliche Ausnützung der allgemeinen Lüsternheit.
Schmach und Schande über eine Presse, die sich ihrer erzieherischen Pflicht so wenig bewußt ist!
Am meisten hast du dich zu schützen vor jener Literatur, die angeblich „Aufklärung“ verbreiten will in geschlechtlichen Dingen und mit allerlei unverfänglichen oder auch verfänglichen Titeln die Neugier der Jugend erregt. Ich weiß aus vielen Berichten, die mir zugegangen sind, wie solche Bücher Schaden anrichten. Die Lüsternheit und Sinnlichkeit des Verfassers steigt zwischen den Zeilen auf und teilt sich dem Leser – ihn erregend – mit, so daß mancher mir schon berichtete, wie sehr ihn gerade diese Aufklärungsliteratur zur Onanie und sinnlichen Gesprächen verleitete.
Auch da, wo der Inhalt des Buches an sich richtig und gut ist, kann diese Gefahr bestehen, denn hier macht der Ton die Musik, und ich stehe keineswegs bei denjenigen, die da meinen, man müsse aus Gründen der „Natürlichkeit“ den letzten zarten Schleier der Schamhaftigkeit von den geschlechtlichen Dingen hinwegnehmen. Nicht das restlose Wissen, nicht die absolute Entschleierung ist der beste Schutz, sondern die zarte, poesievolle und doch kraftvoll-gesunde Auffassung vom Liebesleben, jene innere, tiefe und wahrhaftige Schamhaftigkeit. Nicht im Verstand liegt die Sittlichkeit, sondern in der Seele. Darum haben diejenigen die höchsten sittlichen Kräfte, die die stärksten Glaubenskräfte haben.
Prostituiert ist auch die bildende Kunst. Vorbei ist die Hoheit der griechischen Meister, die mit der Darstellung der Nacktheit höchste Schamhaftigkeit und sittliche Würde verbanden. Wir leugnen gar nicht die sinnlichen Elemente des Kunstgenießens. Aber die Kunst soll unsere Sinnlichkeit idealisieren, durch das körperlich Schöne den Enthusiasmus der Seele wecken, nicht aber die rohe Sinnlichkeit entflammen und den aufstrebenden Geist in die Fesseln der quälenden Körperlichkeit bannen. Eine gemeine Kunst verführt zu einsamen Triebverirrungen, zu Lüsternheit und Ausschweifung. Es ist nicht ratsam, in Kunstfragen den Staatsanwalt und die Polizei zur obersten Instanz zu machen. Bessere Richter einer gesunkenen, feilen und geilen Kunst sind guter Geschmack, anständige Gesinnung und Selbstachtung. Das Angebot wird durch die Nachfrage hervorgelockt, und jeder vernünftige Mensch sollte es für unter seiner Würde halten, ein Bildwerk zu betrachten oder gar zu kaufen, das die Lüsternheit herausfordert.
Der Stolz müßte sich auch aufbäumen gegen den Schmutz, der sich in photographischen oder literarischen Pikanterien breit macht. Warum gehen junge Männer nicht diesen gemeinen Anreizen aus dem Wege? Warum erschweren sie sich den Kampf und lassen sich immer mehr herabziehen? Nicht die gewissenlosen Händler sollte man anklagen, sondern die charakterlosen Männer, die den Schmutz begehren.
Das Denken in geschlechtlichen Dingen ist sehr wohl ein Maßstab der allgemeinen Kraft und Sittlichkeit eines Volkes überhaupt, und es ist charakteristisch, wenn wir aus Frankreich hören, daß dort die Väter ihren beim Militär dienenden Söhnen zur Unterhaltung pornographische Photographien senden.