Nirgendwo aber spielt der Alkohol eine so verheerende Rolle, wie im Nervensystem der Menschen und vor allem im Geschlechtsleben. Der Alkohol ist, weil ein dem Körper durchaus fremder, nicht assimilierbarer Stoff, ein Überreiz, der nicht nur den Körper schwächt, sondern vor allem höchst merkwürdige Wirkungen an Geist und Seele entfaltet. Er bewirkt eine Erregung, die sich als gesteigerte Phantasie, als erhöhter Mut, als Fessellosigkeit des Denkens, als sexuelle und allgemeine Unternehmungslust äußert, in Wirklichkeit aber Schwäche ist, denn der klaffende Spalt zwischen gesteigertem Wollen und geschwächtem Können ist eine wesentliche alkoholische Merkwürdigkeit.

Vor allem aber reißt der Alkohol das nieder, was die Menschheit in jahrtausendealter Kulturentwicklung aufgebaut hat und was das Ziel aller Erziehung und aller Persönlichkeitsentwicklung ist, jene feinen und klaren Unterscheidungen zwischen Gut und Böse und jene Hemmungen der Einsicht, der Moral und des Willens, die sich gegen das Schlechte, das Niedrige und Rohe aufrichten. Fällt das alles, so tritt der Mensch in seiner ursprünglichen Roheit und Brutalität wieder hervor, wie wir es ja in der Alkoholwirkung tatsächlich sehen.

Wo anders kann das deutlicher sich zeigen als in den geschlechtlichen Dingen? Hier steigert der Alkohol die Begierde und wird zum Kuppler, weil er das Verantwortlichkeitsgefühl tötet, die sittliche Würde und Selbstbeherrschung zurückdrängt und zu Geschlechtsverbindungen treibt, die in solcher Art und solcher Häufigkeit bei nüchternem Kopfe undenkbar wären.

Der Alkohol verleitet tatsächlich zu den leichtsinnigsten Geschlechtsverbindungen und gefährlichsten Abenteuern. Tausende von jungen Männern erwerben ihre Geschlechtskrankheit, wenn sie angeheitert zum Haus der Dirne gehen. Ja, die meisten haben wohl die Bekanntschaft der Prostitution erst mit erleichternder Hilfe des Alkohols gemacht. Forel machte unter seinen geschlechtskranken Patienten eine Statistik und fand, daß 75% davon sich unter dem Einfluß des Alkohols angesteckt hatten.

Je höher der Alkoholgehalt eines Getränkes, desto stärker auch seine Wirkung. Aber von den Getränken mit geringem Alkoholgehalt, wie z. B. Bier, werden oft solche Mengen getrunken, daß trotzdem stärkste Wirkungen, Trunkenheit, leichtsinnige Geschlechtsverbindung, venerische Ansteckung, geschlechtliche Verirrungen u. dergl. zustande kommen. Und die Statistik lehrt, daß die Zahl der unehelichen Geburten mit dem Bierverbrauch in den einzelnen Städten steigt und sinkt.

Von den Sittlichkeitsdelikten kommt ein sehr hoher Prozentsatz aus dem Alkoholgenuß. Und was diesen vielen und vielerlei Ausschreitungen, Fehlern, Unbesonnenheiten und Vergehen an Unglück, Familienjammer und sozialem Elend folgt, das ist kaum zu übersehen. Hier gibt's für den einsichtsvollen Menschen nur einen Weg, den der Enthaltsamkeit vom Alkohol.

Wie Schreck fährt's manchem durch die Glieder, wenn es heißt, er soll kein Bier mehr trinken. So fest sitzt es in seinen Lebensbegriffen, daß ihn der Verzicht ungeheuerlich anmutet. Und doch gibt's nicht den kleinsten Vorteil, der im Alkohol wohnt, sondern nur Nachteil, unbedingten, unbegrenzbaren Schaden. Was schädlich ist, geht wider die menschliche Vernunft. Darum räumen wir etwas aus dem Weg, was die Menschen in ihrer gesamten Entwicklung hindert, und verzichten auf den Alkohol. In diesem Verzicht liegt Selbstachtung, Stolz, Würde. Gute Entschlüsse machen den Menschen reifer, willenskräftiger, sittlich freier. Und der Verzicht auf den Alkohol ist ein guter Entschluß!

Meidest du den Alkohol, so meidest du von selbst jene häßlichen Stätten, wo der Alkohol bewußt und planmäßig zur sinnlichen Anreizung gebraucht wird, die Animierkneipen und alle anderen Kneipen „mit Damenbedienung“. Es liegt etwas unsäglich Häßliches und Niedriges, etwas namenlos Gemeines in diesen Kneipen, und es ist mir völlig unverständlich, wie ein junger Mann in der Dunstwolke dieser alkoholischen Geilheit auch nur einen einzigen Atemzug tun kann.