Die Kulturnovellisten.
Wilhelm Heinrich Riehl, geb. am 6. Mai 1823 zu Biebrich a. Rh., gest. 1897, war Professor der Kulturgeschichte in München und einer der geistvollsten kulturhistorischen Schriftsteller, in dessen Werken der Belletrist ebenso zu Worte kommt wie der Wissenschaftler. Von seinen Schriften, die eine Fülle von Anregung und Belehrung bieten, verdienen die »Kulturhistorischen Novellen«, »Geschichten aus alter Zeit«, »Kulturstudien aus drei Jahrhunderten«, sowie der Roman »Ein ganzer Mann« besondere Erwähnung.
Karl Emil Franzos, geb. am 25. Okt. 1848 in Czortkow in Podolien, Herausgeber der »Deutschen Dichtung«, entdeckte »Halbasien« (den Südosten von Europa) für die Litteratur und verlegte dorthin den Schauplatz seiner ersten Kulturromane (»Aus Halbasien«, »Die Juden von Barnow«, »Junge Liebe«, »Stille Geschichten«, »Moschko von Parma«, »Ein Kampf ums Recht«, »Der Präsident«). Seine späteren Romane und Novellen begegneten nicht mehr dem gleichen Interesse.
Leopold Kompert, geb. am 15. Mai 1822 zu Münchengrätz, gest. 1886, gilt neben Karl Emil Franzos als der kenntnisreichste Schilderer des jüdischen Volkslebens. (»Aus dem Ghetto«, »Geschichten einer Gasse« u. a.)
Leopold von Sacher-Masoch, geb. am 27. Januar 1837 in Lemberg, gest. 1895, als Litterat ein Pendant zum Marquis de Sade, besaß von Natur aus eine bedeutende Begabung, die jedoch in der Sucht nach der Darstellung erotisch-perverser Probleme in die Brüche ging. So besitzen seine Romane nicht viel mehr als pathologisches Interesse (Masochismus).
Die Dichter-Archäologen.
Georg Ebers, geb. am 1. März 1837 in Berlin, gest. am 7. August 1898, berühmter Ägyptologe, war einer der beliebtesten Autoren der letzten Jahrzehnte. Seine Romane entrollen meist Kulturbilder aus dem Pharaonenlande oder aus dem deutschen Mittelalter. Ebers war der Hauptvertreter des geschichtlichen Romans, wenngleich ihm der Vorwurf nicht erspart geblieben ist, daß die meisten seiner Gestalten nichts als moderne Wesen in historischer Drapierung sind. Eröffnet wurde die dichterische Thätigkeit E.'s mit dem Roman: »Eine ägyptische Königstochter«. Fast jeder Epoche der ägyptischen Geschichte ist er in einem Romane gerecht geworden. (»Uarda«, »Homo sum«, »Der Kaiser«, »Die Nilbraut« u. a.) Unterbrochen wurde der Cyklus der ägyptischen Romane durch »Die Frau Bürgermeisterin« und »Ein Wort«. Seit 1889 wandte sich E. fast ausschließlich der Schilderung deutschen Lebens der Vorzeit zu: »Die Gred«, »Im Schmiedefeuer«, »Im blauen Hecht«, »Barbara Blomberg«. E. war trotz aller Anfeindung eine Dichternatur, die oftmals durch das Professorentum erstickt wurde, aber in einzelnen Zügen in jedem seiner Werke zutage tritt.
Felix Dahn, geb. am 9. Febr. 1834 in Hamburg, Professor und Dichter zugleich, wenn auch das erstere mehr als das letztere, schrieb eine Reihe Romane aus der Zeit der Völkerwanderung und der altnordischen Heiden- und Heldenzeit, unter denen »Ein Kampf um Rom« der erfolgreichste, »Julian der Abtrünnige« der beste ist. Von seinen Dramen verdienen »König Roderich« und »Rüdeger von Bechlaren« genannt zu werden. Durch umfangreiche Produktion von Gelegenheitsgedichten (nicht solcher im Goethe'schen Sinne) hat D. viel dazu beigetragen seinen Ruf als Dichter zu schädigen.
Ernst Eckstein, geb. am 6. Febr. 1845 in Gießen, kommt hauptsächlich als Unterhaltungsschriftsteller in Betracht, obgleich er später auch den Versuch gemacht hat, sich den realistischen Schriftstellern zuzugesellen. (»Prusias«, »Die Claudier«, »Nero«, »Dombrowsky«, »Familie Hartwig« u. a.) Einen großen buchhändlerischen Erfolg erzielte seine kleine Gymnasialhumoreske: »Der Besuch im Carcer«.