Die »Jüngstdeutschen« und ihre Vorkämpfer.

Karl Bleibtreu, geb. am 13. Januar 1859 in Berlin, schrieb mehr Bände als er Jahre zählt und ist einer der großen Woller und kleinen Könner. Vielseitig veranlagt und ein geistreicher, witziger Kopf, irrlichtelierte er von einem Gebiete zu dem andern, ohne über Ansätze hinauszukommen und ohne Fähigkeit zur Konzentration und – Bescheidenheit. Ist Feuer in seinen Werken, so ist es sicher Brillantfeuer, das keine Wärme giebt und dessen Abbrennen teilnahmlos läßt. Von seinen zahlreichen Werken nennen wir nur »Dies irae, Erinnerungen eines französischen Offiziers«; die Aufzählung seiner dramatischen, lyrischen und epischen Produktion, wie seiner Glaubensbekenntnisse, müssen wir uns Raummangels wegen versagen. Die Broschüre: »Die Revolution der Litteratur«, die zum ersten Mal dem großen Publikum Kenntnis von den Absichten der »Jungen« gab, hat ein gewisses litterarhistorisches Interesse.

Michael Georg Conrad, geb. am 5. April 1846 zu Gnodstadt in Franken, eine eigenartig und scharf ausgeprägte Dichternatur mit einer ausgesprochenen Neigung zu politischer Bethätigung, gab in Gemeinschaft mit Karl Bleibtreu die »Gesellschaft« heraus, die er ganz in den Dienst der modernen Ideen stellte. Seine von Zola und einem jahrelangen Aufenthalt in Paris beeinflußten Romane: »Was die Isar rauscht«, »Die klugen Jungfrauen«, »Die Beichte des Narren«, »In purpurner Finsternis« u. a. sind nicht frei von Kraftmeierei und Übertreibungen.

Hermann Conradi, geb. am 12. Juni 1862 in Jeßnitz, gest. am 8. März 1890, eins der Häupter der Stürmer und Dränger, schrieb »Brutalitäten«, »Lieder eines Sünders« und die Romane: »Phrasen« und »Adam Mensch«, Werke, die von Brutalitäten, Phrasen, Menschlichem und Allzumenschlichem strotzen, und nur als documents humains von einigem Interesse sind.

Konrad Alberti (recte Konrad Sittenfeld), geb. am 9. Juli 1862 in Breslau, schrieb eine Reihe von Romanen, Novellen und Dramen im Stile der Jüngstdeutschen, unter denen die Romane »Wer ist der Stärkere?« und »Die Alten und die Jungen« die bedeutendsten sind. Seine spätere Produktion wandte sich dem Unterhaltungsroman zu und entbehrt jeder Eigenart. (»Die Rose von Hildesheim«, »Die schöne Theotaki« u. a.)

Heinrich Hart, geb. am 30. Dez. 1855 in Wesel, Kritiker der »Täglichen Rundschau«, gab in Gemeinschaft mit seinem Bruder die »Kritischen Waffengänge« heraus, durch die sie den Modernen, mit denen sie in ihrem dichterischen Schaffen sonst wenig Gemeinsames haben, nahetraten. Das hervorragendste Werk H.'s ist das Epos »Das Lied der Menschheit«.

Julius Hart, geb. am 9. April 1859 in Münster, Bruder des vorigen, schrieb teils selbständig, teils in Gemeinschaft mit seinem Bruder eine Reihe kritischer und dichterischer Werke, von denen wir die Gedichtsammlung »Sansara«, das Schauspiel »Sumpf«, die Prosadichtung »Sehnsucht« und das zweibändige, populär geschriebene Werk: »Geschichte der Weltlitteratur« hervorheben.

Hermann Heiberg, geb. am 17. Nov. 1840 in Schleswig, Herausgeber der Halbmonatsschrift »Niedersachsen«, stand ursprünglich mit den Modernen in engster Fühlung, glitt jedoch später ganz in das Fahrwasser der Unterhaltungslitteratur. Zu seinen bekanntesten Werken sind die »Plaudereien mit der Herzogin von Seeland«, »Apotheker Heinrich« und »Eine vornehme Frau« zu zählen, die sämtlich seiner ersten Schaffensperiode angehören.

Max Kretzer, geb. am 7. Juni 1854 in Posen, arbeitete sich vom Fabrikarbeiter zum Schriftsteller empor. Seine Romane, die stark realistisch gefärbt sind und ihm den Namen: der deutsche Zola eintrugen, spielen meist in den Arbeiterkreisen der Reichshauptstadt, die er vorzüglich kennt und zu portraitieren versteht. (»Meister Timpe«, »Der Millionenbauer«, »Die gute Tochter« u. a.) Mit seinem letzten Roman: »Das Gesicht Christi« ging er vom Realismus zum Symbolismus über.