Theodor Storm, geb. am 14. Sept. 1817 in Husum, gest. am 4. Juli 1888, folgte den Spuren Goethescher Lyrik. Ihn zeichnet ein feiner Natursinn und echtes tiefes Empfinden aus, so daß seine Lyrik vorbildlich für die besten dichterischen Talente unter den Modernen geworden ist. Stifter und Eichendorff, vielleicht noch Mörike, mögen sein Schaffen am stärksten beeinflußt haben. Neben der Lyrik (»Gedichte«) ist es besonders die Novelle, der Storm seine Thätigkeit zuwandte und für deren Entwicklung und Ausbau er das Meiste beigetragen hat. Als die besten novellistischen Erzeugnisse gelten Storms »Immensee«, »Von jenseits des Meeres«, »Vor Zeiten«, »Ein stiller Musikant«, »Psyche«, »Am Nachbarhause links«, »Der Schimmelreiter«.

Paul Heyse, geb. am 15. März 1830 in Berlin, wurde als Jüngling von Geibel dem König Maximilian mit den Worten vorgestellt: »Ein junger Goethe, Majestät!« Er ist ein moderner Dichter, wenn es auch eine Zeitlang zum guten Ton gehörte, ihn als abgethan zu betrachten. H. weiß immer etwas zu sagen und hat moderne Probleme lange vor der »neuen Schule« behandelt, von der ihn nur technische Fragen scheiden. Ein guter Schilderer menschlichen Innenlebens, wenns nicht zu tief nach »innen« geht, bekundet er in seinen Novellen und Romanen, von denen viele auf italienischem Boden spielen, eine Vorliebe für die Verirrungen des Weibes, namentlich der Frau von 40 Jahren. Eine vornehme, edle Sprache zeichnet alle seine Werke aus, er ist der Dichter der Schönheit und der Leidenschaft, wenn auch der Künstler mehr als der Mensch an ihnen Anteil hat. Von seinen Novellen und Romanen, die fast durchwegs moderne Menschen zu Helden haben, die sich über Gesetz und Sitte erheben, um der Stimme ihres Herzens zu folgen, seien hier nur angeführt: »Novellen« von 1855, 1858, 1859, 1862, »Meeraner Novellen«, »Troubadour-Novellen«, »Kinder der Welt«, »Im Paradiese«, »Roman der Stiftsdame«, »Merlin«, »Über allen Gipfeln«. Auch seine dramatische (»Ludwig der Bayer«, »Graf Königsmark«, »Elfriede«, »Alcibiades«, besonders aber »Hans Lange«) und lyrische Produktion (»Gedichte«, »Neue Gedichte und Jugendlieder«) verdient Erwähnung.


Die Formtalente der alten Schule.

Emanuel Geibel, geb. am 17. Oktober 1815 in Lübeck, gest. am 6. April 1884, war ein dichterisches Talent von großer Formgewandtheit, jedoch ohne besondere individuelle Prägung, wofür als Beweis gelten mag, daß seine »Gedichte« und »Neue Gedichte« mehr als hundert Auflagen erlebten. Den beiden ersten Gedichtbänden, deren Grundpfeiler deutsche Zucht und Art bilden, schlossen sich: »Gedichte und Gedenkblätter«, »Heroldsrufe«, »Klassisches Liederbuch«, »Romancero der Spanier und Portugiesen« (m. d. Grafen Schack) und »Spätherbstblätter« an, unterbrochen von der dramatischen Produktion G.'s (»Brunhild«, »Sophonisbe«). Die Kriegslyrik von 1870/71 hat ihm einige hübsche Gedichte zu verdanken. War G. auch keine eigenartige dichterische Persönlichkeit, so hat er doch eine Menge Nachahmer und Nachbeter gefunden.

Friedrich von Bodenstedt, geb. am 22. April 1819 in Peine (Hannover), gest. am 2. April 1892, wurde durch den Erfolg der »Lieder des Mirza Schaffy«, die man lange für Übersetzungen aus dem Orientalischen hielt, während es in Wirklichkeit eigene Fabrikate der B.'schen Muse sind, berühmt. Erfolgreich waren auch die Lieder »Aus dem Nachlaß des Mirza Schaffy«, während die anderen Dichtungen B.'s nur wenig von sich reden machten. Außer einer Reihe wissenschaftlicher Werke von zweifelhaftem Werte und meist recht gewandter Übersetzungen veröffentlichte B., den seine Zeitgenossen stark überschätzten: »Erinnerungen aus meinem Leben«.

Adolf Friedrich Graf von Schack, geb. am 2. Aug. 1815 zu Brüsewitz bei Schwerin als Sprosse eines alten Freiherrngeschlechtes, gest. am 14. April 1894, studierte Rechtswissenschaft und wandte sich dann der diplomatischen Carrière zu. Schack hat sich nicht nur als Dichter – er war ein hervorragend formalistisches Talent, ohne starke Individualität – sondern vor allem als Übersetzer und Litterarhistoriker einen Namen gemacht. Seine »Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spanien« gilt noch heute als das bedeutendste Werk über diesen Gegenstand. Als Lyriker wurde er von Platen, als Epiker von Byron beeinflußt. Seine Romane in Versen: »Durch alle Wetter«, »Ebenbürtig« u. a. enthalten zahlreiche Schönheiten, ohne doch einen vollen künstlerischen Eindruck zu hinterlassen. Zu seinen interessantesten Werken zählt die Selbstbiographie: »Ein halbes Jahrhundert«. Auch auf dramatischem Gebiete hat sich der Dichter versucht, ohne jedoch auf der Bühne festen Fuß fassen zu können.

Robert Hamerling, geb. am 24. März 1830 zu Kirchberg am Walde in Niederösterreich, gest. am 13. Juli 1889, hat eine verschiedenartige Beurteilung nicht nur als Mensch, was hier wenig interessiert, sondern auch als Dichter erfahren. Während die einen in ihm nur den in Farbenrausch schwelgenden Erotiker sehen, ziehen die anderen die genialsten Dichter der Weltlitteratur zum Vergleiche mit ihm heran. Sicher ist, daß die beiden großangelegten Epen: »Ahasver in Rom« und »Der König von Sion« farbenprächtige Schilderungen aufweisen, die ein ungewöhnliches Talent bekunden. Eine treffliche Leistung ist auch das satirische Epos »Homunculus«. Weniger Erfolg als seine Epen war seinen lyrischen Gedichtsammlungen: »Sinnen und Minnen« und »Blätter im Winde«, wie auch der fünfaktigen Tragödie »Danton und Robespierre« beschieden. Sein Leben beschrieb H. in den »Stationen meiner Lebenspilgerschaft«.

Albert Möser, geb. am 7. Mai 1835 in Göttingen, gest. am 27. Febr. 1900, ist als Dichter von Platen und Hamerling (vergl. M., Meine Beziehungen zu Robert Hamerling etc.) beeinflußt. (»Gedichte«, »Nacht und Sterne«, »Idyllen«, »Aus der Mansarde« etc.). Als Übersetzer der Dichtungen Pol de Monts war er ein Vermittler zwischen niederdeutschem und hochdeutschem Wesen.

Heinrich Vierordt, geb. am 1. Okt. 1855 in Karlsruhe, machte als Balladendichter, der vielfach den Volkston glücklich getroffen hat, von sich reden. Er schrieb »Gedichte«, »Lieder und Balladen«, »Neue Balladen«, »Akanthusblätter« (Dichtungen aus Italien und Griechenland) und »Vaterlandsgesänge«, die sich durch farbenprächtige Schilderungen und poetischen Schwung auszeichnen.