Schon im März beginnt der Schnee zu schmelzen und im Hochsommer wälzen sich gewaltige Fluten durch die Täler. Häufig werden dann alle Brücken fortgerissen und Muren gehen zu Tal.

Im westlichen Teil des Hindukusch vermißt man auch eiszeitliche Formen, wie wir sie aus den Alpen kennen. Trogtäler und Kare fehlen. Und so kommt es, daß die Bergwelt des westlichen Hindukusch einen Vergleich mit den Alpen nicht standhält, obwohl auch hier die Gipfel bis 5000 Meter aufragen.

Der Hindukusch bildet die Wasserscheide zwischen dem Flußgebiet des Indus und dem des Oxus. Schon seit ältesten Zeiten haben in seinen zerrissenen Tälern Völker Schutz und Zuflucht gefunden. Die Wogen der Weltgeschichte brandeten um seine Klippen. Griechische, skytische, mongolische Eroberer zogen mit ihren Heeren durch sein Reich und schon in ältesten Zeiten müssen auch die Arier auf ihrem Wege nach Indien seine Pässe gekreuzt haben. Einmal aber wird vielleicht der Hindukusch noch eine große Rolle spielen, nämlich dann, wenn der große Entscheidungskampf zwischen der englischen und russischen Vorherrschaft in Asien ausgetragen wird.

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INS TAL DER GROSSEN BUDDHAS

Wenn wir einen Blick auf die Landkarte werfen, so sehen wir, daß von dem Dache der Welt, den Pamiren, große Gebirgsketten gen Ost und West ausstrahlen. Auch der Hindukusch – das Rückgrat Afghanistans – kommt aus jener Gegend. In seinem östlichsten Teile, bei Tschitral, erreicht er Höhen über 7500 Meter, trägt hier auch gewaltige Gletscher, um gen Westen stetig an Höhe abzunehmen und in die Hügelketten nördlich des Parapomisus überzuleiten.

Da der Emir den Wunsch geäußert hatte, ich möchte die Kohle- und Eisenerzlagerstätten des westlichen Hindukuschgebietes besuchen, so brach ich Anfang Januar 1924 dorthin auf. Von der Regierung wurde mir ein Lastauto zur Verfügung gestellt, das uns bis an den Fuß des Gebirges, eventuell bis Bamian bringen sollte. Blaich, der einige landwirtschaftliche Begutachtungen vornehmen sollte, schloß sich mir an.

Es war ein kalter, düsterer Januarmorgen, als uns um acht Uhr in der Frühe das Auto abholte. Draußen schneite es; der Himmel war grau in grau; die großen, schwarzen Raben saßen regungslos auf dem Gesims unseres Hauses. Juma packte unsere Feldbetten zusammen, unser Gepäck wurde im Auto verstaut, wir wickelten uns in unsere Decken und Mäntel ein und fuhren ab. Als Führer hatten wir zunächst den Michmandar, einen jungen, aufgeweckten Afghanen, der für unser leibliches Wohl, für Unterkunft usw. zu sorgen hatte.

36. Kabul: Palast

Langsam fuhren wir die Straße am Kabulflusse entlang. Der Schneefall wurde stärker, von den umliegenden Bergen war nichts mehr zu erkennen. Plötzlich hielt unser Auto, wir mußten noch eine große Gesellschaft aufnehmen und ein Riesengepäck verstauen. Als alle Mann glücklich im Wagen untergebracht sind, war es so eng, daß man sich kaum rühren konnte, aber dies war schließlich auch ganz gut, denn so konnten wir uns gegenseitig wärmen. Zuerst war es mir ganz rätselhaft, wer diese große Gesellschaft eigentlich war, aber bald erfuhr ich, daß der Alte im Schafpelz, der mich an ein Bild erinnerte, das ich einst von Dschinghis Khan sah, unser Führer war. Er wurde von den anderen mit Schikar Sahib angeredet, was eigentlich auf deutsch der Herr Jäger bedeutet. Auf dem Führersitz saß außer dem Fahrer, dem Michmandar, nun der andere neue Gast, unzweifelhaft ein Europäer. Bald erfuhren wir denn auch, daß Abdul Kerim, wie er von den Afghanen genannt wurde, ein Pole war, der Mohammedaner geworden und als Ingenieur in die Dienste des Emir getreten war. Ferner waren noch zwei bis drei Diener mitgekommen.